FERTILITÄT: Für die Eizelle über die Grenze

Die Eizellenspende ist in der Schweiz verboten, neuerdings aber in Italien erlaubt. Eine Tessiner Klinik nützt die Grenznähe für die Behandlung von unfruchtbaren Paaren.

Gerhard Lob/Lugano
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Der Kinderwunsch führt viele Paare nach Italien. (Bild: Fotolia)

Der Kinderwunsch führt viele Paare nach Italien. (Bild: Fotolia)

Gerhard Lob/Lugano

Das Phänomen war unter dem Namen Turismo riproduttivo oder auch Fertilitätstourismus bekannt geworden. Ein restriktives Gesetz schränkte die Fortpflanzungsmedizin in Italien stark ein. Daher suchten viele italienische Paare, die ungewollt kinderlos blieben, Fertilitätszentren im Tessin auf. Aufgrund der hohen Nachfrage sind in der Südschweiz vier solcher Zentren aktiv, eines davon ist dem öffentlichen Spital La Carità in Locarno angegliedert. Pro Crea als grösster privater Anbieter ist seit bald 20 Jahren unter dem Namen Swiss Fertiliy Center in Lugano tätig, 80 Prozent der Patienten sind Italiener.

Doch in jüngster Zeit hat der Wind gedreht. Denn in Italien wurde im April 2014 das Gesetz zur Fortpflanzungsmedizin liberalisiert. Vor allem wurde die Eizellenspende ermöglicht, die in der Schweiz nach wie vor verboten ist. «Das war natürlich eine ganz wichtige Änderung», sagt Michael Jemec, Mitbegründer und Leitender Arzt von Pro Crea. Tatsache sei, dass sich immer ältere Frauen wegen Unfruchtbarkeit behandeln liessen. Doch ab einem bestimmten Alter seien die Erfolgschancen für eine In-vitro-Fertilisation (IVF) nicht mehr hoch. Denn nicht nur die Zahl befruchtungsfähiger Eizellen nehme ab, sondern auch ihre Qualität. Er befürwortet daher die Eizellenspende, «um Eltern ihren Kinderwunsch zu erfüllen».

Italienerinnen vertrauen Schweizer Ärzten

Die neue rechtliche Situation bewog Pro Crea, ihre Aktivität auf Italien auszuweiten. Nach Erstgespräch und durchgeführten Tests wird der eigentliche Embryotransfer in einer Partnerklinik bei Como ausgeführt. «Wir tun dies alles mit unserem eigenen Schweizer Ärzteteam», sagt Jemec. Denn nach wie vor sei das Vertrauen von italienischen Patienten in die Schweizer Gesundheitsdienste sehr hoch. Die Eizellen kommen zu 95 Prozent aus Spanien und werden mit einem Sondertransport nach Italien gebracht. Auch Schweizer beziehungsweise Tessiner Patientinnen, welche eine Eizellenspende wünschen, werden für diesen letzten Schritt in Italien behandelt. Aber wird hier nicht einfach das Bundesgesetz über die medizinisch unterstützte Fortpflanzung ausgetrickst, welche die Eizellenspende untersagt? «Nein, wir haben uns da rechtlich abgesichert», sagt Jemec. Alles werde dokumentiert und sei auch mit dem Kantonsarzt als Kontrollorgan abgesprochen.

Pro Crea gibt an, dass die Zahl der Patientinnen, wahrscheinlich auch wegen dieser zusätzlichen Behandlungsmöglichkeit, konstant geblieben sei – rund 700 pro Jahr mit 1000 initiierten Behandlungszyklen. Andere Kliniken spüren hingegen die Folgen der neuen rechtlichen Lage im Nachbarland stärker. So erklärt Luca Gianaroli vom Internationalen Institut für Reproduktionsmedizin in Lugano-Noranco, dass die Nachfrage deutlich gesunken sei. Früher habe man 200 Frauen behandelt, nun nur noch 70 bis 80. Der Patientinnen-Strom zwischen der Schweiz und Italien habe sich in den letzten zwei Jahren umgekehrt. «Warum sollten Italiener ins Tessin kommen, wenn sie die gleiche oder noch mehr Leistung nun vor der Haustür und dazu noch günstiger haben?», fragt Gianaroli. Für sein Institut sei dieser Rückgang verkraftbar, weil es Niederlassungen in der Lombardei habe. Seiner Meinung nach wird es aber schwierig, wenn auf Dauer vier Einrichtungen dieser Art im Tessin überleben sollen. Im Büro des Tessiner Kantonsarztes gibt es keine konkreten Zahlen über die jüngsten Entwicklungen.

6000 Frauen lassen sich pro Jahr behandeln

Gemäss Bundesamt für Statistik nehmen jedes Jahr rund 6000 Frauen in der Schweiz Behandlungen zur medizinisch unterstützten Fortpflanzung in Anspruch. Die Zahl ist aber seit einigen Jahren leicht rückläufig. Ärzte wie Michael Jemec hoffen, dass auch die Schweiz ihr Gesetz anpasst und die Eizellenspende ermöglicht.

Im Parlament war dies bereits ein Thema, doch wurde eine entsprechende, bereits 2012 eingereichte parlamentarische Initiative im März 2016 aus Verfahrensgründen abgeschrieben. Das Thema ist allerdings damit noch nicht vom Tisch.