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Es gibt keine Cloud

Der romantische Begriff «Datenwolke» ist eine Farce. Viel eher lässt sich das permanente Herumschieben von Daten in riesigen Rechenzentren - zum Beispiel durch das Streamen von Filmen - als energetisches Desaster bezeichnen.
Susan Boos
Susan Boos, Redaktorin «Wochenzeitung»

Susan Boos, Redaktorin «Wochenzeitung»

Die Cloud ist in aller Munde. Das Genialste daran ist der Name. Die Cloud, die Wolke – sie verleiht den Daten Flügeln. Glaubt man zumindest. Wozu Fotos auf dem eigenen Computer speichern? Wenn sie in der Cloud sind, sind sie immer verfügbar, immer sicher. Sie schweben über uns, begleiten uns wie eine treue, unsichtbare Wolke. Nur: Es gibt keine Datenwolke – die Daten sind lediglich auf fremden statt auf dem eigenen Computer gespeichert. Die meisten dieser Server gehören Amazon, Google oder Microsoft.

Zurzeit lässt sich in Echtzeit verfolgen, wie verbal eine neue Quasi-Religion entsteht. Denn der Mensch hat den Drang, über die digitale Welt zu sprechen, als ob sie belebt wäre. Das Ding, das wir brauchen, um den Cursor zu bewegen, nennen wir «Maus». Zerstörerische, böswillig eingeschleuste Computerprogramme heissen «Viren» oder «Würmer». Ein Programmierfehler ist kein Programmierfehler, sondern ein «Bug», ein Käfer oder konkreter eine Wanze. Wir sprechen von (Daten-)«Strömen» und «Bergen». Und wenn es entgleitet, kommen Naturkatastrophen-Metaphern zum Einsatz. Es ist die Rede von «Daten-Tsunami», «Daten-Flut» oder «Twitter-Gewitter».

Maschinen verbal belebt

Die digitalisierte Welt fühlt sich an wie eine belebte Landschaft mit Hügeln, Tälern, Wolken, Bächen, Strömen, bösen Tieren und Krankheiten. Alles wirkt natürlich und von einer äusseren Macht beherrscht. Das nennt sich eigentlich Animismus – den Menschen seit Jahrtausenden vertraut. Viele Völker pflegten den Animismus, bevor die Ein-Gott-Kultur sie unterwarf. Berge, Bäume oder Tiere waren für sie beseelt. Eine schöne Vorstellung, die die Welt zu einem schützenswerten Raum machte.

Und nun kommt er wieder, dieser Animismus. Doch dieses Mal werden Maschinen verbal belebt. Die sanft schwebende Wolke ist in Wirklichkeit aber höchst unromantisch, nichts daran ist mystisch. Die Daten – die immer noch profan nur aus Einsen und Nullen bestehen – werden in sogenannten Serverfarmen abgespeichert. Man könnte die grossen Rechenzentren auch weniger romantisch Datenfabriken nennen. Die Schweiz ist ein beliebter Standort für Rechenzentren, weil sie als neutral und sicher gilt. Eine moderne Datenfabrik braucht etwa so viel Strom wie eine Gemeinde mit 10000 Einwohnern. Die Daten sind dort nicht nur abgespeichert, sie werden permanent herumgeschoben, weil wir über Google nachschauen, wann der nächste Zug fährt, Fotos in die iCloud stellen oder über Netflix einen Film anschauen. Das alles braucht Strom. Für zweihundert Google-Anfragen benötigt man etwa gleich viel Strom, wie wenn man ein Hemd bügelt, hat eine Ökobilanzfirma einst ausgerechnet.

Teilen statt Besitzen

Nun sagt Google, sie würden viel Geld in Solaranlagen und Windräder investieren, um ihr System mit sauberem Strom zu betreiben. Das ist gut und recht, das Grundproblem wird damit aber nicht gelöst. Die Generation, die im letzten Jahrtausend zur Welt gekommen ist, weiss noch, was CDs oder DVDs sind, und will ihre Musik oder Filme zu Hause aufbewahren. Für die meisten Jungen ist das nichts mehr. Für sie gilt das Motto Teilen statt Besitzen. Was ideologisch wunderprächtig klingt, ist letztlich vor allem ein schlauer Marketingslogan für Firmen wie Netflix oder Spotify.

In der realen Welt sieht es jedoch ganz anders aus. Alle paar Minuten wird eine Datenmenge übers Internet ausgetauscht, die sämtlichen jemals gedrehten Spielfilmen zusammen entspricht. Und wir stehen erst am Anfang. Die Streamerei ist ein energetisches Desaster, weil sie enorm viel Strom verbraucht. Das muss man nicht verteufeln. Aber man sollte die Naturromantik aussen vor lassen und die Digitalisierung nüchtern als das benennen, was sie ist: Millionen von gigantischen Hallen, die gefüllt sind mit Grosscomputern, die verbunden sind mit unendlich vielen fetten Kabeln. Nix ­ Wolke, nix Käfer, nix Natur­katastrophe – alles menschen­gemacht.

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