Zahlen des Bundes zeigen: Masern-Ansteckungen sind nicht nur auf Impfgegner zurückzuführen

An den meisten Masernansteckungen sind gar nicht die Impfskeptiker schuld, sondern Menschen, die nicht wissen, dass sie ungenügend geimpft sind. Dabei gäbe es einen Erinnerungsservice.

Daniel Fuchs
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Erwachsene vergessen manchmal, sich impfen zu lassen. In der Pflicht stehen auch die Hausärzte. (Bild: Ralph Ribi)

Erwachsene vergessen manchmal, sich impfen zu lassen. In der Pflicht stehen auch die Hausärzte. (Bild: Ralph Ribi)

Schuld an den aktuell steigenden Masern-Ausbrüchen sei die grassierende Impfskepsis. Sie führe dazu, dass immer mehr nicht geimpfte Menschen zum Risiko für die Gesellschaft würden. Das sagt die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Schweiz sieht das die oberste Gesundheitsbehörde, das Bundesamt für Gesundheit (BAG), anders. Hierzulande gingen zwei Drittel der Masernansteckungen auf das Konto von Leuten im Erwachsenenalter. Sie hätten vergessen, dass sie sich impfen lassen sollten, und gingen ohne genügenden Impfschutz zum Beispiel auf Reisen. Das sagte Daniel Koch, Chefbeamter bei der Gesundheitsbehörde, vor kurzem im Schweizer Fernsehen.

Vor den Aussagen des Chefbeamten Koch strahlte die «Rundschau» einen kritischen Bericht über Impfskeptiker in der Schweiz aus, die ihre Kinder nicht gegen die um sich greifenden Masern impfen. Der Beitrag ist sinnbildlich für die Masern- und Impfdebatte, wie sie zurzeit geführt wird. Dass Masern gefährlich sind, zeigen zwei Todesfälle eindrücklich, die diese Woche bekannt geworden sind. Sie nähren den Streit zwischen Impfgegnern und Impfbefürwortern, der heftig ausgetragen wird. Nun aber sagt das BAG, Impfskepsis sei gar nicht das grösste Problem, sondern die Unwissenheit und die Nachlässigkeit. Sind die Impfskeptiker etwa die falschen Sündenböcke?

Kein Thema beim Hausarzt

Nachfrage beim BAG: Wie kommt es zu seiner Einschätzung? Mark Witschi, Chef der Sektion Impfempfehlungen und Bekämpfungsmassnahmen, ruft zurück. Er bestätigt die Aussage seines Chefs. Sie beruhe auf einer Schätzung und zwei Statistiken: den aktuellen Ansteckungsfällen nach Altersgruppen und den Durchimpfungsraten bei Kindern vor einigen Jahren. «Bei den heute 20- bis 40-Jährigen vermuten wir zum Beispiel heute noch Impflücken, die in der Vergangenheit entstanden sind. Sie wurden als Kinder zum Teil gar nicht oder mit einer einzigen Impfdosis nur ungenügend geimpft. Viele von ihnen haben das im Erwachsenenalter nicht nachgeholt.» Das Problem: Bis zum Erwachsenenalter liegt der Entscheid über eine Impfung bei den Eltern. Obwohl die Schweiz keine Impfpflicht kennt, sind Impfungen anlässlich von Besuchen beim Kinderarzt oder Schularzt immer wieder Thema.

Als junger Erwachsener dann ist Impfen nicht mehr zentral. Witschi vom BAG war früher praktizierender Arzt und weiss: «Junge Erwachsene gehen vielleicht mal wegen einer Wunde zum Arzt. Die Wunde wird versorgt und der Arzt klärt ab, ob der Patient gegen Wund-Starrkrampf geimpft ist. Fehlt ein Impfnachweis, dann wird die Impfung nachgeholt, damit hat es sich aber meist. Für eine komplette Impfberatung fehlt in dieser Situation oft die Zeit.» Ein Fehler. Denn mit der systematischen Thematisierung beim Hausarzt könnten die grossen Impflücken der Vergangenheit geortet und geschlossen werden, so Witschi.

Risiko für die Schwächsten in der Gesellschaft

Was also liesse sich tun? Impfen unterliegt in der Schweiz dem Prinzip der Eigenverantwortung. Doch sie greift nicht. Wie der Bund sagt, setzen viele Erwachsene sich, ihre Kinder und die Schwächsten der Gesellschaft einem erhöhten Risiko aus. Neugeborene oder immungeschwächte Menschen etwa können gar nicht geimpft werden.

Patienten erhalten alljährlich eine Erinnerung, es sei an der Zeit für die Dentalhygiene. Kein Aufgebot gibt es dagegen zum Impfen. Dabei besteht bereits eine Möglichkeit. Mit dem elektronischen Impfdossier kann man den persönlichen Impfstatus unter Kontrolle halten. Seit Jahren versucht der Bund, den elektronischen Impfausweis den Menschen schmackhaft zu machen. Der Erfolg ist beschränkt. 250000 Menschen in der Schweiz haben laut Bund ein solches E-Dossier angelegt.

Das Masernvirus überlebt in der Schweiz also nicht nur wegen der Impfgegner, die mit Falschaussagen operieren. Auch unsere Nachlässigkeit steht einer Ausrottung im Weg. Es handelt sich um kollektives Versagen: Die Menschen schenken dem Impfen keine Aufmerksamkeit. Der Bund informiert zwar, die Oberhand in der Informationsschlacht im Internet haben aber die Impfgegner. Aufholbedarf gibt es zudem bei den Ärzten. Zu wenige Hausärzte etwa machen ihre Patienten aufs Impfen aufmerksam.

Und so liegt der bequeme Ausweg aller Beteiligten darin, mit dem Finger auf die Impfgegner zu zeigen. Der «Rundschau»-Bericht von letzter Woche steht sinnbildlich dafür: Zuerst nahmen die Fernsehreporter die Impfskeptiker ins Visier. Im Gespräch mit dem Chefbeamten des BAG danach legte die Moderatorin vor sich ihre Impfausweise auf die Theke und räumte ein, selbst ungenügend geimpft zu sein. Aus Nachlässigkeit.