Es lebe der Selfismus

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Peach Weber
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Komiker Peach Weber (Bild: Neue LZ)

Komiker Peach Weber (Bild: Neue LZ)

Der Fotoapparat wurde ja erfunden, weil ein findiger Mensch all diese wunderbaren Dinge, welche die Welt uns bietet, festhalten wollte. Er erfand die Kamera, und irgendwann war sie so ausgereift und erschwinglich, dass beinahe jeder auf seinen Reisen alles fotografieren konnte, was ihm wichtig schien. Es war aber kein billiges Hobby, da überlegte man sich jeden Knips zweimal.

Eines Tages erfand jemand den Selbstauslöser, er dachte sich, es wäre doch schön, wenn man ein Familienbild machen könnte, auf dem man selber auch drauf wäre. Es folgte die Zeit der verunglückten Fotos, bei denen der Knipsende versuchte, in den paar Sekunden, die ihm nach dem Abdrücken blieben, zur Familie zu sprinten, sich völlig entspannt hinzustellen und nichts anmerken zu lassen. Erst mit der digitalen Revolution brauchte man keine eigentliche Kamera mehr, man kaufte sie sich mit dem Telefon automatisch mit. Dann das Verhängnis: Ein Tüftler hatte die Idee, die Kamera könnte doch nicht nur vorne hinaus, sondern auch nach hinten aufnehmen.

Juhui! Der Mensch nahm die Möglichkeit freudig an. Er fotografierte praktisch nichts mehr, ohne seinen Chabiskopf auch noch ins Bild zu integrieren: ICH mit dem Eiffelturm, ICH auf der Achterbahn, ICH mit der Beatrice Egli und ICH ohne irgendwas, Hauptsache ICH. Es ging noch weiter, immer hemmungsloser, es gab sogar Männer, die ihr eigenes Rüebli fotografierten und herumschickten.

Es ist eigentlich kein Wunder, dass dieser Selfismus sich auf alle Gebiete menschlichen Schaffens ausbreitete. Die Hälfte aller Bücher ist autobiografisch, das Vreni, das zehn Kilo abgenommen hat, der Marco, der barfuss durch den Sihlwald gelaufen ist, sie alle schreiben über ihr, ach so interessantes, Leben. «Wie ich ohne Intensivstation mein Nasenbluten überlebte» usw.

Auch in der Politik wurde die Selbstdarstellung immer wichtiger mit Kommunikationsberatungen und Rhetoriktrainings. Und jetzt, als Höhepunkt des Selfismus, steigt dieser Horrorclown auf den Thron der Verunreinigten Staaten, ein Möchtegern-Sonnenkönig mit Politik-Tourette. Das Einzige, was er bisher dank seiner senilen Bettflucht bewiesen hat, ist, dass man als alter Mann, anstelle des üblichen Zitteri, auch den Twitteri haben kann. Doch darüber wurde schon genug geschrieben.

Reden wir lieber von uns. Und welche Namen kommen Ihnen spontan in den Sinn? Was, Sie denken an Leute wie Köppel, Glarner, Freysinger? Die Namen haben aber jetzt Sie ins Spiel gebracht. Der grösste Teil der SVP-Politiker setzt sich ein, aus wirklicher Sorge um unsere Zukunft. Aber es gibt dort, im Vergleich zu anderen Parteien, auffällig viele Selbstdarsteller. Nicht Leute wie Giezendanner, dem nehme ich ab, dass er sagt, was er denkt, auch wenn es ab und zu Unsinn ist.

Aber Sie haben ja spontan an drei andere Namen gedacht. An den ziemlich überschätzten Schein-Intellektuellen Köppel, der ist ein vollendeter Selbstdarsteller. Oder ein Glarner, der sich sein Dorf zu seiner persönlichen «geschützten Werkstatt» zurechtgezimmert hat. Erst jetzt entsteht im Ort eine Widerstandsbewegung, die verhindern will, dass Oberwil-Lieli zu Oberwil-Lööli wird. Und Freysinger, der eitle Polit-Gockel, hat ja sofort den Trump-Satz nachgeplappert: Wallis first!

Genau, machen wir weiter so: Jeder will der Erste, der Grösste sein, suhlt sich am Morgen in seinem Spiegelbild. Da kommt mir ein Satz meiner Grossmutter in den Sinn: «Wenn jede för sech luegt, esch för alli gluegt!» Sie meinte diesen Satz allerdings als Witz, denn meine Grossmutter war eine kluge Frau, keine Witzfigur.

Peach Weber

Komiker