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ERDERWÄRMUNG: «Der Alpenraum wird künftig nicht mehr der gleiche sein»

Die Temperaturen steigen, und die Schweiz ist davon als alpines Land stark betroffen. Was auf uns zukommen könnte, zeigt sich bereits im Berner Oberland. Ein Rundgang.
Dominic Wirth
Daran gewohnt, dass die Politik in Sachen Klimawandel zu wenig hinhört: Wissenschafter Rolf Weingartner. (Bild: Corinne Glanzmann (10. April 2017))

Daran gewohnt, dass die Politik in Sachen Klimawandel zu wenig hinhört: Wissenschafter Rolf Weingartner. (Bild: Corinne Glanzmann (10. April 2017))

Dominic Wirth

Das Berner Oberland gehört an diesem Tag ganz der Sonne. Sie strahlt auf die Flanken der Berggipfel, weckt Wiesen und Wälder, glitzert im Thunersee. Am Rand des Sees klatscht das Wasser sanft an die Ufermauern. Dort steht ein Mann, der gerade gar keinen Sinn für diese Idylle hat. Rolf Weingartner hat Mäppchen mitgebracht, einen ganzen Stapel. Der Professor an der Universität Bern zieht Blätter hervor, fährt mit dem Finger über Diagramme und Kurven. Es geht um Niederschlagsmengen und um Nullgradgrenzen, vor allem aber um die Erderwärmung, also: den Klimawandel. Und darum, was er für die Schweiz bedeutet und für Landschaften wie jene des Berner Oberlands, die an diesem Morgen so friedlich in der Sonne liegt.

«Der Alpenraum wird künftig nicht mehr der gleiche sein. Wir müssen uns daran gewöhnen, dass das System im Ungleichgewicht ist», sagt Weingartner, der Geograf ist, Hydrologe, um genau zu sein. Der Klimawandel beschäftigt ihn schon seit Jahrzehnten. Der 63-Jährige hat am Bericht «Brennpunkt Klima Schweiz» mitgearbeitet. Darin haben Forscher im letzten Jahr die Folgen des Klimawandels für die Schweiz zusammengetragen. Und er sitzt im OcCC, einem Gremium bedeutender Wissenschafter, das der Umweltministerin Doris Leuthard in Sachen Klimapolitik mit Rat und Tat zur Seite steht. 2017 ist ein wichtiges Jahr, ein Klimapolitik-Jahr, wenn man so will. Denn die Schweizer Politiker und das Stimmvolk werden in nächster Zeit einige wichtige Gesetzespflöcke einschlagen.

Der Professor, ein Mann mit Brille, kahlem Kopf und Dreitagebart, schaut hinauf zu den Bergen. Zur Blüemlisalp, zu Eiger, Mönch und Jungfrau, deren Gipfel hinter dem Thunersee in den Himmel ragen. Dann zeigt er auf eine Grafik, auf der lauter kleine Schweizen abgebildet sind, für jedes Jahr eine. Sie sind zuerst blau und werden dann rot. Dann wird das Rot dunkler und dunkler. Denn in der Schweiz wurde es zuletzt stetig wärmer. Am dunkelsten ist das Rot im Jahr 2015. «Der Wandel ist bereits im Gang», sagt Weingartner, «und das wird sich oben in den Bergen auswirken – und hier unten, in den Siedlungsräumen. Denn das hängt alles zusammen.»

1,8 Grad wärmer seit 1864

Die Welt erwärmt sich, daran gibt es keinen Zweifel. Und für Wissenschafter wie Rolf Weingartner gibt es auch keinen Zweifel, wer daran hauptsächlich schuld ist: Die Menschen und die von ihnen verursachten Treibhausgas-Emissionen. Um 0,85 Grad ist es auf der Welt seit 1880 im Mittel wärmer geworden. Doch diese Zahl gilt nicht für alle Länder. Es gibt auch jene, in denen die Temperatur stärker angestiegen ist. Die den Klimawandel also besonders zu spüren bekommen. Zu ihnen gehört auch die Schweiz. Seit dem Messbeginn 1864 ist es hier sogar um 1,8 Grad wärmer geworden.

