Erste Roboter-Farm in Basel: Jetzt kommt der Salat aus dem Cyber-Labor

In Basel entsteht die erste Roboter-Farm der Schweiz. Mit im Boot: Die Migros. Ist die Landwirtschaft am Ende?

Anna Miller
Hören
Drucken
Teilen
Ein Mitarbeiter kontrolliert Salat in einer Vertical Farm in der japanischen Stadt Kyoto.

Ein Mitarbeiter kontrolliert Salat in einer Vertical Farm in der japanischen Stadt Kyoto.

Bild: Charly Triballeau/AFP

Der Medienmitteilung, die jüngst verschickt wurde, haftete etwas Stolzes an, dieser Sound, den man rausliest, wenn zwei Unternehmen der Meinung sind: Wir revolutionieren, und das nicht zu knapp. Verschickt hatten die Nachricht das Tech-Start-up Growcer mit Sitz in Basel und die Genossenschaft Migros Basel. Ihr gemeinsames, noch ungeborenes Kind: die erste «Robotic Vertical Farm» der Schweiz.

Geplant sind drei Hallen, rund 400 Quadratmeter Nutzfläche auf dem Wolf-Areal in Basel, in welcher Gemüse «regional, wetterunabhängig, pestizidfrei und wassersparend» angebaut werden soll. Von Robotern, die vom Säen über das Bewässern bis zum Ernten vollautomatisch die Arbeit übernehmen. Vertical Farming steht ursprünglich für Landwirtschaft in Stadtzentren, wo der Platz begrenzt ist oder die klimatischen Bedingungen für den Anbau von Lebensmitteln extrem schwierig sind, wie etwa in Hongkong oder Dubai.

In Basel entsteht die vertikale Farm im stillgelegten Abschnitt des Basler Güterbahnhofs. Die Produktionskammern sind von der Umwelt abgeriegelt, dadurch kann ganzjährig ohne Erde, ohne Pestizide und mit bis zu 90 Prozent weniger Wasser produziert werden, wie die Migros schreibt. «Zudem ist der Flächenverbrauch minimal, da sich die Beete stapeln lassen. So entsteht auf einer Fläche von 400m2 rund 1000m2 Anbaufläche.» Man könne ganzjährig Blattgemüse und Kräuter produzieren und diese innert Stunden ab Ernte liefern.

So sollen die Kammern der Vertical Farm in Basel aussehen.

So sollen die Kammern der Vertical Farm in Basel aussehen.

Bild: PD

Produkte wie Pak Choi und Wasabi-Rucola

Was konkret angepflanzt wird, will die Migros Basel nicht verraten. Growcer lässt derweil Konkreteres durchblicken: So soll das erste Produkt ausgerechnet Pak Choi sein. Ein asiatisches Wurzelgemüse, regional? Erlaubt ist es – weil der Begriff sich auf den Produktionsort bezieht, und nicht auf das Ursprungsland des Gemüses.

Der Preis der insgesamt sechs Produkte, die bis Sommer 2020 auf den Markt kommen sollen, bewegt sich laut Growcer auf dem Niveau von Bio-Ware. Die Verpackung wird rezyklierbar sein, zwischen Ernte und Verkaufszeitpunkt im Basel Dreispitz soll rund eine Stunde liegen. Falls das Projekt gut startet, ist angedacht, zu einem späteren Zeitpunkt weitere Gemüse und auch Früchte ganzjährig zu produzieren – und weitere Filialen zu beliefern.

Bei der Migros landet rund 70 Prozent Inlandware in den Gemüsekisten, die restlichen 30 Prozent werden importiert. Für den Geschäftsführer von Growcer, Marcel Florian, ist das mit ein Argument, warum Vertical Farming Zukunft hat. «Wir wollen den Import-Anteil senken, indem wir regional produzieren, unter stabilen Bedingungen und innerhalb eines geschlossenen Kreislaufs», sagt Florian. Die Schweiz habe nur eine beschränkte Nutzfläche für den Anbau von Lebensmitteln, die Bevölkerung wachse, und auch die Städte würden grösser. «Und hierzulande sind die Menschen eher bereit, für Lebensmittelqualität noch mehr zu bezahlen als im Ausland.»

