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FIFA: «Die Fifa braucht mehr Kundennähe»

Er will Präsident des Weltfussballverbandes werden: Jérôme Champagne sagt, wie er die Fifa in die Zukunft führen will.
Interview Eva Novak und Sermîn Faki
Es wird keine einfache Präsidiumswahl, sagt Jérôme Champagne: «Auf die Verbände wird viel Druck ausgeübt.» (Bild Pius Amrein)

Es wird keine einfache Präsidiumswahl, sagt Jérôme Champagne: «Auf die Verbände wird viel Druck ausgeübt.» (Bild Pius Amrein)

Herr Champagne, werden Sie am 29. Mai 2015 die Korken knallen lassen?

Jérôme Champagne: Das hoffe ich sehr. Aber es geht nicht um meine Person. Ich will als Fifa-Präsident die Probleme des Weltfussballs lösen.

Welche Probleme?

Champagne: Fussball ist extrem erfolgreich. Aber das ist auch eines der grössten Probleme. Die Fifa hat ihre Führungsrolle bei der Globalisierung des Fussballs nicht wahrgenommen. Darunter leidet die Glaubwürdigkeit. Überdies sind politische, private, ökonomische und auch kriminelle Interessen dabei, die Kontrolle zu übernehmen. Ich war elf Jahre im Inneren der Fifa. Ich weiss sehr gut, dass das System nicht funktioniert.

Was würden Sie anders machen?

Champagne: Zuerst einmal würde ich die Sachen, die gut laufen, beibehalten. Im Entwicklungsprogramm beispielsweise hat die Fifa schon viel getan, aber nicht genug. Es kann doch nicht sein, dass die erste Liga in der Demokratischen Republik Kongo auf Sand spielen muss! Daher will ich von den 1,5 Milliarden Dollar, welche die Fifa als Reserve hält, 500 Millionen für die Entwicklung ausgeben. Festhalten werde ich auch an der Vision, dass die WM in allen Ländern der Welt ausgetragen werden muss.

Und was wollen Sie ändern?

Champagne: Im Zentrum meiner Kampagne steht der Kampf gegen die Ungleichheiten. Zwar haben der brasilianische und der afrikanische Fussball heute mehr Geld als vor 20 Jahren – dennoch hat sich der Abstand zu Europa vergrössert. Oder schauen wir nach Europa: Selbst zu Zeiten des Eisernen Vorhangs konnten osteuropäische Clubs wie Steaua Bukarest oder Roter Stern Belgrad die grossen Wettbewerbe gewinnen. In den letzten 25 Jahren wurde der Eiserne durch einen finanziellen Vorhang ersetzt, der 15 superreiche Clubs von allen anderen trennt. Bukarest, Belgrad, Celtic Glasgow oder Ajax Amsterdam haben heute keine Chance mehr, die Champions League zu gewinnen. Das muss sich ändern.

Zum Wohl der anderen Fans der restlichen Clubs?

Champagne: Selbstverständlich. Ich bin selber Fan von St-Etienne und vom FC Barcelona. Wäre ich Fan des FC Luzern oder des FC St. Gallen, möchte ich, dass mein Club auch mal an die Spitze kommen kann. Das ist aber nicht so: Wer wie der FC Basel oder Bayern München drei, vier Jahre in Folge in der Champions League spielt, häuft so viel Geld an, dass er im eigenen Land nicht mehr einholbar wird.

Was wollen Sie dagegen tun?

Champagne: Ein Beispiel: Die englische Liga verdient pro Jahr 40 Millionen Dollar in Indien, investiert aber nicht in den indischen Fussball. Das werde ich ändern.

Sie wollen die Fifa reformieren. Wie?

Champagne: Mit der aktuellen Struktur ist die Fifa nicht zukunftsfähig. Das liegt vor allem am Exekutivkomitee, welches alle wichtigen Entscheidungen trifft, aber nicht ausreichend legitimiert ist. Ich will die Macht von den Kontinental- wieder zurück an die Landesverbände geben. Ausserdem müssen auch Spieler, Clubs und Ligen vertreten sein. Damit liesse sich mein drittes Ziel erreichen: die Aussöhnung mit der Öffentlichkeit. Die Fifa hat ein Imageproblem. Um das zu korrigieren, braucht es Transparenz und mehr Kundennähe. Wenn ich gewählt werde, werde ich meinen Verdienst offenlegen. Ich habe nichts zu verstecken.

Was verdient ein Fifa-Präsident eigentlich?

Champagne: Das weiss ich nicht. Als stellvertretender Generalsekretär hatte ich ein sehr gutes Einkommen, etwa 30 000 Franken im Monat.

Haben die Probleme der Fifa auch mit dem aktuellen Präsidenten zu tun? Macht Sepp Blatter einen schlechten Job?

Champagne: Wer sagt, dass Herr Blatter für alles verantwortlich ist, betreibt Demagogie. Das Problem der Fifa ist nicht Sepp Blatter, sondern die Zusammensetzung des Exekutivkomitees.

Sepp Blatter hatte 18 Jahre Zeit, das zu ändern. Also ist er doch ein schlechter Präsident.