Allerdings sind die Temperaturen nicht gleichmässig angestiegen, im Gegenteil: Es ist in den letzten Jahrzehnten rasant wärmer geworden im Land. Das zeigen die kleinen Schweizen auf dem Papier von Rolf Weingartner. Sie sind mittlerweile so rot, dass es irgendwann eine andere Farbe braucht, wenn es so weitergeht. 2015 war das wärmste Jahr seit Messbeginn. Von den 20 wärmsten Jahren seit 1864 sind 17 in den letzten 27 Jahren aufgetreten.

«Die Schweiz als alpines Land ist vom Klimawandel besonders betroffen», sagt Weingartner, und wenn man genau hinschaut, lässt sich das schon vielerorts ­beobachten, gerade in den Bergen. Es knirscht und knarzt im Schweizer Gebälk, und was früher einmal war, könnte schon bald nicht mehr gelten. Im Berner Oberland, einem Hotspot in Sachen Klimaerwärmung, zeigt sich da und dort schon, was der Klimawandel mit der Schweiz macht. Und was in Zukunft noch alles auf uns zukommen könnte.

Hochwasser – und dann Wassermangel

In Thun liegt der See an diesem Tag ruhig da. Doch das war auch schon anders, regelrecht geplagt hat er die hübsche Kleinstadt in den letzten Jahren. 1999 und 2005 kam es zu Hochwassern, wie es sie zuvor in 100 Jahren nicht gegeben hat. Für den Hydrologen Rolf Weingartner ist klar, dass daran auch der Klimawandel mitschuldig war. Seit 2009 gibt es in Thun nun einen Entlastungsstollen, einen unterirdischen Tunnel mit einem Durchmesser von über fünf Metern. Er soll zusätzlich Spielraum verschaffen, um Hochwasser zu vermeiden.

Massnahmen wie in Thun, wo der Bau des Entlastungsstollens über 60 Millionen Franken verschlungen hat, könnten künftig vermehrt auf die Schweiz zukommen. Denn Rolf Weingartner sagt, dass die Hochwassergefahr wegen des Klimawandels künftig noch steigen wird. Zwar erwarten die Forscher für die Schweiz keine Veränderung der jährlichen Niederschlagsmengen, im Gegensatz zu anderen Gegenden Europas. Doch weil es immer wärmer wird und dadurch die Nullgradgrenze steigt, wird es künftig intensiver regnen – und seltener schneien. Das erhöht die Hochwassergefahr, weil der Niederschlag nicht mehr als Schnee liegen bleibt, sondern direkt abfliesst. Befeuert wird diese Entwicklung durch das Abschmelzen der Schweizer Gletscher: Bis zum Ende des Jahrhunderts dürfte der grösste Teil von ihnen verschwunden sein.

Gerade der alpine Raum wird künftig also zu gewissen Jahreszeiten vermehrt mit Hochwassern konfrontiert sein. Paradoxerweise zeichnet sich ab, dass anderswo das Wasser fehlen wird. Weingartner spricht von einer «Kalifornisierung», die dem Schweizer Mittelland drohe. «Wir werden trockenere Sommer haben, weil es dann weniger oft regnen wird – und auch, weil der Schnee als natürlicher Wasserspeicher in den Alpen an Bedeutung verliert. Dieses Wasser fehlt dann im Mittelland», sagt er. 40 Prozent des Schweizer Wassers ist heute ursprünglich Schnee. Dieser Anteil wird auf rund 25 Prozent zurückgehen. Der Schneemangel wird künftig nicht nur den Skigebieten zu schaffen machen, die im Berner Oberland mancherorts schon heute 70 Prozent ihrer Pisten künstlich beschneien. Sondern er wird auch für die Wasserversorgung zum Problem.

