FERNSEHEN: «Ich mag diesen Druck»

Sie ist das neue Gesicht bei «10 vor 10»: Wie sie mit dem plötzlichen Rampenlicht und ihrem Doppel­leben als junge Mutter klarkommt, erzählt Andrea Vetsch (38) im Interview.

Interview Robert Bossart
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«Ich bin mir bewusst, dass ich nicht allen Leuten gefallen werde. ­Moderatoren sind Geschmackssache. Damit müssen wir leben können.» (Bild Pius Amrein)

«Ich bin mir bewusst, dass ich nicht allen Leuten gefallen werde. ­Moderatoren sind Geschmackssache. Damit müssen wir leben können.» (Bild Pius Amrein)

Wenn man Ihren Namen googelt, stösst man zuerst auf Ihre Namensvetterin, ein Model und Playmate mit ziemlich freizügigen Fotos – werden Sie häufig verwechselt?

Andrea Vetsch: Ich habe sie auch schon beim Googeln entdeckt, eine Boulevardzeitung wollte sogar mit uns beiden eine Geschichte machen. Ich habe dankend abgelehnt. (lacht)

Aber als TV-Moderatorin gehört das Äussere auch zum Geschäft. Wurden Sie deswegen ausgewählt für den neuen Job?

Vetsch: Nein, nein. Natürlich ist es immer ein Gesamtpaket, das entscheidend ist. Aber ich würde jetzt mal sagen, dass vor allem meine intellektuellen Stärken und meine Fähigkeiten als Moderatorin den Ausschlag gegeben haben und nicht meine äussere Erscheinung. Aber klar: Ich wäre vielleicht nicht beim Fernsehen gelandet, wenn ich so ein hängendes Auge hätte wie der Komiker Karl Dall – obwohl das bei ihm ja eine Art Markenzeichen geworden ist.

Hinstehen, gut aussehen und schön brav die Texte vorlesen reicht wohl nicht mehr?

Vetsch: Nein, die Zeiten sind längst vorbei, in denen die Moderatorinnen die meiste Zeit in der Maske verbrachten, sich die Haare föhnen liessen und nachher vor der Kamera irgendetwas abgelesen haben. Es geht darum, wie viel Interesse man für Nachrichtenthemen aufbringt, wie wach man ist und wie man sich in dieser News-Welt bewegt und zurechtfindet. Wir Moderatorinnen sind Journalisten und Redaktoren, die ihre eigenen Beiträge produzieren und ihre Moderationen selber schreiben.

Sind Sie ein wacher Mensch?

Vetsch: Sehr, würde ich sagen. Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der immer schon viel über das Zeitgeschehen diskutiert wurde. Mit einem Historiker als Vater gehörte das zum Alltag. Wir hörten viel Radio und hatten diverse Zeitungen abonniert. Das hat mich sicher geprägt.

Welches politische Thema brennt Ihnen persönlich derzeit am meisten unter den Nägeln?

Vetsch: Sicher natürlich die Ukraine, aber eigentlich beschäftigt mich auch Syrien ziemlich stark. Gerade weil es aus den Schlagzeilen verschwunden ist. Es mutet seltsam an, dass dieses permanente Drama bei uns fast etwas in Vergessenheit geraten ist, obwohl es Tausende von Toten zu beklagen gibt und nun eine Art verlorene Generation heranwächst – Kriegsopfer, die ohne Dach über dem Kopf, ohne Schulbildung und ohne Hoffnung zurecht- kommen müssen. Da zeigt sich die Schattenseite unseres schnelllebigen News-­Geschäfts. Sehr schnell folgt ein Thema aufs andere, und die eigentlich wichtigen Dinge geraten oftmals in den Hintergrund, obwohl sich überhaupt nichts verbessert hat. Innenpolitisch verfolge ich die Positionierung der Schweiz gegenüber Europa mit grösstem Interesse.

Gibt es auch Dinge, bei denen es Ihnen die Sprache verschlägt?

Vetsch: Das Car-Unglück im Wallis vor zwei Jahren ist mir sehr nahegegangen. Ich habe am Morgen die «Tagesschau»-Spezialsendung moderiert. Es fiel mir sehr schwer, und ich versuchte, eine Art Tunnelblick zu bekommen, nicht an die Eltern zu denken, die ihre Kinder verloren haben. Ich schaute mir auch die Bilder vom Unfall nicht allzu genau an, sonst hätte ich Mühe gehabt, meine Moderation zu Ende zu bringen. Ich sagte zu mir, dass jetzt die Menschen erst mal informiert werden müssen. Meine eigene Betroffenheit spielt da keine Rolle, die kommt erst nach der Sendung zum Vorschein.

Moderatoren wirken immer so gefasst und abgeklärt. Sind Sie abseits der Kamera auch so?

Vetsch: Überhaupt nicht, viele Dinge gehen mir nahe, beim Moderieren schalte ich in den «Profimodus», die Gefühle kommen wie gesagt nachher.

