EURO 2016: «In Frankreich geht es um den schönen Schein»

In der Schweiz ist er bekannt wie ein bunter Hund: ein Gespräch mit Gilbert Gress (74)über Frankreich und seine Zukunftspläne.

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Gilbert Gress beim Gespräch über Fussball und Frankreich in Grindelwald – tags darauf ging er kochen. (Bild Nadia Schärli)

Gilbert Gress beim Gespräch über Fussball und Frankreich in Grindelwald – tags darauf ging er kochen. (Bild Nadia Schärli)

Interview Andreas ineichen und Cyril Aregger, Grindelwald

Gilbert Gress, Sie haben den französischen und den Schweizer Pass, Sie waren Fussballprofi und Trainer sowie TV-Experte. Aber jetzt, wo die Europameisterschaft in Frankreich stattfindet, finden Sie im Fernsehen nicht mehr statt. Wie weh tut das?

Gilbert Gress:Weh tut das nicht. Wie die TV-Zuschauer war ich selber überrascht, was da passiert ist. Aber die Gründe dafür müssen Sie bei den Verantwortlichen erfragen, ich kenne sie auch nicht.

Wie bitte? Das kann ja nicht sein.

Gress:Sie sagten mir bloss, ich sei am Zenit angekommen und bei den Zuschauern sehr beliebt, nun sei es besser, wenn ich aufhöre. Ich antwortete bloss, dass es schade sei, wenn nun Spieler wie Neuer oder Müller aufhörten. Die Deutschen seien ja mit dem Gewinn der WM 2014 gerade am Zenit angelangt.

Wir sitzen in einem Hotel in Grindelwald, wo Sie für den Sender Sat 1 an einem Promi-Grillen teilnehmen. Nach dem Abschluss der «Grössten Schweizer Talente» sind keine TV-Auftritte mehr in Sicht. Geht Ihnen die Arbeit aus?

Gress:Sehen Sie: Seit ich 18 war, habe ich nicht mehr gearbeitet. Damals habe ich meinen ersten Vertrag als Fussballprofi unterschrieben, dann wurde ich Trainer und habe später beim Fernsehen gearbeitet und dabei ein paar nette Missen kennen gelernt (schmunzelt).

Sie wurden mal mit dem Satz zitiert, dass «erst wenn niemand mehr nach mir fragt, habe ich ein Problem. Dann höre ich auf zu existieren».

Gress:Das stimmt, aber existieren war wohl ein harter Ausdruck. Damals wurde ich oft gefragt, ob es mich nicht stört, wenn die Leute mich auf der Strasse ansprächen. Ich antwortete mit Nein, weil ich es schätze, wenn man mit mir zwei, drei Worte wechselt. Mich stört, wenn die Leute mich nicht mehr ansprechen.

Sie brauchen und geniessen also diese Aufmerksamkeit.

Gress:Wenn ich früher einen Vertrag als Trainer unterschrieben habe – bei Xamax geschah dies immer per Handschlag mit dem Präsidenten – verfolgte ich immer zwei Ziele: Ich wollte die Spiele gewinnen und die Leute glücklich machen. Das ist mir öfters gelungen. Heute sagen mir die Damen, auch ältere, in Neuenburg, dass sie sehr stolz darauf seien, dass eine Person aus der Westschweiz so gut ankommt in der Deutschschweiz. Üblich ist das nicht, und ich bin darob auch selber etwas überrascht.

Gibt es Dinge, die Sie nie machen würden?

Gress:Singen, vermutlich. Und Koch-Events mag ich eigentlich auch nicht so. Denn ich kann definitiv nicht kochen.

Wofür braucht es heute eigentlich mehr Unterhaltungstalent: als Trainer in der Kommunikation mit den Journalisten oder vor der Kamera einer TV-Show?

Gress: Bei den Schweizer Talenten mitzumachen war schon schwieriger für mich. Ich spreche ja kein Englisch, und darum habe ich auch nichts verstanden, wenn auf Englisch gesungen wurde. Oder dann wurde auf Schweizerdeutsch «gerappt», und das verstand ich auch nicht. Für mich war es kein einfacher Job, ich musste mich voll konzentrieren. Aber als Trainer steht der Erfolg über allem. Klar ist es wichtig, sich gut verkaufen zu können, aber wenn man als Trainer keinen Erfolg hat, dann verspüren die Journalisten schnell weniger Lust, mit einem noch zu reden.

Werden Sie die EM im Stadion verfolgen?

Gress:Nein, zu Hause am Fernsehen, vielleicht auch mal mit einem Freund.

Warum?

Gress:Im Stadion kann man ein Spiel sehen, zu Hause zwei oder drei. Die Ambiance im Stadion ist zwar wirklich etwas Tolles, aber das habe ich in meiner Karriere ja schon reichlich erlebt. Darum schaue ich mir Spiele auch gerne vor dem Fernseher an. Meine Frau ruft mir dann jeweils zu, ich solle mich nicht so aufregen. Und was passiert? Ich rege mich noch mehr auf (schmunzelt).

