FAMILIENARTIKEL: Die Schweiz ist «höchstens Mittelmass»

Andere Länder geben deutlich mehr Geld aus für externe Kinderbetreuung. Entsprechend tief müssen Schweizer Eltern für die Krippe in die Tasche greifen.

Barbara Inglin
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Rund ein Viertel der Drei- bis Vierjährigen in der Schweiz besucht eine Kindertagesstätte – im Bild eine Krippe in Zürich. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

Rund ein Viertel der Drei- bis Vierjährigen in der Schweiz besucht eine Kindertagesstätte – im Bild eine Krippe in Zürich. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

Die Schweiz ist im internationalen Vergleich «bestenfalls Mittelmass», wenn es um die externe Kinderbetreuung geht. Zu diesem Schluss kommt eine Studie der Schweizerischen Unesco-Kommission im Jahr 2009. Für Kinderbetreuungseinrichtungen werden hierzulande laut OECD gerade einmal 0,2 Prozent des Bruttoinlandsproduktes ausgegeben. In Holland ist es das doppelte, in Österreich das dreifache. Deutlich höher sind die Ausgaben in Frankreich (1,3 Prozent) und Dänemark (2,3 Prozent). In Skandinavien haben Kinder ab dem ersten Geburtstag gar einen Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz. Im Familienartikel, der am 3. März zur Abstimmung kommt, wird für die Schweiz ein «bedarfsgerechtes Angebot» gefordert. Der Begriff ist nicht weiter definiert und lässt einiges an Interpretationsspielraum offen.

Schweizer Eltern zahlen viel

Je mehr der Staat für die externe Kinderbetreuung ausgibt, desto günstiger wird es für die Eltern. In den meisten europäischen Ländern sind die Elternbeiträge einkommensabhängig und liegen zwischen 15 Prozent (Finnland) und höchstens 35 Prozent (Dänemark) der Vollkosten für die Betreuung. In der Schweiz sind es zwischen 25 und 100 Prozent. «Tatsächlich sind die Betreuungsbeiträge für die Eltern in keinem Land so hoch wie in der Schweiz, die bisher keine obere Grenze für die Elternbeiträge kennt», schreibt der Verband des Personals öffentliche Dienste (VPOD). «In Schweden zahlen Eltern fürs erste Kind 3 Prozent des steuerpflichtigen Haushaltseinkommens, in Bern sind es je nach Einkommen zwischen 5 und 15 Prozent – für einen subventionierten Platz.»

Angebot und Preis haben einen Einfluss darauf, wie viele Kleinkinder in einer Krippe betreut werden. In Belgien, Dänemark oder Frankreich besuchen über 90 Prozent der Drei- bis Vierjährigen eine Kinderkrippe. In der Schweiz ist es nur rund ein Viertel.

Auswirkung auf Erwerbsquote

Ein gut ausgebautes und subventioniertes Krippenangebot erleichtert die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Das zeigt sich in den skandinavischen Ländern, wo überdurchschnittlich viele Mütter mit Kindern im Krippenalter erwerbstätig sind. In Norwegen zum Beispiel arbeiten 71 Prozent der Mütter mit einem Kind unter drei Jahren. Laut Bundesamt für Statistik arbeiten in der Schweiz gut 60 Prozent der Frauen mit einem Kind unter zwei Jahren – was in etwa dem europäischen Durchschnitt entspricht (für Schweizer Männer mit einem Kind unter zwei Jahren liegt die Erwerbsquote bei 97,7 Prozent). Allerdings arbeiten Schweizer Mütter im europäischen Vergleich überdurchschnittlich häufig nur Teilzeit. Viele würden das Pensum gerne erhöhen, was durch die Familiensituation aber erschwert wird.

Arbeit trotz hoher Krippenkosten

Engagiert sich der Staat nur wenig bei der Krippenförderung, führt dies aber nicht automatisch zu geringeren Erwerbsquoten. In Grossbritannien etwa sind die Gebühren sehr hoch, die staatlichen Zuschüsse klein. Trotzdem schicken viele Eltern ihre Kinder in eine Krippe. Hier zeige sich die «schlichte ökonomische Notwendigkeit», heisst es in einem Bericht des deutschen «Informationsdienstes Soziale Indikatoren» (ISI) aus dem Jahr 2012. Die Eltern können es sich also schlicht nicht leisten, ihr Kind selber zu Hause zu betreuen. Trotz der teuren privaten Krippe lohnt sich die Erwerbsarbeit.

Laut dem ISI-Bericht ist neben dem Krippenangebot ein weiterer Faktor entscheidend für die Frage, ob eine Frau nach der Geburt eines Kindes wieder an ihren Arbeitsplatz zurückkehrt: das Bildungsniveau. «Vor allem hoch qualifizierte Frauen üben häufiger Berufstätigkeiten aus, die sich schwer mit einer mehrjährigen Unterbrechung vereinbaren lassen», schreiben die Autoren. Ebenso stellten die höheren Einkommens- und Karrierechancen positive Anreize, die Mutterschaftspause möglichst kurz zu halten. Bei tiefem Bildungsniveau und entsprechend tieferem Einkommen lohne sich die Arbeit ausser Haus hingegen häufig nicht. Das Muster zeige sich in nahezu allen europäischen Ländern, unabhängig vom staatlichen Betreuungsangebot: «Es sind die Mütter mit einem niedrigen Bildungsabschluss, die ihr jüngstes Kind vorwiegend selbst betreuen. Und es sind die Frauen mit dem höchsten Bildungsabschluss, die bei der Betreuung ihrer Kinder am häufigsten externe Unterstützung beanspruchen.»