Wie wird man eigentlich Moderatorin? Im Hintergrund arbeiten so viele Menschen, Sie selbst haben lange als Produktionsassistentin gearbeitet. Warum gerade Sie?

Vetsch: Ich weiss auch nicht. Vor ein paar Jahren hat mich mal die Frau von Filippo Leutenegger angesprochen – sie arbeitete damals als Produzentin bei «10 vor 10». Sie sagte, sie könne sich gut vorstellen, dass ich ein gutes Gesicht für die Kamera hätte.

Was ist das, ein gutes Kameragesicht?

Vetsch: Keine Ahnung. Vielleicht eine gewisse Lebendigkeit und Ausdrucksstärke. Es gibt Leute, die in natura super aussehen, aber vor der Kamera funktioniert es nicht. Und umgekehrt gibt es Menschen, die aufblühen, sobald sie auf Sendung sind.

Sie?

Vetsch: Die Leute sagen immer, ich sehe so anders aus im Fernsehen. Ob besser oder schlechter, weiss ich nicht. (lacht) Sicher ist, dass ich mich wohl fühle, wenn die Kamera läuft.

Sie haben Germanistik studiert – war schon immer klar, dass Sie dereinst vor der Kamera stehen?

Vetsch: Nicht wirklich. Wir hatten zu Hause ziemlich lange keinen Fernseher, darum sage ich aus Spass, dass ich nur hier bin, weil ich immer noch am Kompensieren bin. (lacht) Weil wir immer bei den Nachbarn vor der Glotze hockten, haben meine Eltern dann auch einen gekauft, da war ich aber schon mindestens in der fünften Klasse. Vielleicht muss ich ja immer noch die verpassten Stunden nachholen, wer weiss.

Und jetzt mal im Ernst?

Vetsch: Ich habe während der Uni-Zeit hier gejobbt – und bin seither nicht mehr weggekommen.

Fast so etwas wie eine Tellerwäscherkarriere also?

Vetsch: Das hat was, ja. Allerdings habe ich mir gesagt: Nach der Uni ist dann fertig, dann will ich mal einen anderen Job haben. (lacht) Jetzt bin ich immer noch hier. Es hat sich immer wieder etwas Spannendes ergeben innerhalb des SRF. Ich schliesse nicht aus, dass ich auch mal noch für einen anderen Arbeitgeber tätig werde. Wer weiss, was noch alles kommt.

Nun fangen Sie erst mal bei «10 vor 10» an. Ist das so etwas wie ein «SRF-Ritterschlag»?

Vetsch: Die Sendung läuft in der Prime-time, das stimmt. Aber mich reizt nicht, dass jetzt ein paar tausend mehr zuhören als etwa bei der «Tagesschau Nacht» oder so. Mich reizt, Themen vertiefen zu können. Und auch, etwas mehr Persönlichkeit und Farbe in die Moderation bringen zu können.

Aber ein bisschen muss man das Rampenlicht schon mögen?

Vetsch: Es wäre gelogen, wenn das nicht auch mitspielte. Es passiert ja etwas mit einem, wenn die Kamera läuft.

Was denn?

Vetsch: Eine gewisse Spannung – ich mag diesen Livedruck, er macht, dass ich so richtig wach und bereit bin. Voraufzeichnungen sind nicht so mein Ding.

Sind Sie ein Adrenalin-Junkie?

Vetsch: Nein, aber als ich mal für die Sendung «Schweizweit» Voraufzeichnungen machen musste, merkte ich, dass das weniger gut geht. Wir mussten die Sendung x-mal wiederholen, bis sie im Kasten war.

Panik vor dem totalen Blackout haben Sie nicht?

Vetsch: Ich werde sicher vor der ersten Sendung nervös sein und schweissige Hände haben. Aber es wird schon gehen, und wir haben ja immer den Prompter, der den Text anzeigt. Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass man sich verspricht. Und für den Pannenfall haben wir stets mental schon einige Sätze parat, etwa: Ich frage mal die Regie, wir haben offenbar Probleme mit dem nächsten Beitrag. Irgendwie rettet man sich immer. Zudem habe ich ja auch schon ein paar Jahre Erfahrung und bereits ein paar Pannensendungen hinter mir. So schnell haut mich so etwas nicht um.

Gibt es so etwas wie das schlimmste Erlebnis?

Vetsch: Wir hatten mal, als ich noch ziemlich neu und unerfahren war, eine Mittagssendung, in der praktisch nichts geklappt hat. Es gab eine Panne nach der anderen, und ich habe mich von der ­einen Entschuldigung zur nächsten hangeln müssen. Die Karte, die nicht kam, der Beitrag, der nicht eingespielt werden konnte: Ich geriet zunehmend ins Stottern und bekam einen roten Kopf. Horror, da habe ich Blut und Wasser geschwitzt.

Aus Ihrem beruflichen Umfeld hört man, dass Sie geschätzt werden und als liebevolle Person gelten. Bei «10 vor 10» kann es auch mal Häme und Kritik hageln. Da muss man ­einiges aushalten können. Haben Sie eine genügend dicke Haut?

