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FERNSEHEN: «Es wird sie wohl länger geben, als wir vermuten»

Seit 60 Jahren gibt es die «Tagesschau». Sie passt eigentlich nicht mehr ins heu­tige Medienverhalten. Warum wird sie immer noch von so vielen Menschen gesehen?
Interview Arno Renggli
Die «Tagesschau» ging stets mit der Zeit: Das zeigen auch die Sendesignete von 1953 bis heute. (Bild: SRF)

Die «Tagesschau» ging stets mit der Zeit: Das zeigen auch die Sendesignete von 1953 bis heute. (Bild: SRF)

Urs Leuthard, Sie sind Redaktionsleiter der «Tagesschau». Wundern Sie sich nicht auch, dass sich in einer Zeit des steten verfügbaren Infoflusses noch so viele Leute um Punkt halb acht vor dem Fernseher einfinden?

Urs Leuthard: Es zeigt für mich, dass die drei Kriterien, nach denen wir Informationen vermitteln, immer noch gefragt sind. Es sind dies Relevanz, Aktualität und Zuschauerinteresse. An diesen Kriterien hat sich über die Jahrzehnte wenig verändert, insofern ist die «Tagesschau» tatsächlich ein sehr klassisches Format. Aber es gab schon auch Anpassungen.

Welche?

Leuthard: Heute gehen wir davon aus, dass viele Zuschauer schon relativ gut informiert sind, was tagsüber passiert ist. Das heisst für uns, dass Analyse und Einordnung von Informationen oder Hintergründe dazu an Bedeutung gewonnen haben. Hinzu kommt, dass die Vermittlung via Bilder, dazu gehören auch Grafiken, an Bedeutung noch gewonnen hat. Und die Rolle der Moderatoren hat sich im Laufe der Zeit stark gewandelt.

1956: Felix Hurter ist der erste Tagesschauleiter, im Vordergrund zwei Cutterinnen. (Bild: SRF)
1962: Erich Gysling spricht einen Off-Kommentar. (Bild: SRF)
1962: Tagesschau-Regie. Von hier aus wird die ganze Sendung gelenkt, werden Filme und Fotos dazwischengeschaltet und dem Sprecher nach Redaktionsschluss eingegangene wichtige Meldungen übermittelt. Im Hintergrund sieht man durch eine Glaswand in die Kabine des Sprechers, hier Erich Gysling. (Bild: SRF)
1967: Leon Huber (Bild: SRF)
1967: Paul Spahn. (Bild: SRF)
1971: Sprecher Leon Huber. (Bild: SRF)
1973: Regieraum der Tagesschau (Bild: SRF)
1979: Hermann Schlapp im Tagessschau-Studio. (Bild: SRF)
1984: Redaktor Pierre Freimüller, Sprecherin Franziska Schnyder und Max Wolf vom Sport. (Bild: SRF)
1986: Tagesschau-Chef Erich Gysling (Bild: SRF)
1986: Erich Gysling (Bild: SRF)
1992: Hansjörg Enz (Bild: SRF)
1992: Heinrich Müller (Bild: SRF)
1992: Charles Clerc (Bild: SRF)
29. August 1953 (Bild: SRF)
1958 (Bild: SRF)
1960 (Bild: SRF)
1973, erstmals mit Farbe. (Bild: SRF)
Tagesschau erstmals um 19.30 Uhr (zuvor 20 Uhr). (Bild: SRF)
1985 (Bild: SRF)
1990 (Bild: SRF)
1992 (Bild: SRF)
2005 (Bild: SRF)
Februar 2012 (Bild: SRF)
24 Bilder

60 Jahre Tagesschau

Die reinen Sprecher wie damals ein Léon Huber wurden ja längst durch Leute abgelöst, die auch Journalisten sind. Dennoch ist ein gewisser Star-Appeal geblieben. Arbeiten Sie gezielt mit dieser Personalisierung, etwa um Zuschauerbindung zu erreichen?

Leuthard: Der Star-Appeal ergibt sich aus der Frequenz, mit der die Moderatoren öffentlich zu sehen sind. Er ist ab und zu auch übertrieben und wird weder von der Redaktion noch von den Betroffenen gezielt gesucht. Aber es zeigt auch, dass unsere Moderatorinnen und Moderatoren eine hohe Glaubwürdigkeit geniessen.

Wann legt die Redaktion die Themen für die jeweilige Sendung fest?

Leuthard: Es gibt jeweils morgens um 9.15 Uhr eine erste Sitzung. Dort ist rund die Hälfte der Themen bereits definiert, einfach aufgrund von geplanten Ereignissen wie etwa politischen Agenden. In einer zweiten Sitzung um 14.30 Uhr wird der Rest der Sendung festgelegt. Aber natürlich kann die Aktualität immer alles wieder über den Haufen werfen, auch noch fünf Minuten vor dem Start der «Tagesschau». Manchmal werden Beiträge erst im Laufe der Sendung fertiggestellt und direkt ausgestrahlt.

Medienexperte Kurt Imhof hat in einem Interview gesagt, dass sich die Schwerpunkte der «Tagesschau» immer wieder etwas verschoben hätten. Bis in die 70er-Jahre sehr britisch-distanziert mit internationalem Fokus, in den 80er-Jahren mehr Nähe und damit mehr Inland, in den 90ern im Zuge der Globalisierung wieder mehr Ausland, ab den Nuller-Jahren wieder mehr Inland. Sehen Sie das auch so?

