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ERZBISCHOF: «Im Inhalt herrscht zwischen den beiden Päpsten Kontinuität»

Georg Gänswein steht im Dienst von zwei Päpsten. Franziskus und Benedikt unterscheiden sich im Stil, nicht aber im Inhalt, sagt er. Und erklärt die grosse mediale Präsenz der Muslime.
Interview Kari Kälin
Erzbischof Georg Gänswein, fotografiert vor der Schwarzen Madonna in der Gnadenkapelle des Klosters Einsiedeln. (Bild Pius Amrein)

Erzbischof Georg Gänswein, fotografiert vor der Schwarzen Madonna in der Gnadenkapelle des Klosters Einsiedeln. (Bild Pius Amrein)

Erzbischof Georg Gänswein, Sie sind Sekretär des emeritierten Papstes Benedikt und als Präfekt des Päpstlichen Hauses für die Terminplanung von Papst Franziskus verantwortlich. Wie sieht Ihr Tagesablauf aus?

Erzbischof Georg Gänswein: Meine Hauptaufgabe ist der Dienst für Papst Franziskus. Die Präfektur ist zuständig für die Audienzen des Papstes. Vormittags und nachmittags arbeite ich in der Präfektur. Ich wohne bei Papst Benedikt im Kloster Mater Ecclesiae. Dorthin hat er sich zurückgezogen. Wir feiern zusammen die heilige Messe, beten den Rosenkranz, nehmen gemeinsam die Mahlzeiten ein. Ich bereite die Post vor und helfe bei der Korrespondenz.

Ruft bei Ihnen das Weisse Haus an, und am anderen Ende des Drahtes bittet Barack Obama um eine Audienz bei Papst Franziskus?

Gänswein: Das ist eine romantische Vorstellung. Kein Präsident der Welt ruft selber an. Die Treffen werden über die offiziellen diplomatischen Kanäle vereinbart. Wir erhalten sehr viele schriftliche Anfragen. Da gilt es – von der Privataudienz mit einem Staatsoberhaupt bis zur Generalaudienz, die jeden Mittwoch auf dem Petersplatz stattfindet –, alle Termine zu koordinieren.

Erteilen Sie viele Absagen?

Gänswein: Papst Franziskus empfängt Persönlichkeiten aus der Welt der Politik, des Sports, der Kultur und internationaler Organisationen. Wenn es geht, werden Absagen vermieden. Doch dies ist nicht immer möglich. Auch bei berühmten Persönlichkeiten gilt: Wir können nicht gleich am nächsten oder übernächsten Tag einen Termin anbieten.

Wie geht es Benedikt?

Gänswein: Papst Benedikt hat sein Amt niedergelegt, weil er nicht mehr genügend Kraft für diese grosse Verantwortung hat. Benedikt ist 87-jährig und spürt natürlich das Alter. Er hat sich nach dem Rücktritt aber gut erholt und ist sehr klar im Kopf. Benedikt lebt mit sich und der Welt in Frieden. Er betet und liest viel, hat eine umfangreiche Korrespondenz und empfängt Besucher.

Es heisst, Sie hätten versucht, Benedikt umzustimmen und ihn zum Verbleib im Papstamt zu bewegen. Stimmt das?

Gänswein: Das ist nicht ganz korrekt. Als er mir seinen Rücktritt mitgeteilt hat, lautete meine spontane Reaktion: «Das geht nicht.» Ich habe Benedikt aber nicht bearbeitet, damit er seinen Beschluss rückgängig macht. Das hätte keinen Sinn gemacht. Die Würfel waren gefallen. Benedikt hat mir eine Entscheidung mitgeteilt und mich nicht um meine Meinung zu einem Entscheid gefragt.

Sie hatten keine Anzeichen für den Rücktritt?

Gänswein: Nein. Natürlich habe ich registriert, dass Benedikt mit sich rang. Aber ich hätte nicht gedacht, dass die Amtsniederlegung zur Disposition stand.

Benedikt gilt als intellektueller und introvertierter Papst, Franziskus als volksnaher und extrovertierter Oberhirte. Stimmt dieses Bild mit der Realität überein?

Gänswein: Die Unterschiede in zwei, drei Begriffe zu pressen, wird der Realität nicht gerecht. Dass sich die beiden in Stil und Art unterscheiden, liegt auf der Hand. Franziskus geht direkt auf die Menschen zu, er ist unmittelbar und hat sofort Kontakt mit den Menschen. Benedikt ist da viel zurückhaltender und wirkt fast schüchtern. Franziskus ist kommunikativ hoch talentiert.

Franziskus pflegt einen offenen Stil – ein Zeichen, dass sich die katholische Kirche neu orientiert?

Gänswein: Die unterschiedliche Art in der Kommunikation sagt noch nichts über die Inhalte, die Benedikt und Franziskus verkünden. Wer die Enzykliken liest und bei den Predigten zuhört, stellt fest: Im Inhalt, in der katholischen Lehre, herrscht zwischen den beiden Päpsten absolute Kontinuität.