Das müssen sie wohl auch: Vertical Farming ist im Moment noch sehr kostspielig, weil es technologisch sehr anspruchsvoll ist. Auch deshalb wurden erste Versuche in diesem Bereich in der Schweiz und auch im Ausland in den letzten Jahren immer wieder abgebrochen – oder überlebten nicht lange. Auch, weil die Bevölkerung der Idee noch skeptisch gegenübersteht.

Werden nun Bauern schrittweise durch Roboter ersetzt? Diese Angst sei unbegründet, sagt die Migros. «Der Roboter wird die Landwirte nie ersetzen können, sondern sie lediglich unterstützen. Die Arbeiten, die der Roboter übernimmt, sind repetitiv und körperlich anstrengend» – diese Abläufe würden schon heute nicht mehr die Landwirte, sondern mehrheitlich Hilfsarbeiter übernehmen. Und dort herrsche ohnehin Personalmangel.

Konsequenzen steriler Ernährung kaum erforscht

Die Macher argumentieren auch damit, dass die sterile, pestizidfreie Aufzucht gesundes Gemüse hervorbringt. Doch: Was genau diese Sterilität mit uns macht, darüber wisse man aus Sicht der Forschung noch viel zu wenig, sagt Ranka Junge, Leiterin des Zentrums für Ecological Engineering an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW. Professorin Junge gibt zu bedenken, dass Bakterien und Mikroorganismen für eine funktionierende Gesundheit beim Menschen ausschlaggebend sein können.

«Die Konsequenzen einer fast sterilen Ernährung sind unklar.»

Das Leben von Organismen sei nicht einfach absolut kontrollierbar. «Vertical Farming ist zukunftsweisend und relevant – wir müssen aber viele offene Fragen klären.» Vor allem in der Schweiz würden sich genügend spannende Alternativen ergeben durch Infrastruktur, die bereits gegeben sei – beispielsweise durch Flachdächer, auf denen Gemüse, das viel Sonnenlicht benötige, angebaut werden könne. «Für die Forschung ist die Schweiz der richtige Ort, für den vertikalen Anbau eher weniger», sagt Junge.

Das Projekt steckt noch in den Kinderschuhen. Man sei gerade dabei, die erste von insgesamt drei Hallen fertig einzurichten, sagt die Migros. Der Ernteertrag wird sich dabei im Promillebereich bewegen. Coop lässt derweil ausrichten, man habe zwar Vertical-Farming-Optionen evaluiert, bisher aber keinen Anbieter gefunden, «der unseren hohen Anforderungen an ein solches System gerecht wird». Der Schweizerische Bauernverband sieht im Vertical Farming denn nicht etwa eine Konkurrenz, sondern eine Chance. «Die neue Technologie bietet interessante Möglichkeiten für gewisse Kulturen und ist so eine Alternative zu dem, was in der konventionellen Landwirtschaft angebaut wird», sagt Sandra Helfenstein.

Der Produktionswert der Schweizer Bauern beläuft sich laut Verband auf rund elf Milliarden Franken pro Jahr. Gemüse- und Gartenbau schlagen mit 13 Prozent zu Buche. «Wir haben vergleichsweise wenig Bauern, die im Gemüseanbau tätig sind – ihr Beitrag am Gesamtmarkt ist jedoch überdurchschnittlich», sagt Helfenstein. Dass die traditionelle Landwirtschaft überflüssig werde, sei unwahrscheinlich – schon deshalb, weil die Schweiz ein Grasland sei; und beispielsweise Getreide rein flächentechnisch für Cyber-Farmen wohl kaum in Frage käme. «Die entscheidende Frage wird sein, was die neue Ware kostet, im Vergleich zur konventionellen Produktion. Ist sie günstiger, wird das Druck auf die Gemüsebauern ausüben», sagt Helfenstein. Dann käme der Preisdruck nicht nur von ausländischer Ware, sondern auch aus dem Inland.

Beim Verband der Schweizer Gemüseproduzenten heisst es nüchtern, für eine Einschätzung sei es zu früh. Und sowieso: Es gebe über 100 Gemüsearten. «Am Ende muss der Konsument entscheiden, was er essen will», sagt Sprecher Markus Waber. Ob mit Hilfe von Roboter geerntet oder nicht: Von Salat alleine werde der Mensch sich wohl nicht ernähren.