Erste Bilanz
10 Millionen verteilte Selbsttests – doch was das bringt, steht in den Sternen

Fast jeder zweite erwachsene Schweizer hat sich laut Pharmasuisse bereits mit Selbsttests versorgt. Doch niemand weiss, welchen Einfluss das auf die Fallzahlen hat.

Dominic Wirth
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Vorderhand nur in den Apotheken erhältlich: Selbsttest auf Covid-19.

Vorderhand nur in den Apotheken erhältlich: Selbsttest auf Covid-19.

Bild: Sandra Ardizzone

Die Aufregung war gross, als die Selbsttests endlich auch in der Schweiz zu bekommen waren. Hier und da bildeten sich gar Warteschlangen vor den Apotheken. Das ist nun drei Wochen her. Und eine aktuelle Bestandesaufnahme von Pharmasuisse, dem Branchenverband der Schweizer Apotheker, zeigt: Bis anhin gingen 9,6 Millionen Schnelltests über die Theken. Bezogen wurden sie laut Pharmasuisse über 3 Millionen Menschen.

Bei den Zahlen, betont der Verband, handle es sich um eine Hochrechnung. Doch was lässt sich aus ihnen herauslesen? 3 Millionen Bezüger – ist das gut, oder ist es schlecht? Martine Ruggli, die Präsidentin von Pharmasuisse, spricht von einem Erfolg, sie benutzt sogar das Wort «super». Ruggli weist darauf hin, dass damit etwa 40 Prozent der erwachsenen Bevölkerung zugegriffen habe, und dass mittlerweile über 1,5 Millionen Menschen zumindest einmal geimpft worden seien. «Vermutlich sehen die geimpften Personen die Notwendigkeit für einen Selbsttest nicht mehr», sagt Ruggli.

Nach der Anfangseuphorie ist die Nachfrage abgeflacht

Bevor die Selbsttests verteilt wurden, trat Ruggli an einer Pressekonferenz auf und warnte die Leute davor, gleich am ersten Tag in die Apotheken zu stürzen. Jetzt heisst es bei Pharmasuisse, am Anfang sei die Nachfrage sehr gross gewesen, zuletzt aber abgeflacht. Das habe auch damit zu tun, dass vier Wochen warten müsse, wer seine ersten fünf Gratis-Tests bezogen hat.

Lieferengpässe, das legen Zahlen des Bundesamts für Gesundheit nahe, drohen so rasch keine: Laut dem Amt hat Roche, der Hersteller der Selbsttests, der Schweiz 25 Millionen Tests pro Monat zugesichert. 21 Millionen wurden bisher ausgeliefert. Das bedeutet, dass die Reserven in den Apotheken beträchtlich sind.

Bleibt noch die Frage, was die Selbsttests gebracht haben. Und die ist kaum zu beantworten. Das BAG hat die Bedeutung der Selbsttests stets kleingeredet und betont, dass die Teststrategie auf drei Pfeilern beruht, von denen die Selbsttests der unwichtigste sind. Dazu passt, dass das Amt jetzt auch wenig unternimmt, um herauszufinden, wie sich die Einführung der neuen Testart ausgewirkt hat. So weiss das BAG etwa nicht, wie viele PCR-Tests vorgenommen wurden, weil zuvor ein Selbsttest positiv ausgefallen war. Ein Sprecher sagt auf Anfrage, dies werde nicht erhoben.

Mikrobiologe fordert mehr Daten

Der Lausanner Mikrobiologe Gilbert Greub hält das für eine verpasste Chance. Er stand schon der Einführung der Selbsttests kritisch gegenüber, weil ihre Zuverlässigkeit just dort tief ist, wo das BAG ihre Anwendung empfiehlt: bei symptomlosen Personen, die sich etwa vor einem privaten Treffen sicherheitshalber testen wollen.

Mikrobiologe Gilbert Greub

Mikrobiologe Gilbert Greub

PD

Wenn man diese Tests dennoch einführe, sagt Greub, müsse man wenigstens ihre Wirkung genau beobachten. «Das kann man nur, indem man so viele Daten wie möglich sammelt – etwa dazu, wie viele PCR-Tests aufgrund positiver Selbsttests vorgenommen wurden», sagt Greub. Nur so sei es möglich, die Nützlichkeit der Tests zu beurteilen. An seinem Institut am Lausanner Universitätsspital hat er ein entsprechendes Monitoring eingerichtet.

Seit der Einführung der Selbsttests kristallisieren sich zwei Trends heraus. Einerseits sinkt die Zahl der durchgeführten PCR- und Antigen-Tests. Und andererseits steigt bei den PCR-Tests die Positivitätsrate. Gilbert Greub sagt, dass ihm insbesondere die sinkenden Testzahlen Sorgen bereiten. «Das könnte darauf hindeuten, dass die Leute auch dann zu Selbsttests greifen, wenn sie Symptome haben», sagt der Mikrobiologe. Das wiederum wäre gefährlich, weil falsche negative Testergebnisse dann dazu führen könnten, dass sich Betroffene zu sorglos verhalten – und das Virus verbreiten.

Die Komponenten eines Coronavirus Antigen-Selbsttests.

Die Komponenten eines Coronavirus Antigen-Selbsttests.

Bild: Christian Beutler / KEYSTONE

Für die gestiegene Positivitätsrate sieht Greub zwei Erklärungen: Zum einen, dass PCR-Tests vermehrt nach positiven Selbsttests vorgenommen werden – und diese das Ergebnis betätigen. Zum anderen, so Greub, könnte die Ursache aber auch einfach die gesunkene Zahl der Tests sein.

Um mehr Licht ins Dunkel zu bringen, hofft Greub, dass das BAG künftig mehr Daten zu den Selbsttests sammelt. Auch die Apotheken haben das Thema auf dem Schirm. Pharmasuisse-Präsidentin Martine Ruggli sagt, man sei bestrebt, mehr darüber zu erfahren, wie die Leute die Selbsttests einsetzen und was sie etwa tun, wenn er positiv ausfällt. Entsprechende Umfragen sollen bald gestartet werden, so Ruggli.