Ist Frankreich für die EM bereit?

Gress:Mir hat ein Sicherheitsverantwortlicher kürzlich gesagt, dass mit dem Besuch der Fanmeilen ein hohes Risiko verbunden ist. Aber die EM und das Verhindern von Terroranschlägen ist ja nicht das einzige Einsatzgebiet der «armen» Polizei. Sie bekommt es ja noch mit Hooligans zu tun und darüber hinaus noch mit dem Streik. Das ist Frankreich. Verrückt. Und Präsident Hollande sagte kürzlich noch allen Ernstes, dem Land gehe es gut. Ich kann nur hoffen, dass nichts passiert.

Macht Frankreich genug dafür?

Gress:Schauen Sie, was nach den Anschlägen auf das Satiremagazin «Charlie Hebdo» passiert ist: Man sang die Marseillaise, man legte Blumen nieder und führte Friedensmärsche durch. Glauben die Franzosen wirklich, dass sich die Terroristen dadurch wirklich beeindrucken lassen? Es hätte mehr gebracht, wenn man den Hinweisen auf die späteren Bataclan-Attentäter konsequent nachgegangen wäre.

Ist diese Art, Probleme nachlässig anzugehen oder gar zu verdrängen, typisch für Frankreich?

Gress:Ich habe mich schon als Profi in Deutschland und als Trainer in der Schweiz immer wohler gefühlt als in Frankreich. Lassen Sie es mich so sagen: In Frankreich ging es – heute zwar etwas weniger als früher – immer um den schönen Schein, das war genauso wichtig wie Erfolg. Für mich zählte aber nur der Erfolg. Und wer dauerhaft Erfolg haben will, ist auf das Vorhandensein von Qualität angewiesen.

Sie waren früh mit schwierigen Situationen konfrontiert, als Sie für Frankreich im Algerienkrieg waren.

Gress: Ja, als Mitglied eines Sport-Bataillons war ich 1961 und 1962 zweimal für je viereinhalb Monate dort. Zum Glück wurden wir aber nie in Gefechte involviert, ich musste nie schiessen.

Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen damals und den Problemen heute in Frankreich?

Gress:Das Problem sind die unglaublich vielen Arbeitslosen in Frankreich. Bei der Stellensuche wird ein Pierre einem Mustafa bei gleicher Qualifikation vorgezogen. Aber das muss nun auch nicht gleich ein Grund sein, Terrorist zu werden. Die Frage ist: Passen Christen und Araber zusammen? Wenn Sie diese Frage in Frankreich stellen, sind Sie ein Rassist. Meine Antwort lautet: Vielleicht, wenn alle Arbeit hätten.

«Für mich riecht es nach einer Überraschung»

Viele reden von Frankreich als nächstem Europameister. Sie auch?
Gilbert Gress:
Früher wurde eine EM qualitativ höher eingestuft als eine WM, weil nur wenige europäische Topteams daran teilnehmen durften. Trotzdem gab es immer Überraschungen. Als ich mir in den letzten Wochen die Finals auf nationaler und internationaler Ebene angeschaut habe, fiel mir auf, wie die Spieler am Ende ihrer Kräfte angelangt waren und wie die Mücken umfielen. Die Spieler bestreiten viel zu viele Spiele, darunter leidet die Qualität. Aber die Gehälter und Transfersummen müssen bezahlt werden, und das geht nur über eine Vielzahl von Spielen.

Das spricht gegen Spanien oder Frankreich als Turniersieger.
Gress:
Ja, auch wenn der Heimvorteil Frankreich zum Favoriten macht, so riecht es für mich nach einer Überraschung, so wie 1992 mit den Dänen und 2004 mit den Griechen. Könnte es diesmal die Schweiz sein?

Sagen Sie es uns.
Gress:
Aus den Testspielen sollte man nicht zu viel herauslesen, die sind gut für den Coach, weil er manche Dinge erkennen kann. Die Schweiz muss die erste Runde überstehen, weil sie einer relativ schwachen Gruppe zugeteilt ist. Aber realistisch gesehen traue ich der Schweiz keinen Titelgewinn zu.

Wem dann?
Gress:
Österreich vielleicht. Oder den Belgiern.

Erwarten Sie an der EM Neuerungen in Sachen Taktik und Systeme?
Gress:
Nein, eigentlich nicht. In Frankreich spricht man zwar nur von modernem Fussball, jetzt sollen gerade Freistösse und Corner wichtig sein. Das heisst also, dass sie das früher nicht waren (lacht). Wissen Sie, was Pep Guardiola vor Jahren nach dem 5:0 mit Barcelona über Real gesagt hat auf die Frage, ob das moderner Fussball sei?

Nein.
Gress:
Das habe er vor 20 Jahren bei Johan Cruyff gelernt. Moderner Fussball kommt nicht auf die Zeit an, in der man lebt, sondern auf die Trainer, die ihn lehren. ain/ca