Auch hoch oben in Kandersteg, gut 30 Kilometer entfernt von Thun, nagt der Klimawandel an der Natur. Die mächtigen Felswände der Berner Alpen sind dort ganz nah. Auf dem flachen Talboden breitet sich das Dorf aus. In den umliegenden Wiesen liegen riesige Felsblöcke. Sie sind Zeugnisse der Vergangenheit, als Felsstürze den Talkessel auffüllten. Peter Mani glaubt, dass sie auch Vorboten der Zukunft sein könnten. Der Naturgefahren-Experte steht zwischen den Holzhäusern im Kandersteger Dorfkern. Mani hält eine Karte in der einen Hand und zeigt mit der anderen auf einen Berggipfel, der hoch über dem Dorf thront: den Doldenstock, 3222 Meter hoch. «Er könnte eines Tages kommen», sagt Mani dann, und er meint, dass der Fels eines Tages einfach abbrechen könnte – und Richtung Dorf stürzen. Auf seiner Karte ist das Gebiet um den Doldenstock rot markiert, überhaupt wimmelt es auf ihr nur so vor lauter roter ­Flächen.

Der Kitt aus Eis droht wegzuschmelzen

«Berner Gefahrenhinweiskarte Periglazial», so nennt sich das Dokument. Es zeigt, was wegen des Klimawandels in Sachen Naturgefahren auf den Kanton zukommen könnte. Der Geograf Mani hat an der Karte mitgearbeitet. Sie ist nichts weniger als eine Ansammlung von Horrorszenarien. Jede schraffierte Fläche – rot für Felsstürze, violett für Murgänge, dieses Gemisch aus Schlamm, Erde und Steinen – steht für eine Bergflanke oder einen Gipfel, der dereinst in Bewegung geraten könnte. Die Forscher befürchten, dass in den Schweizer Alpen Bergflanken, die über Jahrhunderte stabil waren, einfach abrutschen könnten. Denn die wärmeren Temperaturen lassen nicht nur die Gletscher schmelzen und den Schnee knapp werden. Sie wirken sich auch dort aus, wo man es nicht sieht: in den Permafrostböden.

In diesen Sediments- oder Gesteinsschichten, die ab 2500 Metern Höhe vorkommen, liegen die Temperaturen unter dem Gefrierpunkt. Weil es aber immer wärmer wird, könnte sich das ändern – und die Permafrostböden in Bewegung geraten, da der eisige Kitt plötzlich fehlt. In den Berner Alpen sind 12 Prozent der Böden das ganze Jahr über gefroren. Wie sehr der Klimawandel ihnen zusetzt, ist noch weitgehend unerforscht. Im August letzten Jahres hat der Kanton Bern deshalb oben beim Doldenstock eine Messstation eingerichtet. Sie soll aufzeichnen, was im Inneren des Bergs passiert. «Wir müssen herausfinden, wie schnell sich die Temperaturen verändern», sagt Peter Mani, «damit wir abschätzen können, wie instabil es dort oben werden kann.»

Rolf Weingartner, der Berner Professor, fährt an freien Tagen gerne mit dem Zug hinauf nach Kandersteg. Er kennt die Gegend gut, schon oft ist er durch die Berghänge gewandert. Eigentlich wollte Weingartner einst Lehrer werden, doch dann hat ihn die Geografie gepackt – und nicht mehr losgelassen, weil er dank ihr gelernt hat, was die Welt im Innersten zusammenhält. Der gebürtige Innerschweizer ist kein lauter Mann, aber er spricht mit fester, ruhiger Stimme, und er besitzt die Gabe, komplexe Sachverhalte in ein paar Sätzen zu vermitteln. Das Problem ist nur, dass man ihm immer noch zu selten zuhört.

