Pisa-Studie
Expertin behauptet: Resultate der Pisa-Studie dienen nur der Politik

Erziehungswissenschafterin Margrit Stamm kritisiert das hektische Reagieren auf die Ergebnisse der Pisa-Studie. Sie glaubt zudem, dass der Test viele Punkte ausblende, welche die Leistung der Schüler beeinflusse.

Karen Schärer
Drucken
Teilen

Mit Pisa hat sich die Schweiz im Jahr 2000 in einen internationalen Bildungswettbewerb begeben. Doch das Vergleichen und Testen beschränkt sich längst nicht auf den Ländervergleich, dessen Resultate Schweizer mittlerweile mit einem gewissen Nationalstolz zur Kenntnis nehmen können.

Getestet wird auch auf nationaler und interkantonaler Ebene: Ein nationales Bildungsmonitoring liefert Daten, die dazu beitragen, das Bildungssystem zu steuern.

In den vier Nordwestschweizer Kantonen Aargau, Basel-Landschaft, Basel-Stadt und Solothurn messen sich Schülerinnen und Schüler neuerdings in periodischen einheitlichen Checks; ihre Leistungen in den Fächern Deutsch, Mathematik, Fremdsprachen und Naturwissenschaften werden so vergleichbar. Es herrscht eine eigentliche Testkultur.

Umsetzung dürftig

«Wir testen zu viel», sagt dazu Margrit Stamm, emeritierte Professorin für Erziehungswissenschaft an der Universität Freiburg und aktuell Leiterin des Forschungsinstituts SwissEducation in Bern.

In der Schweiz werde ausgiebig wissenschaftlich geforscht und getestet. Die Resultate allerdings dienten danach fast ausschliesslich den Politikerinnen und Politikern als Stütze ihrer Voten.

«Die Lehrpersonen in den Klassenzimmern werden alleine gelassen. Man gibt ihnen wenig in die Hand, wie sie aktiv werden können, um die Ergebnisse zu verbessern», sagt Stamm. «Besser wäre es deshalb, eher weniger Studien zu machen, diese dafür seriöser zu analysieren und umzusetzen.»

Nordwestschweiz

Zwar beurteilt Stamm die Pisa-Studie als seriös. «Doch auf die Ergebnisse wird zu hektisch reagiert.» Stamm belegt dies mit einem Beispiel: So habe man in der Schweiz mit Verweis auf die Resultate der Pisa-Studie gefordert, Ganztagesstrukturen auszubauen – dabei hatte Pisa deren Effekte gar nie untersucht.

Nach Ansicht von Margrit Stamm ist es auch problematisch, dass die Tests viele Variablen ausblenden, die auf die Schülerleistung Einfluss haben. Die Forschung zeige schon lange, dass die Förderung eines Kindes in der Familie wie auch der Ehrgeiz der Eltern einen zentraleren Einfluss auf die Leistung eines Kindes haben als die Schule selbst.

«Wir tun so, als ob die Schule die Übermacht hätte und jedes Defizit ausgleichen könnte.» Dabei sei ebenso wichtig, was um die Schule herum passiert. Stamm sagt: «Das vernebeln die Leistungstests.»

Unglücklich über die Test-Versessenheit äussert sich auch Katharina Prelicz-Huber, Präsidentin der Gewerkschaft VPOD und frühere Grünen-Nationalrätin. «Vergleichende Tests mit Ranglisten führen nicht zur Verbesserung des Unterrichts, sondern zur Konzentration von Lehrpersonen und Lernenden auf die Prüfungsinhalte», sagt sie.

Fokus auf Grundfertigkeiten

Zudem ruft sie in Erinnerung, dass die Schule viel mehr leiste als das, was die Testresultate abdeckten. «Man sollte bei der Diskussion der Ergebnisse nicht meinen, wenn man gut abschneide bei einem solchen Test, sei das gleichbedeutend mit einer guten Ausbildung.»

In ebendiese Richtung zielt aber der Nidwaldner SVP-Nationalrat Peter Keller.

Der Bildungspolitiker findet, man sollte sich im Reformprojekt Lehrplan 21 auf Grundfertigkeiten konzentrieren, wie sie im Rahmen der Pisa-Studien abgefragt werden, anstatt «die Lernziele zu verwässern und noch mehr in die Stoffpläne hineinzupacken».

Die Testkultur schätzt der ehemalige Sekundarschullehrer als etwas Positives ein: «Die Möglichkeit des Vergleichs spornt an, die Lernziele auch wirklich zu erreichen», sagt er.

Aktuelle Nachrichten