Vetsch: Ich bin eine richtige Teamplayerin, das stimmt. Wenns Kritik gibt, muss ich den Kopf hinhalten, das ist so. Ich bin mir bewusst, dass ich nicht allen Leuten gefallen werde. Moderatoren sind Geschmackssache, die einen finden den gut und den anderen nicht, andere sehen es genau umgekehrt. Damit müssen wir leben können.

Wie macht man das?

Vetsch: Ich bin eigentlich ein gelassener Mensch. Man soll nicht gleich bei jedem Problem zusammenbrechen, es sind immer vorübergehende Phasen, und es gehen immer wieder neue Türen auf. Das ist mein Credo. Man kann nicht immer obenauf schwimmen. Ich versuche, den Menschen mit viel Wohlwollen zu begegnen. Bis jetzt durfte ich auch viel Goodwill empfangen.

Man hofft, dass Sie bei «10 vor 10» zu einem Markenzeichen der Sendung werden. Wie ist das zu verstehen?

Vetsch: Ich werde eines von drei Gesichtern sein. Aber natürlich würde es mich freuen, wenn ich neue Zuschauer für «10 vor 10» begeistern könnte.

«10 vor 10» gilt als Infotainment-­Gefäss: Ist das noch zeitgemäss, und muss Information wirklich unterhalten?

Vetsch: Es ist ein Spannungsfeld, in dem es nicht einfach ist, sich zu bewegen. Die Leute haben die News den ganzen Tag über gehört – und dann schauen sie noch «10 vor 10», bevor sie ins Bett gehen. Da glaube ich schon, dass es mehr als trockene News braucht – und vor allem mehr Hintergrund und Einordnendes. Oder eben Unterhaltung, die eine gewisse Relevanz hat. Seien wir ehrlich: Uns alle interessiert es, wie die Zwillingsbuben von Roger Federer aussehen.

Hand aufs Herz: Sind Sie eine fleissige «10 vor 10»-Zuschauerin?

Vetsch: Es gab Zeiten, in denen ich die Sendung oft geschaut habe. Zurzeit bin ich um diese Zeit oft zu müde.

Das liegt wohl an Ihrem kleinen Kind, das Sie frühmorgens aus dem Bett holt. Sie sind seit kurzem Mutter. Ist es das pure Glück oder der blanke Horror?

Vetsch: Etwas dazwischen, wobei es schon Momente gibt, in denen man denkt: Das darf ja nicht wahr sein.

Wann denn?

Vetsch: Wenn zum Beispiel das Kind krank ist, stündlich aufwacht in der Nacht und man am Morgen gerädert zur Arbeit geht. Aber das sind ja alles Phasen, die vorbei- gehen.

Nun werden Sie vermehrt bis spät in die Nacht arbeiten und erst nach Mitternacht ins Bett kommen. Und dann weckt Sie Ihre Tochter frühmorgens ...

Vetsch: ... um die sich dann mein Partner kümmert. (lacht) Nein, das haben wir noch nicht geplant. Es wird aber sicher die eine oder andere kurze Nacht für mich geben, das ist klar. Vielleicht bringe ich sie ja dann in die Krippe und lege mich noch mal für ein Stündchen hin. Oder ich gehe joggen, da lädt man die Batterien auch wieder auf. Gartenarbeit tut auch gut. Ich liebe Blumen.

Sie arbeiten 60 Prozent und haben ein kleines Kind. Ist das kompatibel?

Vetsch: Wie viele andere Mütter probiere ich auch, beides mit Vollgas zu machen. Darum bin ich um halb zehn abends auch müde.

Sind Sie eine gute Mutter?

Vetsch: Da müssen Sie andere fragen, mein Freund findet, dass ich es gut mache. Ich bin nicht so das Baby-Mami, je mehr Interaktion möglich ist, desto mehr Spass macht es. Meine Tochter ist ja schon bald aus dem Baby-Alter raus. Ich freue mich auf alles, was kommt.

Schauen Sie viel Fernsehen?

Vetsch: Ich schaue viel SRF, und das sage ich jetzt nicht, weil ich müsste oder so. Serien wie «Homeland» oder «Mad Men» gefallen mir und natürlich viele News und Dokumentarfilme. Wahllos zappen kommt auch vor. Und Kochsendungen.

Kochsendungen?

Vetsch: Warum nicht? Ich koche selber sehr gerne.

Und was machen Sie sonst noch?

Vetsch: Ich jogge, spiele Tennis und ­segle. Wir jassen gerne und haben gerne Besuch, den wir bekochen.

Im Fernsehen sehen Sie wie Ihre Kollegen auch immer so sachlich und gefasst aus. Wie sind Sie privat?

Vetsch: Ich bin eine sehr lebendige Person, ich kann auch impulsiv sein. Zudem habe ich einen sehr ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Wenn mir etwas ungerecht erscheint, bin ich nicht diejenige, die mit ihrer Meinung zurückhält. Ich scheue auch Konfrontationen nicht.