Gleichwohl ist vom Franziskus-Effekt die Rede. Der neue Papst nährt in unseren Breitengraden Hoffnungen auf Reformen.

Gänswein: Wo der neue Papst auftaucht, ist immer viel los. Das ist zunächst etwas Gutes. Personenkult lehnt Franziskus aber ab. Er möchte nicht die Leute an sich, sondern durch sich näher an Christus binden. Wenn der Franziskus-Effekt tatsächlich zu einem vertieften Glauben führt, dann sollte er so lange wie möglich anhalten.

Viele Katholiken hegen hohe Erwartungen in die Bischofssynode zum Ehe- und Familienleben, die im Oktober 2014 und 2015 in Rom stattfinden wird. Franziskus hat dazu die Bistümer in der ganzen Welt gebeten, einen Fragebogen auszufüllen. Dabei geht es unter anderem um Themen wie die Kommunion für geschiedene Wiederverheiratete oder die Anerkennung von homosexuellen Paaren. Stehen wir hier vor einer Reformwelle?

Gänswein: Mit der Familiensynode tritt der Vatikan dem übrigens unberechtigten Vorwurf entgegen, er wüsste nicht, was und wie die Basis denkt. Die Inhalte der Umfrage hätten eigentlich vertraulich bleiben sollen. Einige Bischofskonferenzen haben sie aber dennoch publik gemacht. Im Zentrum steht die Frage, welche Bedeutung der Familie bei der Verkündung des Glaubens zukommt. Wie kann die Pastoral zum Beispiel jenen Gläubigen helfen, deren Ehe zerbrochen ist. Dabei spielt natürlich auch die Frage nach dem Empfang der Sakramente eine Rolle. Sie ist aber nicht das Hauptthema der Synode.

In der Schweiz ist das eine grosse Streitfrage.

Gänswein: Wir müssen uns von der Idee lösen, dass die Fragen, die in unseren Gegenden vorrangig sind, auch in anderen Teilen der Kirche die gleiche Relevanz haben. Afrikanische Bischöfe zum Beispiel sind in der genannten Angelegenheit viel konsequenter als manche ihrer europäischen Kollegen.

Sie haben am Sonntag anlässlich der Wallfahrt der Organisation Kirche in Not über die Christendiskriminierung in Europa gesprochen. Wir haben dieses Thema nicht auf dem Radar. Entgeht uns da etwas?

Gänswein: In der Tat wird in der Öffentlichkeit und in den Medien das christliche Grundgut zu wenig verteidigt.

Wie zeigt sich das?

Gänswein: Nach der Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen gab es einen grossen Aufschrei. Wenn vermummte Leute, wie vor einiger Zeit in Rom geschehen, Kreuze zerschlagen, bleibt eine öffentliche Reaktion fast gänzlich aus. Nur wenige italienische Medien haben über den Vorfall berichtet. Wird ein wichtiges Symbol des christlichen Glaubens zerstört, bleibt ein öffentlicher Aufschrei aus.

Weshalb schreit niemand auf?

Gänswein: Das frage ich mich auch. Das Christentum ist noch immer die grosse Mehrheit in der Gesellschaft. Es scheint fast so, als ob diese Mehrheit mehr über sich ergehen lassen muss als eine Minderheit. Wie müssen aber aufpassen. Sobald wir christliches Kerngut nicht mehr angemessen verteidigen, setzen wir den Glauben aufs Spiel. All das, was in sich verwerflich ist, muss man ahnden, egal, ob es sich gegen den christlichen, muslimischen oder jüdischen Glauben richtet. Man darf nicht bei Muslimen und Juden Toleranz einfordern, bei den Christen aber nicht. Das ist ungerecht.

Beklagen sich die Muslime wirkungsvoller über Islamophobie als die Christen über Christenfeindlichkeit?

Gänswein: Die Muslime sind auf jeden Fall konsequenter. Und sie haben auch das Ohr der Presse.

Weshalb ist dies aus Ihrer Sicht der Fall?

Gänswein: Vielleicht bekommen Muslime mehr mediale Resonanz, weil manche Menschen Angst haben, selber Opfer von Gewaltakten zu werden.

Welchen persönlichen Bezug haben Sie zur Schweiz und zu Einsiedeln?

Gänswein: Ich bin im Schwarzwald ganz nahe an der Grenze aufgewachsen und weilte als Kind oft in der Schweiz. Einsiedeln war für uns das Marien-Wallfahrtsziel schlechthin. Wir pilgerten schon als Ministranten zur Schwarzen Madonna. Land und Leute sind mir vertraut. Auf dem Hoch-Ybrig fuhren wir oft Ski.

Sie sind nicht nur ein Wintersportler, sondern haben als Jugendlicher Fussball gespielt und sind ein begeisterter Tennisspieler. Kommen Sie im Vatikan zum Sporttreiben?

Gänswein: Leider nein. Im Augenblick ist die Begeisterung nur theoretisch. Mir fehlt schlicht die Zeit. Darüber bin ich sehr unzufrieden. Daran möchte ich etwas ändern.

Sie würden gerne wieder einmal das Tennisracket schwingen?

Gänswein: Unbedingt.

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