Titel-Streit
Fach- und Fachhochschulen streiten sich wegen des "Bachelors"

Die Fachschulen wollen Titel wie "Professional Bachelor" weiterhin vergeben – der Bund lässt rechtliche Schritte offen. Das stört die Fachhochschulen, die eine Verwässerung ihrer Ausbildung befürchten.

Antonio Fumagalli
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Braucht es eine Neuvermessung der Berufsbildungslandschaft? Eine junge Frau lernt den Schreinerberuf.

Braucht es eine Neuvermessung der Berufsbildungslandschaft? Eine junge Frau lernt den Schreinerberuf.

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Machen wir ein Beispiel: Daniela, eine junge Frau aus dem Kanton Solothurn, macht eine Lehre als Schreinerin. Der Beruf gefällt ihr so gut, dass sie sich nach erfolgreichem Abschluss entscheidet, die höhere Fachschule zu besuchen. Dort erwirbt sie während einer zweieinhalbjährigen, berufsbegleitenden Ausbildung ein Diplom. Mit 25 Jahren verliebt sich Daniela in einen Italiener – und entscheidet sich, zu ihm nach Bergamo zu ziehen. Sie bewirbt sich bei verschiedenen lokalen Schreinereibetrieben, doch trotz hervorragender Qualifikationen kommt sie nie in die engere Auswahl. Ihr Verdacht: Die potenziellen Arbeitgeber kennen die Diplome, die sie der Bewerbung beilegt, schlicht nicht – also wird sie gar nicht erst zu einem Gespräch eingeladen.

Die Politik hat das Problem schon vor Jahren erkannt, eine einheitliche Lösung konnte bislang aber nicht gefunden werden. Zuletzt verlangte Nationalrat Matthias Aebischer (SP, BE) mittels Motion, dass in den englischsprachigen Übersetzungen von Abschlüssen der höheren Berufsbildung Titelbezeichnungen verankert werden, welche im Ausland besser verstanden werden – also zum Beispiel «Berufs-Bachelor» oder «Bachelor HF» (für Höhere Fachschule). Der Nationalrat nahm die Motion an, im Ständerat scheiterte sie in der vergangenen Wintersession aber. Eine deutliche Mehrheit wollte im Berufsbildungsbereich keine Titel erschaffen, die ans Bologna-System erinnern und deshalb akademisch klingen.

Widerstand an der Basis

Das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) hat sich in der Folge darum bemüht, den politischen Scherbenhaufen aufzuräumen. Der Vorschlag: Für Abschlüsse der Höheren Fachschule soll in der englischen Version künftig der Titel «Advanced Diploma of Higher Education» gelten, verbunden mit der jeweiligen Berufsbezeichnung. Den eigenössischen Abschlüssen soll zusätzlich das Wort «Federal» beigefügt werden. Ein diplomierter Steuerexperte würde also zum «Tax Expert with Advanced Federal Diploma of Higher Education».

Das SBFI hat hierzu in den vergangenen Wochen eine Umfrage bei den Berufsbildungspartnern durchgeführt. Am 31. Juli lief die Frist für die Einreichung der Stellungnahmen ab. Wie Recherchen der «Nordwestschweiz» zeigen, kommen die Vorschläge des SBFI längst nicht bei allen Befragten an. «Mit der vorgeschlagenen Übersetzung sind wir nicht glücklich, da sie im Ausland unbekannt ist», sagt Boris Rohr von der Höheren Fachschule für Wirtschaft Aarau. Auch für den Schweizerischen Gewerbeverband ist der Titel im englischsprachigen Ausland schlicht «nicht verständlich». Und für den Verband der diplomierten HF-Absolventen (Odec) ist der Vorschlag der Bildungsbehörde «nur die zweitbeste Lösung».

Mehrere Anbieter der höheren Berufsbildung wagen deshalb den Aufstand: So, wie sie es bereits bis anhin tun, wollen sie ihren Absolventen auch künftig in Eigenregie englische Titelbezeichnungen vergeben, die in ihren Augen im Ausland besser verstanden werden. «Wir werden weiterhin die Übersetzung ‹Professional Bachelor in Business Administration HFWpremium› beibehalten», sagt Rohr. Ähnlich tönt es bei Odec: Der Zusatz «professional», verbunden mit dem Kürzel des Branchenverbandes sei gegenüber den Abschlüssen von Universitäten oder Fachhochschulen «eine genügend grosse Abgrenzung». Der Gewerbeverband arbeitet gar mit europäischen Organisationen zusammen, um Druck auf den Bund auszuüben. Unterstützung erhalten die Kritiker von Ex-SP-Nationalrat und Bildungsexperte Rudolf Strahm: Das Wort «higher education» sei in vielen Ländern «ein No-Go», fürs einfache Verständnis sei die Bezeichnung «professional Bachelor» (oder «Master») nötig.

Gibt es Sanktionen?

Der Widerstand der Fachschulen ruft wiederum die Vertreter der Fachhochschulen auf den Plan. Sie fürchten wegen des Wortes «Bachelor» um eine Verwässerung der Titel, die ihre Absolventen auf akademischem Weg erzielt haben – es ist die Rede vom «Etikettenschwindel». So fordern etwa die staatlichen und privaten Wirtschaftsfachhochschulen in ihrer Stellungnahme, dass das SBFI «Massnahmen und Sanktionen» gegen jene Institutionen und Verbände ergreift, die weiterhin den Titel «Professional Bachelor» oder «Professional Master» vergeben. Ob es so weit kommt, ist unklar.

Die Bildungsbehörde erachtet die Verwendung von Titeln, die dem Bologna-System entlehnt sind, als «kritisch» und weist darauf hin, dass diese von der Eidgenossenschaft «ausdrücklich nicht anerkannt sind». Zuerst sollen nun die neu vorgesehenen Begriffe «sichtbar positioniert» und von nicht anerkannten Titeln «eindeutig abgegrenzt» werden. Weitere Massnahmen hält man sich beim SBFI offen: «Bei Bedarf sind in einem zweiten Schritt rechtliche Massnahmen zur Unterbindung abweichender Titel möglich.»