Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Fehlende Lokführer: Der Bund nimmt die SBB in die Pflicht

Den Personalmangel bei den Bundesbahnen bekommen zusehends auch die Passagiere zu spüren. Haben die SBB zu spät reagiert?
Sven Altermatt
Die Bundesbahnen suchen händeringend nach Lokführern. (Bild: Melanie Duchene/Keystone (Zürich, 5. Juli 2018))

Die Bundesbahnen suchen händeringend nach Lokführern. (Bild: Melanie Duchene/Keystone (Zürich, 5. Juli 2018))

Die SBB müssen sich zumindest nicht vorwerfen, Superlative allzu sparsam einzusetzen: «Als Lokführerin oder Lokführer bewegen Sie Grosses», versprechen die Bundesbahnen den Aspiranten ihres Ausbildungsprogramms. Der Job führe entlang der schönsten Bahnstrecken des Landes. Und der Arbeitsalltag sei genauso abwechslungsreich «wie Ihre Arbeitszeiten und die unterschiedlichen Fahrzeugtypen, die Sie pilotieren», werben die SBB in Stelleninseraten.

Personal wird händeringend gesucht, nicht nur bei der Nummer eins der Branche, sondern auch bei kleineren Bahnen. Doch Triebfahrzeugführer, wie der einstige Traumberuf im Beamtenjargon genannt wird, sind Mangelware. Die SBB wollen Gegensteuer geben. Mit neuen Kampagnen versuchen sie, Quereinsteiger über 40 Jahre für den Lokführerberuf zu gewinnen. Zudem bekommen die Lokführer eine Sonderzulage von 80 Franken, wenn sie an einem ihrer freien Tage einspringen.

Eine ganze Bahnlinie ausser Betrieb

Allein bei den SBB fehlen derzeit pro Tag rund 30 Lokführer. Dass deswegen ein Zug ausfällt, kommt immer mal wieder vor. Am vergangenen Wochenende aber musste eine ganze Regionallinie während eines Tages stillgelegt werden, weil das Personal fehlte.

Auf der «Läufelfingerli»-Strecke zwischen Olten und Sissach boten die SBB stattdessen Busse auf (wir berichteten). Verblüffte Bahnfahrer verwies das Unternehmen auf den «aktuell angespannten Personalbestand bei den Lokführern».

Wegen solcher Engpässe müssen die SBB-Personalplaner zuweilen stundenlang nach Ersatz suchen. Bei einigen führte diese Mehrbelastung zu gesundheitlichen Problemen, wie der «Blick» publik gemacht hat. Für die Öffentlichkeit nicht direkt spürbar sind derweil die Zugausfälle im Güterverkehr. Ausgefallene Cargo-Züge werden in der Regel anderntags nachgefahren.

Die Gründe für den Personalmangel sind vielschichtig. Zum einen kompensieren Lokführer momentan die Zusatzdienste, die sie während der Eventsaison im Sommer geleistet haben. Zum anderen war SBB-Cargo jüngst übermässig von Krankheitsfällen betroffen.

Das ist jedoch bloss die aktuelle Lage. Denn vor allem fusst der Personalmangel auf einem grundsätzlichen Problem, das sich sogar noch verschärfen könnte. Die geburtenstarken Jahrgänge kommen nächstens ins Rentenalter, gleichzeitig sollten die SBB ihren Bestand von heute 3500 Lokführern wegen des geplanten Angebotsausbaus weiter vergrössern. In den nächsten fünf Jahren müssen sie deshalb gemäss Schätzungen bis zu 1000 entsprechende Stellen neu besetzen.

Bereits vor fünf Jahren waren die Engpässe zeitweise dramatisch. 2014 fehlten an manchen Standorten gar bis zu 50 Lokführer pro Tag. Kein Wunder, versuchten die Bundesbahnen schon so einiges, um den Personalmangel auszugleichen. Mal weiteten sie ihr Suchfeld nach Deutschland aus, mal lockten sie Anwärter mit Prämien.

Scharfe Kritik der Gewerkschaften

Derzeit werden Lokführer-Aspiranten in 14 Klassen ausgebildet – das reicht offenbar nicht. Die Rekrutierung sei zu defensiv geplant worden, räumen die SBB inzwischen ein. Deshalb soll jetzt die Bedarfsplanung verbessert werden.

Trotz Automatisierung lässt sich also kein Anzeichen festmachen, dass die Frau oder der Mann auf dem Führerstand ein aussterbender Beruf sein könnte. Dabei dürften just die regelmässigen Diskussionen um automatisierte Züge den Personalmangel noch befeuern, warnen die Gewerkschaften. Sie kritisieren unisono: Für das Problem seien die SBB auch selbst verantwortlich. Man wisse seit Jahren, dass eine Pensionierungswelle anrolle, moniert der Lokomotivpersonal-Verband LPV.

Der Berufsverband VSLF sieht indes Defizite beim Management. «Dass die gesamte Eisenbahn ein sehr langwieriges Geschäft ist, das mit kluger Voraussicht geführt werden muss, scheint im Digitalisierungsnebel untergegangen zu sein», hält er in einer Stellungnahme fest. Immerhin haben die Bundesbahnen kürzlich den Einstiegslohn für Lokführer-Aspiranten von 3200 auf 4000 Franken erhöht.

SBB müssen sich beim Bund rechtfertigen

Müssen die SBB das Problem alleine ausbaden? Das zuständige Bundesamt für Verkehr (BAV) nimmt das Unternehmen in die Pflicht. Gegenüber der Redaktion von CH Media betont die Behörde:

«Es liegt voll und ganz in der Verantwortung der Bahnunternehmen, die für den konzessionierten Betrieb nötige Anzahl Lokführer zu rekrutieren und zu disponieren.»

Entsprechend liege es ebenso in der Pflicht der Unternehmen, den bestehenden Personalmangel zu beheben. Untätig bleibt das Amt allerdings trotzdem nicht. Man werde den Lokführermangel beim nächsten Spitzentreffen mit den SBB traktandieren und sich über das Thema informieren lassen, kündigt ein BAV-Sprecher an.

Da werden ziemlich sicher auch rechtliche Frage aufkommen: Dürfen die SBB einfach so den Zugverkehr auf einer Linie einstellen? Gemäss Personenbeförderungsgesetz haben die Verkehrsbetriebe «alle in den Fahrplänen enthaltenen Fahrten durchzuführen». Ausnahmen von dieser Betriebspflicht sind nur in wenigen Fällen zulässig, namentlich wegen Umständen, welche die Verkehrsbetriebe «nicht vermeiden und deren Folgen sie nicht abwenden können».

Zu Totalausfällen wegen Personalaufalls wie jenem auf der «Läufelfingerli»-Linie äussert sich das BAV vorerst nicht näher. «Die konkreten Umstände sind einzelfallweise zu beurteilen», heisst es.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.