Fall Abdullah: Islamischer Zentralrat zieht über seinen Aussteiger her – Extremismusexperte erkennt ein Muster

Die Geschichte vom Mann, der Abdullah war, löst Reaktionen aus. Die Islamisten reagieren dünnhäutig. Ein Psychologe ordnet den Fall ein.

Andreas Maurer
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Hat sich verwandelt: K. C., 35. Vom Anthroposophen zum Islamisten und schliesslich zu einer neuen Geschlechtsidentität.

Hat sich verwandelt: K. C., 35. Vom Anthroposophen zum Islamisten und schliesslich zu einer neuen Geschlechtsidentität.

Roland Schmid (Basel, 19.6.2020)

Früher trug er einen Islamisten-Bart, heute hat er rot lackierte Fingernägel: K. C., 35, aus der Nordwestschweiz wuchs anthroposophisch auf – also nach der Lehre des Esoterikers Rudolf Steiner - und entdeckte in der Pubertät eine weibliche Seite in sich. Er versuchte aber, diesen Teil seiner Identität mit aller Kraft zu verdrängen.

Eine Verdrängungsstrategie fand er im Islamismus. Die radikale Szene sah er als Weg zu einem Abenteuer und zugleich zu einem sündenfreien Leben. Er liess sich einen fusseligen Bart wachsen und versuchte seine «Sünde», seine weibliche Seite, damit zu verstecken. Ein Jahrzehnt lang belügte er sich selber und provozierte mit islamistischen Aussagen. Beim Islamischen Zentralrat Schweiz (IZRS) amtete er in der Gründungsphase als «Minister für Infostände».

Diese Woche steht er wegen des Vorwurfs der Terrorpropaganda vor dem Bundesstrafgericht. Heute distanziert er sich von seiner Vergangenheit und zeigt sein neues Gesicht auch mit Bild in der Zeitung. Das ist die kurze Version der Geschichte.

Die lange Version ist hier nachzulesen:

Das Comingout löst Reaktionen aus. Der IZRS schreibt auf Facebook: «Vom Vollbart zu rot lackierten Fingernägeln… Cool oder Uncool?» Stand Donnerstagmittag meinen 60 User «Allah bewahre!». Doch erstaunlich viele IZRS-Anhänger reagieren positiv: 20 User wählten «cool» als Antwort.

Das entspricht nicht der offiziellen Lesart des Islamistenvereins. Dieser versah den Beitrag mit einem Koranzitat:

«Siehe, wer nach seinem Glauben ungläubig wird und immer mehr dem Unglauben verfällt – dessen Reue wird nicht angenommen, und dies sind die Irrenden.»

IZRS-Propagandachef Qaasim Illi schreibt dazu im Kommentarbereich: «Im Prinzip ist das seine Sache, was er aus seinem Leben macht. Etwas fragwürdig finde ich die Rede von einer ‹dunklen Zeit›, als er bei uns tätig war.» Illi hat den Artikel offenbar nicht genau gelesen. Denn der erwähnte Begriff stammt vom Journalisten, nicht vom Ex-Islamisten.

Typische Folgen einer patriarchalen Erziehung

Extremismusexperte Samuel Althof erkennt ein Muster im Fall Abdullah. Er sagt:

«Ich kenne Islamisten aus Winterthur mit der gleichen Grundproblematik: Sie wurden patriarchalisch erzogen und lernten so schon als Kind Schwarz-Weiss-Prinzipien und eine Dominanzorientierung. Mit dem Erwachsenwerden gossen sie diese dann kompensatorisch in Ideologie.»



Im Fall Abdullah ist allerdings eher eine matriarchalische Erziehung der anthroposophischen Mutter erkennbar. Dazu Althof: «Die Ideologie stammt aber ebenfalls von einem Patriarchen: vom Esoteriker Rudolf Steiner.»

Althof kennt auch die Geschichte von IZRS-Propagandist Illi und sagt:

«Illi hat ein ganz ähnliches Grundprofil – er konnte sich aber nicht mehr aus der kompensatorischen Ideologie befreien.»
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