Weingartner hat sich daran gewöhnt, dass nur wenige Politiker kommen, wenn er mit seinen Kollegen vom Klimaforum Proclim während der Session einen Informationsanlass zum Klimawandel durchführt. Und er ärgert sich darüber, dass die Folgen des Klimawandels auch in der Schweiz immer noch unterschätzt werden. Weingartner ist keiner, der vorschnell Alarm schlägt. Aber er sorgt sich, dass die Welt ihr Problem erst dann richtig angeht, wenn es schon nichts mehr hilft. «Wir handeln eigentlich immer reaktiv, und bisher ging das einigermassen auf. Jetzt haben wir aber ein Problem, das wir im Nachhinein nicht mehr lösen können. Wenn die Treibhausgase in der Luft sind, ist es zu spät», sagt Weingartner.

Er setzt nun auch auf die Schweizer Politik, die in nächster Zeit in der Klima- und Energiepolitik einige Weichen zu stellen hat. Das Parlament berät dieses Jahr über die Ratifizierung des Pariser Klimaabkommens und wird sich Ende Jahr auch über das neue CO2-Gesetz beugen, mit dem der Treibhausgas-Ausstoss der Schweiz reduziert werden soll. Zudem steht die Abstimmung über die Energiestrategie 2050 vor der Türe, die unter anderem auch eine massive Reduktion des Energieverbrauchs vorsieht. «Die Schweiz kann den Klimawandel nicht aufhalten, aber sie sollte als reiches, innovatives Land eine Vorreiterrolle einnehmen und zum Beispiel zeigen, dass die Energiewende möglich ist», sagt Weingartner. Die Energiestrategie ist für ihn ein «Schritt in die richtige Richtung, aber er genügt noch nicht».

Schneisen im Hang, Geröllwüsten im Tal

Was auf viele Alpentäler wegen des Klimawandels in Zukunft zukommen könnte, zeigt sich weit hinten im Berner Oberland, in der Gemeinde Guttannen im Haslital, besonders eindrücklich. Steil ragen dort die Hänge des engen Tals zum Himmel. Weil der Permafrost aufgetaut ist, sind einige von ihnen in den letzten Jahren in Bewegung geraten. Oberhalb des Weilers Boden pflügen sich immer wieder Murgänge Richtung Tal; wie eine riesige Narbe zieht sich eine Schneise durch den Berghang.

Unten im Tal sieht es manchenorts aus wie in einer Geröllwüste, so viel Gestein hat sich mittlerweile angesammelt. Wie lange die Bewohner der jahrhundertealten Siedlung Boden noch in ihren Häusern bleiben können, steht in den Sternen. Rolf Weingartner sagt, dass solche Prozesse vielerorts im Alpenraum drohen, er spricht gar von einer «Zeitbombe». Und er hofft, dass nicht viele von ihnen hochgehen müssen, bevor der Klimawandel auch in der Schweiz richtig ernst genommen wird.

Alles hängt zusammen: Die Berner Alpen, der Thunersee und das Hochwasser. (Bild: Corinne Glanzmann (10. April 2017))

Alles hängt zusammen: Die Berner Alpen, der Thunersee und das Hochwasser. (Bild: Corinne Glanzmann (10. April 2017))

Angst vor dem Absturz: Der Doldenstock, 3222 Meter über Meer - und dem Dorf Kandersteg. (Bild: Corinne Glanzmann (10. April 2017))

Angst vor dem Absturz: Der Doldenstock, 3222 Meter über Meer - und dem Dorf Kandersteg. (Bild: Corinne Glanzmann (10. April 2017))

Eine Schneise wie eine riesige Narbe: Murgänge bei Guttannen im Haslital. (Bild: Dominic Wirth)

Eine Schneise wie eine riesige Narbe: Murgänge bei Guttannen im Haslital. (Bild: Dominic Wirth)

Die Abweichung der Jahrestemperatur in der Schweiz vom Durchschnitt der Periode 1961–1990. (Bild: Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie/Grafik: fr)

Die Abweichung der Jahrestemperatur in der Schweiz vom Durchschnitt der Periode 1961–1990. (Bild: Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie/Grafik: fr)

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