FAMILIENARTIKEL: Die Kosten-Nutzen-Studien für Krippen bleiben umstritten

Jeder Franken, der in eine Krippe investiert wird, kommt um ein Mehrfaches an den Staat zurück, besagen Studien. Ein Experte hält das für fraglich.

Barbara Inglin
Drucken
Teilen
Spielende Kinder im Chinderhus im Bellpark in Kriens. Für die Luzerner ­Vorortsgemeinde ist klar: Investitionen in Kinderkrippen zahlen sich aus. (Bild Pius Amrein)

Spielende Kinder im Chinderhus im Bellpark in Kriens. Für die Luzerner ­Vorortsgemeinde ist klar: Investitionen in Kinderkrippen zahlen sich aus. (Bild Pius Amrein)

Für den Staat lohnt es sich, in Kinderkrippen zu investieren – mit diesem Argument werben die Befürworter des «Familienartikels» für die Abstimmung vom 3. März. Für jeden investierten Franken würden 2 Franken an den Staat zurückfliessen, sagte die St. Galler CVP-Nationalrätin und Pro-Familia-Chefin Lucrezia Meier-Schatz im Interview mit unserer Zeitung. Die Gemeinde Kriens rechnet mit 1.50 Franken Einnahmen pro Franken, der in Betreuungsgutscheine investiert wird, wie wir in der gestrigen Ausgabe unserer Zeitung berichteten. Die Subventionierung von Betreuungsangeboten ist also auch für den Staat ein gutes Geschäft.

Studien stützen Aussage

Tatsächlich wird diese Grundaussage durch verschiedene Studien gestützt. Eine davon hat das Büro Bass 2007 in Berner Kinderkrippen durchgeführt. Je nach Szenario fällt die Kosten-Nutzen-Rechnung etwas anders aus. Im schlechtesten Fall nimmt die öffentliche Hand genauso viel Geld wieder ein, wie sie für die Krippensubventionierung ausgibt. Im besten Fall liegen die Einnahmen 1,4-mal über den Ausgaben.

Inwiefern profitiert der Staat überhaupt davon, dass er Krippen subventioniert? Die Studienautoren geben verschiedene Einnahmequellen an: Erstens können Eltern dank der staatlich finanzierten externen Kinderbetreuung ihr Arbeitspensum erhöhen, somit verdienen sie mehr. Sie bezahlen in der Folge höhere Steuern und (gemeinsam mit den Arbeitgebenden) höhere Beiträge in die Sozialversicherungen. Die höheren Familieneinkommen führen zudem dazu, dass weniger Familien auf Sozialhilfe angewiesen sind. Der Staat hat in diesem Bereich weniger Ausgaben. Zweitens bezahlt auch das Kita-Personal Steuern.

Auf der Kostenseite werden die Ausgaben für die Subvention der Kindertagesstätten angerechnet.

Ähnliche Resultate in Luzern

Auch die Stadt Luzern kommt in einer Erhebung aus dem Jahr 2012 zum Schluss, dass sich die Subventionierung von Krippenplätzen (hier über Betreuungsgutscheine) für die Gemeinde lohnt. Die Berechnung ist ähnlich: Die zusätzlichen Steuerbeiträge der Eltern, die Steuern des Betreuungspersonals und die eingesparte Sozialhilfe werden bei den Einnahmen verbucht. Auf der anderen Seite schlagen die Betreuungsgutscheine und Ausgaben für die Administration auf die Kosten.

Wie gross der berechnete Nutzen für die Stadt ist, hängt von den getroffenen Annahmen ab. Die Frage ist: Wie würden die Eltern reagieren, wenn keine Betreuungsgutscheine mehr verteilt würden? Würden sie ihren Job ganz aufgeben oder nur das Pensum leicht reduzieren? Je nach Szenario verändert sich das Studienresultat. Die Ergebnisse gehen von einem Plus von 1,4 Millionen Franken bis zu einem Minus von 1,6 Millionen Franken aus. Trotzdem kommt auch diese Studie zum eindeutigen Schluss, dass das Kosten-Nutzen-Verhältnis positiv sei. Der Vergleich mit anderen Studien zeige, dass das Krippenangebot einen grossen Einfluss auf die Arbeitspensen habe. Mehr Krippenplätze führten also dazu, dass mehr ausser Haus gearbeitet wird.

«Logische Fehler»

Damit scheint wissenschaftlich belegt, dass sich Investitionen in Kinderkrippen für den Staat lohnen.

Reto Föllmi, Volkswirtschaftsprofessor an der Hochschule St. Gallen, beurteilt die Studien allerdings kritisch. «Der kurzfristige Nutzen wurde überzeichnet», sagt er. Denn die oben genannten Studien seien zwar sorgfältig erstellt – enthielten aber einige «logische Fehler». «So werden zum Beispiel die Steuern des Krippenpersonals als Einnahmen verbucht. Dabei würden diese Personen, hätten sie keine Anstellung in einer staatlichen Krippe, mit grosser Wahrscheinlichkeit einer anderen Arbeit nachgehen. Und ebenfalls Geld verdienen und Steuern zahlen», so Föllmi. Ein weiterer Kritikpunkt: «Die Familie als Steuerzahler wird bei der Berechnung vergessen!» Denn Familien könnten nicht nur von subventionierten Plätzen profitieren, sie und alle anderen müssten ja schliesslich via Steuern auch dafür aufkommen.

Langfristig, das betont aber auch Föllmi, kommen durch die erleichterte Vereinbarkeit von Beruf und Familie weitere positive Effekte hinzu. «Diese sind aber schwierig messbar. Ob für den Fiskus am Ende ein Plus oder ein Minus resultiert, lässt sich nicht seriös berechnen.»

Systemfehler geortet

Zu den langfristigen positiven Folgen zählt etwa, dass eine Mutter ihre Karriere nicht wegen einer Kinderpause unterbrechen muss. Sie wird in der Folge ein höheres Einkommen erzielen – und mehr Steuern bezahlen. Allerdings ortet der Volkswirtschaftsprofessor hier einen Systemfehler in der Schweiz: «Gerade bei Frauen in Führungspositionen wäre dieser Aspekt zentral. Da die Krippentarife in der Schweiz aber meist einkommensabhängig sind, lohnt es sich ausgerechnet bei diesen Frauen häufig nicht, einer Erwerbsarbeit nachzugehen. Nicht nur bezahlen sie sehr viel für einen Krippenplatz. Durch das höhere Einkommen verlieren sie die Ansprüche auf Subventionen und Prämienverbilligungen.»

Föllmi fordert deshalb, dass die Subventionierungen weniger stark vom Einkommen abhängig gemacht werden und wenn schon, die Umverteilung besser über die Steuern direkt erfolgt.

Regulierung treibt Kosten in Höhe

Noch wichtiger wäre aber laut Föllmi, dass die Rahmenbedingungen für die Eröffnung einer Kindertagesstätte vereinfacht würden. «Heute treibt die starke Regulierung die Kosten in die Höhe. Würden die Hürden für eine Kita-Eröffnung gesenkt, entstünde automatisch ein grösseres, günstigeres und flexibleres Angebot.» Oder anders gesagt. Fehlende Krippenplätze sind bei weitem nicht nur eine Frage des fehlenden Geldes.