EXISTENZANGST: Für Unqualifizierte wird es härter

In der Schweiz sind in den vergangenen Jahrzehnten massenhaft einfache Jobs verloren gegangen. Ungelernte Arbeiter trifft es hart. Vor allem Industriearbeiter tun sich schwer mit der Anpassung an den veränderten Arbeitsmarkt.

Roger Braun
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Jobs in Fabriken werden immer rarer. (Bild: Marcel Bieri/Keystone)

Jobs in Fabriken werden immer rarer. (Bild: Marcel Bieri/Keystone)

Der Industriegürtel im Nordosten der USA hat Rost angesetzt. Die einst blühende Region entlang den grossen Seen hat Hunderttausende von Jobs in der Maschinenindustrie verloren. Es waren die Existenzängste jener Arbeiter, die den Wahlerfolg von Donald Trump erst möglich machten.

Doch das Phänomen reicht weit über die USA hinaus. In den hoch entwickelten Staaten sind in jüngerer Vergangenheit zahlreiche Jobs für Ungelernte verloren gegangen: Sie wurden entweder in Tieflohnregionen verlagert oder durch Maschinen ersetzt. Das Resultat ist dasselbe: Einheimische Lageristen, Maschinisten oder Verpacker bangen um ihren Job, ihre Löhne sind unter Druck. Dies hat auch politisch Folgen. Ob Brexit oder die Masseneinwanderungsinitiative in der Schweiz: Immer ging es bei den Abstimmungskämpfen neben Fragen der Identität des Landes auch um die Abstiegsangst des Mittelstands.

Dreimal höhere Arbeitslosigkeit bei Ungelernten

Wie stark sich die Schweizer Arbeitswelt in den letzten Jahrzehnten verändert hat, zeigt eine bisher unveröffentlichte Studie des Arbeitsmarktökonomen George Sheldon von der Universität Basel. Demnach ist das Leben für Geringqualifizierte deutlich schwieriger geworden. Im Jahr 1980 noch hatte der Bildungsstand keinen Einfluss auf das Risiko, arbeitslos zu werden. Sowohl für Ungelernte – Personen ohne Berufsausbildung oder weiterführende Schule – als auch für Akademiker war die Arbeitslosigkeit praktisch inexistent. Heute präsentiert sich die Lage ganz anders. Die Arbeitslosenquote bei Unqualifizierten ist heute etwa dreimal höher als bei Hochschulabgängern.

Hauptgrund ist die nachlassende Nachfrage der Firmen nach unqualifizierten Arbeitskräften. Die Globalisierung und die Digitalisierung haben viele einfache Arbeitsplätze vernichtet. Besonders dramatisch ist die Entwicklung in drei Branchen, in denen einst viele Ungelernte unterkamen: in der Industrie, im Bau und in der Landwirtschaft. Betrug der Anteil ungelernter Arbeiter in diesen Berufsgruppen einst etwa 50 Prozent, ist er auf einen Viertel geschmolzen (siehe Grafik). Ihren Platz übernahmen Personen mit besserer Ausbildung. Sheldon nennt dies den Technologie­effekt: Einst relativ anspruchslose Tätigkeiten sind durch die technologische Entwicklung komplizierter geworden. Ein Fabrikarbeiter zum Beispiel stanzt nicht mehr nur ein Loch in eine Platte, sondern kontrolliert vielmehr das Funktionieren der Maschinen. Er ist zu einem Problemlöser geworden – mit entsprechend erhöhten Anforderungen an den Job.

Die Anforderungen steigen und steigen

Erschwerend kommt hinzu: Jene Berufsgruppen, die einst vielen Ungelernten ein Auskommen sicherten, sind auf dem Rückzug. In der Forschung nennt sich das Struktureffekt. Bestimmte Berufsfelder wurden in den vergangenen Jahrzehnten wichtiger, andere verloren an Bedeutung. Die Produktionsberufe in der Industrie und im Gewerbe beispielsweise boten 1970 mehr als einem Viertel aller Erwerbstätigen einen Arbeitsplatz. Heute ist es nicht mal mehr ein Achtel. An Bedeutung gewonnen haben dagegen die Gesundheits-, Lehr- und Wissenschaftsberufe, wo Unqualifizierte schon immer einen schweren Stand hatten. Einigermassen halten konnte sich der Handel sowie das Gastgewerbe inklusive persönlicher Dienstleistungen wie das Friseur- oder Reinigungsgeschäft, wo heute am meisten Ungelernte unterkommen.

Insgesamt findet auch bei Unqualifizierten eine deutliche Verschiebung von der Industrie in den Dienstleistungssektor statt. Diese Tertiarisierung der Berufswelt ist ein Problem, denn der Lohnunterschied der beiden Sektoren ist gross. Industriearbeiter verdienen relativ zu ihrer Qualifikation vergleichsweise gut. Die Löhne von Ungelernten in den Dienstleistungsberufen sind hingegen tief. «Die Wiedereingliederung ungelernter arbeitslos gewordener Industriearbeiter ist deshalb besonders schwierig», sagt Sheldon. «Sie haben faktisch nur die Wahl zwischen einem Lohnverzicht oder einer fortgesetzten Arbeitslosigkeit.»

Roger Braun