EXPO 2015: Die Schweiz als Musterschüler fällt durch

Die Schweiz war das erste Land, das sich für die Expo in Mailand angemeldet hat, die am Freitag ihre Tore öffnet. Von einem geglückten Auftritt könne man nicht sprechen, findet unser Autor. Es gibt eine grosse Ausnahme.

Gerhard Lob
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Maskottchen Sylvie, ein nüchterner Schweizer Bau und ein erster prominenter Besucher: Nicolas Bideau, Chef von Präsenz Schweiz, (oben rechts) nahm Anfang Woche einen Augenschein vor Ort in Mailand. (Bild: Keystone/Samuel Golay)

Maskottchen Sylvie, ein nüchterner Schweizer Bau und ein erster prominenter Besucher: Nicolas Bideau, Chef von Präsenz Schweiz, (oben rechts) nahm Anfang Woche einen Augenschein vor Ort in Mailand. (Bild: Keystone/Samuel Golay)

Ins Leben gerufen wurden Weltausstellungen, um technologische oder kunsthandwerkliche Erfindungen einem breiten Publikum zu präsentieren. Das war Mitte des 19. Jahrhunderts, als der Glaube an die Errungenschaften der Technologie ungebrochen war.

Längst sind für die Präsentation von Erfindungen keine Weltausstellungen mehr nötig, darum haben sich diese Events mittlerweile ein Motto verpasst. Bei der Expo 2015 in Mailand, die am kommenden Freitag, dem 1. Mai, ihre Pforten öffnet, heisst das Thema «Den Planeten ernähren, Energie für das Leben». Wichtige Menschheitsfragen sollen hier erörtert werden, versprechen die Organisatoren, gerade so, als ob sich kein anderes Gremium auf der Welt mit Fragen wie Ernährung und Energie beschäftigt.

Schweiz ist Klassenprimus

Das Gegenteil ist der Fall. Etliche internationale Organisationen – angefangen bei der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) mit Sitz in Rom über multinationale Unternehmungen bis zu unzähligen Nichtregierungsorganisationen – befassen sich mit solchen Fragen. Das Positive der Expo liegt wohl eher in der Tatsache, dass eine breite Besucherschaft ausserhalb der Fachinstitutionen an das Thema geführt wird. Italien bekundet Mühe, den Event fristgerecht auf die Beine zu stellen. Korruption und Infiltration der Mafia waren die hässlichen Begleiterscheinungen während der Bauarbeiten. Die Schweiz tut trotzdem gut daran teilzunehmen – sogar als Klassenprimus.

Kein anderes Land hatte sich schneller angemeldet. Italien ist unser Nachbar sowie ein äusserst wichtiger Handelspartner. Undenkbar, dass die Eidgenossenschaft beim Schaulaufen der Nationen vor der eigenen Haustür nicht dabei gewesen wäre.

Modern, solide, aber auch bieder

Der Auftritt der Schweiz auf dem Expo-Gelände mit dem Pavillon «Confooderatio Helvetica» ist allerdings ernüchternd. Kühl ragen die vier Schweizer Türme wie ein Bürogebäude am Ende einer langen Holzrampe gen Himmel. Die Glasfassaden wirken wenig einladend, zwar modern und solide, aber etwas bieder. «Ein grauer Klotz», titelte der «Blick» treffend. Nur das Rot der Schweizer Fahne sowie das Apfelmaskottchen Sylvie mit der Expo-Ikone Foody sorgen für etwas Farbe. Selbst Präsenz-Schweiz-Chef Nicolas Bideau musste bei der Präsentation des Pavillons diese Woche einräumen, dass es noch etwas Wärme und Buntheit brauche. Hoffentlich zeitigen die angekündigten Retuschen einen Effekt.

Andere Länder machen es vor

Denn die aalglatten Türme fallen, so zumindest der erste Eindruck, auch gegenüber ihrem Umfeld ab. Auf der Busfahrt durchs (unfertige) Ausstellungsgelände liessen sich architektonische spektakuläre Länderpavillons sehen, die allein beim Hinschauen eine Magnetwirkung entfalten.

Die Situation ist umso bedauernswerter, da die Schweiz grossartige Architekten und grossartige Architektur kennt. Man denke etwa an das Nationalstadion in Peking oder die (unvollendete) Elbphilharmonie in Hamburg, Werke der Basler Architekten Herzog & de Meuron, oder auch an die Therme in Vals von Peter Zumthor, um nur einige persönliche Favoriten zu nennen.

Botschaft zum Nachdenken

Schweiz Präsenz, die Organisation des Bundes für solche Projekte, unterstreicht, dass nicht die Hülle, sondern die Inhalte ausschlaggebend seien, passend zum Ausstellungsthema der Welternährung. Doch stimmt das? In den vier Türmen werden vier Nahrungsmittel abgegeben – Salzpäckchen in Kartons à 5 Gramm, in Plastiksäckli eingeschweisste Apfelringe, Nescafé-Sticks und Leitungswasser, das sich die Besucher in einem Plastik-Mehrzweckbecher einfüllen können. Die Besucher dürfen sich frei bedienen, sollen aber nicht zu viel mitnehmen; durch ein ausgeklügeltes System senken sich mit steigendem Verbrauch die Böden. «My water ist your water. Your water is my water», ist etwa auf dem Wasserbecher zu lesen. «Eine klare Botschaft, die zum Nachdenken über die eigene Verantwortung, die Verteilungsgerechtigkeit von Nahrung und die Nachhaltigkeit anregt», schreibt Präsenz Schweiz zum Programm.

Ein wenig oberlehrerhaft

Doch die Botschaft kommt ein wenig simpel und oberlehrerhaft daher, auch wenn ihrem Inhalt natürlich nicht widersprochen werden kann. Letztlich impfen wir doch schon unseren Kindern ein, dass sie bitte nicht alle Kuchenstücke essen sollen, damit auch für die anderen etwas übrig bleibt. Überzeugender und substanzieller, wenn auch eher im Stile klassischer Ausstellungen, kommen die – im Erdgeschoss etwas versteckten – Auftritte der Gotthardkantone, der Städte (im Moment Basel), von Nestlé oder auch der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) daher. Die Deza stellt beispielsweise das Programm «Plantwise» vor, welches das Ziel verfolgt, Ernteverluste zu reduzieren und die Ernährungs­sicherheit armer ländlicher Bevölkerungsgruppen zu verbessern. Die persönliche und vorläufige Bilanz unter dem Strich: Mehr Mut und Originalität wären wünschenswert gewesen. In Bezug auf Nachhaltigkeit gibt es noch eine gute Botschaft. Nach der Weltausstellung werden die Türme in Schweizer Städten als urbane Gewächshäuser genutzt. 75 Prozent der für den Schweizer Pavillon und der dazu gehörenden Infrastruktur verwendeten Materialien werden nach der Veranstaltung wiederverwendet.

www.expo2015.org