Leuthard: So detailliert kann ich das nicht überblicken, dafür bin noch zu wenig lang bei der «Tagesschau». Aber ich kann bestätigen, dass der Anteil der Inlandberichterstattung, etwa über die Bundespolitik, in den letzten Jahren wieder grösser geworden ist. Es geht hier nicht unbedingt darum, Nähe zu erzeugen. Sondern da­rum, uns als wichtigste Schweizer Nachrichtensendung zu positionieren. Allerdings stellen wir auch weiterhin hohe Ansprüche an unsere Auslandberichterstattung, was man etwa an unserem Korrespondentennetz sieht.

Heute gibt es im deutschsprachigen Raum ja sehr unterschiedliche Newssendungen: von der sehr klassischen ARD bis hin zu RTL, wo auch Softnews eine grössere Rolle spielen. Wo positionieren Sie sich in diesem Spektrum?

Leuthard: RTL finde ich als einzigen der grossen deutschen Privatsender im News-Bereich wirklich relevant und interessant. Allerdings verspüren wir überhaupt keinen Druck, etwa im Bereich der Softnews diesen Weg mitzugehen. Da sind wir doch klar näher bei ARD und ZDF. Natürlich bringen wir auch leichtere Stoffe, etwa auch aus den Bereichen Sport oder Kultur, aber heute sicher nicht mehr als früher.

Sie haben die Bildebene angesprochen: Ist diese nicht oft auch trügerisch, etwa wenn man nicht weiss, von wem und mit welcher Absicht Bilder gemacht worden sind?

Leuthard: Bilder sind eine der grossen Stärken unseres Mediums, weil sie, etwa bei Grafiken, zur Verständlichkeit beitragen und vor allem Emotionen vermitteln können. Aber tatsächlich muss man bei der Auswahl immer sehr vorsichtig sein. Syrien ist ein aktuelles Beispiel dafür: Wir müssen prüfen und auch möglichst transparent machen, in welchem Kontext Bilder entstanden sind oder wer sie geliefert hat. Ob es zum Beispiel das Staatsfernsehen oder die Opposition war.

Man weiss, Fernsehen ist teuer und News-Sendungen erst recht. Kann man die Kosten der «Tagesschau» beziffern?

Leuthard: Das wäre sehr schwierig. Damit man etwa die Grössenordnung sieht: Unsere Redaktion umfasst inklusive Administration 60 bis 70 Stellen, hinzu kommen technisches Personal, freie Mitarbeiter oder Korrespondenten, die für verschiedene Gefässe arbeiten. Wenn man allerdings bedenkt, dass wir mit unseren verschiedenen Formaten im Laufe des Tages doch weit über eine Stunde Sendezeit bestreiten, relativieren sich die Kosten.

Wie stark stehen Sie politisch unter Druck, etwa seitens der Parteien, die Links- oder Rechtslastigkeit monieren?

Leuthard: Interessanterweise steht das nur ganz selten im Zentrum. Ich kenne selber auch die «Arena» sehr gut, wo solche Fragen ganz wichtig sind. Bei der «Tagesschau» ist die politische Ausrichtung kaum ein Thema. Ich vermute, weil man uns einfach seit Jahrzehnten als sehr ausgewogen erlebt. Zu Konflikten führt viel eher, worüber wir berichten und worüber nicht. Als wir etwa dieses Jahr auf die WM der Berufsleute verzichteten, ging ein Sturm der Entrüstung los. Über die Art der Berichterstattung gibt es schon auch kritische Zuschauerfeedbacks. Derzeit zum Beispiel, wir würden einseitig gegen Assad berichten. Aber solche sind auch im Vergleich mit anderen Sendungen eher selten. Auch unser Ombudsmann erhält zur «Tagesschau» nicht mehr als 10 bis 15 Beschwerden pro Jahr.

Heute kann man die «Tagesschau» wie viele andere Sendungen auch zeitlich versetzt schauen. Doch dies wird immer noch wenig genutzt.

Leuthard: Auch ich finde erstaunlich, dass die allermeisten Leute heute noch zu einem fixen Zeitpunkt schauen. Es ist wohl auch ein tägliches Ritual, verbunden mit einer sozialen Komponente, wenn man die «Tagesschau» etwa im familiären Rahmen gemeinsam sieht. Die zeitverschobene Nutzung wird in den nächsten Jahren zunehmen, aber wohl langsamer, als man bisher vermutet hat. Darum denke ich, dass auch in 10 oder 20 Jahren noch viele Leute die «Tagesschau» zu einer festgelegten Zeit sehen wollen.

Sie haben nun nach vorne geschaut: Wie wird sich die «Tagesschau» entwickeln?

Leuthard: Es werden wohl vermehrt Zusatzinhalte angeboten werden, aus denen der Konsument dann selber auswählt. Neue technische Möglichkeiten werden erlauben, dass man sich quasi seine eigene «Tagesschau» zusammenstellt und zum Beispiel entscheidet, ob man den Sportblock sehen will oder nicht. Journalistisch betrachtet, werden sich unsere Mitarbeiter wohl vermehrt auf bestimmte Themen spezialisieren, auch um Zusatz-Infos bereitzustellen, die man dann online abrufen kann. Und trotzdem bin ich überzeugt, dass die klassische Form ihre Attraktivität behalten wird. Die altbekannte «Tagesschau» wirds vielleicht noch länger geben, als wir alle vermuten.

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