FAUNA: Bund will GPS-Sender für Wölfe

Die Jungwölfe am Calanda verlieren zusehends die Scheu vor dem Menschen. Nun will der Bund das Verhalten der Tiere genauer erforschen auch mit Halsbandsendern.

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Jungwölfe tappen im bündnerisch-sankt-gallischen Grenzgebiet am Calanda in eine Fotofalle. Die Aufnahme stammt vom letzten Jahr. (Bild Amt für Jagd und Fischerei Graubünden)

Jungwölfe tappen im bündnerisch-sankt-gallischen Grenzgebiet am Calanda in eine Fotofalle. Die Aufnahme stammt vom letzten Jahr. (Bild Amt für Jagd und Fischerei Graubünden)

Adrian Vögele

Das Wolfsrudel am Calanda hatte im vergangenen Jahr zum dritten Mal Nachwuchs. Die älteren Jungtiere wandern nach und nach ab. Wie viele Wölfe derzeit zum Verbund gehören, ist nicht bekannt. Vor drei Wochen hielt sich das Rudel hinter dem Dorf Vättis SG im Taminatal auf. Wildhüter Rolf Wildhaber zählte auf einem Fotofallen-Bild sechs Tiere. «Es ist aber gut möglich, dass nicht das ganze Rudel auf dem Foto ist.» Mit eigenen Augen hat Wildhaber letztmals im Herbst Wölfe gesehen; zwei Stück waren es. Generell würden die Tiere nur selten gesichtet, sagt Wildhaber. «Sie verhalten sich nicht auffällig.» Allerdings komme es vor, dass sich die Wölfe in die Siedlungsgebiete vorwagen würden. «Der Mensch stellt für sie keine Gefahr dar», so die Erklärung des Wildhüters.

Fleischabfälle locken Jungtiere an

Reinhard Schnidrig ist Chef der Sektion Wildtiere und Waldbiodiversität im Bundesamt für Umwelt (Bafu). Er war 2014 zweimal in Vättis, um sich selber ein Bild der Lage zu machen. Ein Problem seien Fleischabfälle im Freien: «Am Rand des Dorfes hatte es in den letzten Jahren sogenannte Luderplätze mit Fütterungen für die Fuchsjagd, die wahrscheinlich die Jungwölfe angelockt haben.» Zudem habe man nicht weit vom Dorf im Wald Fleischabfälle von einer Schweinemetzgete gefunden. «Das geht natürlich nicht.»

«Andererseits», so Schnidrig, «stellen wir schon auch fest, dass die Jungwölfe am Calanda zunehmend weniger scheu werden und mit der Infrastruktur des Menschen Strassen, Maiensässe, Dörfer – gleichgültiger umgehen. Diese Verhaltensentwicklung wollen und müssen wir genau beobachten.» Das Bafu hat deshalb ein Forschungsprojekt lanciert, das die jungen Wölfe genau unter die Lupe nimmt und zeigen soll, warum und wie die Tiere Siedlungen aufsuchen. Auch Überwachung via Satellit ist eine Möglichkeit. «Wenn es gelingen sollte, einzelne Jungwölfe einzufangen, würden wir diese mit einem Halsbandsender wieder laufen lassen und dann eng beobachten», sagt Schnidrig. «Aber das Einfangen dürfte nicht einfach sein, denn Wölfe sind sehr vorsichtig, und entsprechend eingeschränkt sind die Fangmethoden.»

Vergrämung mit Gummischrot

Immer wieder diskutiert wird zudem die Vergrämung das Verjagen der Raubtiere mit Warnschüssen oder Gummischrot. Auch solche Massnahmen sollen gemäss Schnidrig am Calanda getestet werden. «Aber natürlich nur, wenn sich die Wölfe auch wiederholt in die Siedlungen wagen. Wenn sie im Wald und am Berg bleiben, werden wir sie selbstverständlich in Ruhe lassen.» Das Forschungsprojekt soll mindestens drei Jahre dauern.

Eine Offensive in Sachen Wolf hat der Bund noch vor Weihnachten gestartet: Das Bundesamt für Umwelt bereitet im Auftrag von Bundesrätin Doris Leuthard (CVP) eine Revision der eidgenössischen Jagdverordnung vor. Sie soll den erleichterten Abschuss von Wölfen unter bestimmten Voraussetzungen ermöglichen (Ausgabe vom 23. Dezember). Etwa wenn Jungwölfe ihre Scheu verlieren und sich wiederholt innerhalb oder in der Nähe von menschlichen Siedlungen aufhalten. Pro Natura, WWF und die Gruppe Wolf Schweiz kritisieren das Vorgehen scharf. Solch drastische Massnahmen seien bei einer Zahl von schweizweit etwa 25 Wölfen nicht gerechtfertigt. Die revidierte Jagdverordnung geht im nächsten Quartal in die Vernehmlassung und könnte bereits am 1. Juni 2015 in Kraft treten.

«Abschuss derzeit nicht nötig»

Reinhard Schnidrig vom Bafu hält fest: «Ein Abschuss, wie ihn die neue Verordnung ermöglichen soll, ist zurzeit am Calanda nicht notwendig.» Der Bund nehme die geäusserten Ängste der Bevölkerung aber ernst und bereite sich vor «sodass wir dann den rechtlichen Rahmen zum Handeln haben, wenn es nötig sein sollte».