«Es braucht endlich eine griffige Aufsicht»

FMH-Präsident Jürg Schlup lehnt Umverteilungen innerhalb der Ärzteschaft ab. Das nötige Geld für die Stärkung der Hausarztmedizin sollen Prämienzahler oder der Staat aufbringen. Und er droht mit der Einheitskasse, wenn das Parlament nicht endlich Reformen durchsetzt.

Interview Sermîn Faki
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FMH-Präsident Jürg Schlup in seiner ehemaligen Praxis im bernischen Zollikofen. (Bild: Keystone/Nadine Andrey)

FMH-Präsident Jürg Schlup in seiner ehemaligen Praxis im bernischen Zollikofen. (Bild: Keystone/Nadine Andrey)

Herr Schlup, Sie sind seit Dezember Präsident des Ärzteverbandes FMH. Und schon steht der erste grosse Schlagabtausch an: Mitte Februar will Alain Berset dem Bundesrat seinen Gegenvorschlag zur Einheitskasse präsentieren. Was sagt die Ärzteschaft zur Initiative?

Jürg Schlup: Wir werden die parlamentarische Debatte und deren Ergebnisse abwarten. Was ich aber schon sagen kann: Wenn das Parlament den Risikoausgleich nicht weiter verbessert – es muss sich für die Versicherer lohnen, einen Diabetiker zu versichern – und die Kassen im Bereich der Grundversicherung nicht endlich einer griffigen Aufsicht unterstellt, wird die Einheitskasse bei den Ärzten auf grosse Sympathie stossen.

Sie schliessen nicht aus, dass die Ärzte die Einheitskasse befürworten?

Schlup: Das kann ich nicht ausschliessen, nein.

Wie wird die FMH ihre Position festlegen?

Schlup: Das müssen wir noch sehen. Für den Fall, dass sich Delegiertenversammlung und Ärztekammer nicht deutlich für oder gegen Initiative oder Gegenvorschlag aussprechen, prüfen wir eine Urabstimmung.

Bis zu einer Entscheidung dauert es also noch. Wo liegen Ihre Schwerpunkte für die kommende Zeit?

Schlup: Wir werden uns zuerst mit dem Zulassungsstopp befassen müssen. Einen erneuten Stopp, wie ihn Bundesrat Alain Berset vorgeschlagen hat, lehnen wir ab.

Wieso?

Schlup: Der Zulassungsstopp ist ein schlechtes Signal an den medizinischen Nachwuchs, auf den wir dringend angewiesen sind. Der Stopp trifft junge, in der Schweiz sehr gut ausgebildete Ärzte. Hingegen profitieren Ärzte ohne Facharzttitel, die weniger gut qualifiziert sind.

Der Zulassungsstopp ist auf drei Jahre befristet. Lohnt es sich, deswegen auf die Barrikaden zu steigen?

Schlup: Provisorien können dauern. Keiner weiss, ob der Stopp nicht doch wieder zehn Jahre lang gilt wie beim letzten Mal. Für die Versorgungssicherheit wäre das fatal.

Langfristig will Alain Berset die Ärztedichte steuern.

Schlup: Das wollen wir aktiv mitgestalten. Eine differenzierte Steuerung, die regionale Besonderheiten berücksichtigt, ist wohl notwendig. Im Tessin, in Basel und in Genf, wo man mit einem Überangebot an Ärzten konfrontiert ist, braucht es eine Einschränkung. In der Zentralschweiz, aber auch in Graubünden und Bern kennt man das Thema kaum. Hier muss es im Gegenteil darum gehen, mehr Ärzte für die abgelegenen Regionen zu gewinnen.

Nach welchem Modell wollen Sie denn die Ärztedichte in der Schweiz steuern?

Schlup: Wir könnten uns regionale Kommissionen mit Vertretern von Ärzten, Kassen, Patientenorganisationen und Kantonen vorstellen, die nach bestimmten Kriterien über Zulassungen entscheiden. Voraussetzung für eine Zulassung sollten drei Jahre Arbeit in einem Schweizer Spital sein. Ausserdem sollten Ärzte, die keine unserer Amtssprachen beherrschen, Sprachtests ablegen müssen.

Das schlägt den Bogen zur Hausarztmedizin. Alain Berset fordert, dass die Tarifpartner bis März aufzeigen, wie man den Hausärzten 200 Millionen Franken mehr geben kann. Eingespart werden soll bei Spezialisten. Wie wird Ihr Vorschlag aussehen?

Schlup: Umverteilungen wird es mit uns nicht geben. In der FMH besteht Konsens darüber, dass die Hausarztmedizin aufgewertet werden muss. Wir sind aber auch einig, dass man das nicht auf Kosten der Spezialisten erreichen kann. Bei einigen Dutzend Neurochirurgen und Urologen einsparen und auf mehrere tausend Hausärzte verteilen – das sind leere politische Forderungen, die nicht konstruktiv sind.

Wie soll man es sonst finanzieren?

Schlup: Wer das Gesundheitswesen weiterentwickeln will, muss investieren. Wenn eine neue Strasse gebaut wird, redet auch niemand von Kostenneutralität, sondern von Investition. Mir ist nicht klar, warum das im Gesundheitssystem anders sein soll. Und wie bei der Strasse rentieren Investitionen später, weil die Hausärzte durch eine koordinierte Betreuung helfen, Kosten zu sparen.

Dann müssen Prämienzahler oder der Staat die 200 Millionen aufbringen. Wer soll es Ihrer Meinung nach sein?

Schlup: Das ist eine kurzfristige Betrachtung. Wenn nicht in die Hausarztmedizin investiert wird, werden die Kosten noch stärker ansteigen – was ja auch jemand bezahlen muss. Aber auf Ihre Frage: Für den Prämienzahler würde eine Vorfinanzierung der Hausarztmedizin etwa ein Prämienprozent Aufschlag bedeuten – ich finde das verkraftbar. Aber auch die Kantone hätten einen Nutzen durch mehr Hausärzte – Stichwort Versorgungssicherheit und Standortqualität.

Was werden Sie Berset antworten?

Schlup: Wir werden ihm signalisieren, dass wir innerhalb einer Tarifrevision bereit sind, die betriebswirtschaftliche Bewertung unserer Leistungen zu überprüfen und anzupassen. Doch das muss fundiert geschehen und dauert seine Zeit.

Also doch Umverteilungen?

Schlup: Nein. Aber wenn man den Patientennutzen ins Zentrum stellt, wäre es möglich, Dinge, die dem Patienten weniger nutzen, nicht mehr anzubieten.

Die FMH würde also Hand bieten zu einer Verschlankung des Leistungskatalogs der Grundversicherung?

Schlup: Ja, das würden wir prüfen.

Am Mittwoch hat Bundesrat Berset seine gesundheitspolitische Strategie vorgestellt. Gefällt Ihnen, was er vorhat?

Schlup: Wir brauchen tatsächlich eine nationale Gesundheitsstrategie. Wir müssen definieren, was für ein Gesundheitswesen wir künftig wollen, in welche Richtung dieses sich entwickeln soll.

Wohin müsste man denn wollen?

Schlup: Heute schaut man vor allem auf die Kosten. Das ist falsch. Der Nutzen für die Patienten soll die Versorgung steuern, nicht die Kosten. Wir sollten uns darauf konzentrieren, eine gut zugängliche und qualitativ hochwertige Versorgung mit hohem Nutzen für alle Patienten zu sichern. Es wird immer vergessen, dass die Kosten, die das Gesundheitswesen verursacht, anderswo Nutzen generieren, etwa in der Produktivität. Wer eine produktive Volkswirtschaft will, braucht eine gesunde Bevölkerung. Hier leisten Gesundheitsfachpersonen einen enormen Beitrag, der aber leider nicht gegen die Kosten aufgerechnet wird. Der Nutzen und die Kosten fallen nicht im gleichen Kässeli an.

Dennoch wird es zusehends schwieriger, das System zu finanzieren.

Schlup: Die Prämien müssen bezahlbar bleiben, das ist auch uns ein grosses Anliegen. Dennoch gebe ich zu bedenken, dass die Prämien in den letzten Jahren stärker gestiegen sind als die Kosten. Das wird nie thematisiert. Warum ist das so?

Ja, warum?

Schlup: Ein Grund ist, dass Spitalleistungen zunehmend ambulant erbracht werden und sich die öffentliche Hand daran nicht beteiligt. Diese Leistungen werden allein vom Prämienzahler berappt.

Alain Berset will im Gesundheitswesen durch Effizienz 20 Prozent einsparen. Halten Sie das für möglich?

Schlup: Nein. Geeignete Massnahmen können den Kostenanstieg bremsen, werden die Kosten aber nicht senken. Die Kosten werden weiter steigen, denn die Bevölkerung wächst und sie wird älter.

Berset will künftig mehr auf Prävention setzen, etwa bei Ernährung und Lebenswandel. Ist das für einen Freisinnigen wie Sie ein zu grosser staatlicher Eingriff?

Schlup: Herr Bundesrat Berset sagt, dass unsere Versorgungsstrukturen zu stark auf die Akutversorgung und den Spitalbereich ausgerichtet seien. Er erwähnt die Ärzte dabei nicht, sondern spricht von Versorgungsstrukturen. Er sagt, dass die Leistungen künftig stärker auf die Prävention und die Langzeitversorgung von Menschen mit chronischen Krankheiten auszurichten seien. Soweit sind dies noch keine staatlichen Eingriffe, vielmehr Zielvorgaben. – Wo für einen Freisinnigen wie mich die Warnlampe zu blinken beginnt: Er spricht von mangelnder Steuerbarkeit und der Einführung neuer Steuerungsinstrumente. Kein Wort von Rahmenbedingungen und Anreizsystemen.

Jürg Schlup

red. Jürg Schlup wurde in einer Kampfwahl im letzten Sommer zum neuen Präsidenten des Ärzteverbandes FMH gewählt. Er trat Anfang Dezember die Nachfolge des Berners Jacques de Haller an.

Schlup, Jahrgang 1955, arbeitete bis zu seiner Wahl zum Präsidenten der Ärztevereinigung FMH als Hausarzt in einer Doppelpraxis in Zollikofen. Die hat er inzwischen aufgegeben, FMH-Präsident ist ein Vollzeit-Job. In der Standespolitik hat das FDP-Mitglied dennoch Erfahrung, beispielsweise als Präsident der Berner Ärztegesellschaft. Schlup ist verheiratet und Vater von zwei Kindern. Die FMH ist mit 35 000 Mitgliedern die grösste Ärztevereinigung in der Schweiz.