Champagne: Wie gesagt: «Antiblatterismus» ist nicht die Antwort. Blatter und sein Vorgänger João Havelange haben viel Gutes getan, und die Art, wie sie regiert haben, war richtig für die 70er-, 80er- und 90er-Jahre. Aber jetzt sind wir im 21. Jahrhundert, und wir brauchen einen Richtungswechsel, einen Generationenwechsel. Das haben auch der spanische König Juan Carlos und selbst Papst Benedikt anerkannt.

Kommen wir zu Themen, die die Fussballwelt beschäftigen: Muss man die Entscheidung für Katar überdenken?

Champagne: Ich liebe die arabische Kultur, seit mich mein erster diplomatischer Posten nach Oman führte. Meiner Meinung nach ist es gut, in unserer zerrissenen Welt mit ihrem Rassismus, Antisemitismus und Antiislamismus die WM in ein arabisches Land zu geben. Aber es gibt drei Probleme mit Katar. Erstens die inakzeptable Situation der Gastarbeiter ...

... die Sie wie lösen wollen?

Champagne: Auf einem ausbeuterischen System kann man keine WM bauen. Ich unterstützte daher die Forderung von DFB-Präsident Wolfgang Niersbach: Geben wir den Katarern ein Jahr, um das Problem zu lösen. Danach überprüfen Amnesty International und der Internationale Gewerkschaftsbund, ob die Arbeitsbedingungen in Ordnung sind. Wenn ja, gut. Wenn nicht, nehmen wir Katar die WM wieder weg.

Das zweite Problem sind die Korruptionsvorwürfe im Zusammenhang mit der Vergabe.

Champagne: Ja, und im Gegensatz zu Fifa-Richter Hans-Joachim Eckert bin ich nicht der Meinung, dass der Fall beendet ist. Das zu glauben, ist eine Illusion. Das FBI ermittelt ebenso weiter wie die Schweizer Bundesanwaltschaft. Der Rücktritt von Chefermittler Michael Garcia ist ein Rückschritt. Doch bis die Ermittlungen abgeschlossen sind, gilt die Unschuldsvermutung auch für Katarer. Ich will Beweise sehen.

Dann wäre da noch die Winter-WM.

Champagne: Für mich ist klar, dass die WM 2022 im Sommer stattfinden muss. Natürlich nicht im Juni und Juli. Aber im Mai ist es möglich. Stellen Sie sich vor, Graubünden vergibt einen Auftrag für einen Tunnel in Flims. Nach der Vertragsunterzeichnung kommt die Baufirma und sagt, sie baue nun keinen Tunnel in Flims, sondern eine Autobahn zwischen Moutier und Biel. – Entschuldigen Sie, so geht das doch nicht! Ich bin dafür, dass man künftig Anpassungen vornimmt, damit auch Länder mit anderen klimatischen Bedingungen als Westeuropa eine WM ausrichten können. Aber die Ausschreibung für 2022 lautete klar nicht für einen Wintermonat.

Welche Chancen haben Sie, die Wahl zum Fifa-Präsidenten zu gewinnen?

Champagne: Das sage ich Ihnen am 29. Mai. Um zu gewinnen, muss man das Risiko auf sich nehmen, zu verlieren.

Wie ist Ihr Verhältnis zu Sepp Blatter?

Champagne: Ich war elf Jahre lang sein engster Mitarbeiter, der die Post erledigt und die Programme entwickelt hat. Dann hat er mich auf Druck von Katar, von Brasilien und der Uefa aus dem Amt gejagt. Heute sind unsere Beziehungen nur noch professionell.

Stimmt das Gerücht, es gebe einen Deal zwischen Ihnen und Blatter mit dem Ziel, einen aussichtsreicheren Kandidaten zu verhindern – und dass Sie zum Dank den Posten des Generalsekretärs erhalten werden?

Champagne: Es gibt jede Menge Gerüchte. Es gibt das Gerücht, ich hätte gesagt, ich hätte keine Chance. Dabei haben die Leute nur nicht richtig zugehört. Es gibt das Gerücht, das Ziel meiner Kandidatur sei zu verhindern, dass Michel Platini antritt. Wie sollte ich? Wenn er eine Vision hat, soll er antreten, ohne dass ich ihn daran hindern könnte. Es gab auch das Gerücht, dass ich meine Kandidatur sofort zurückziehen würde, sobald Blatter antritt. Er hat es getan, und ich habe nicht zurückgezogen. Tatsache ist: Es gibt keinen Deal.

Wer finanziert Ihre Kampagne?

Champagne: Das mache ich selber. Bevor ich mich zur Kandidatur entschloss, habe ich das mit meiner Frau diskutiert und Geld auf die Seite gelegt. Bis heute habe ich ungefähr 42 000 Franken ausgegeben.

Reicht das, um die Welt zu bereisen?

Champagne: Das ist gar nicht nötig. Dutzende von Verbandspräsidenten sind immer wieder in Zürich. Wenn ich mit ihnen sprechen will, muss ich nicht zu ihnen fliegen. Ausserdem verfüge ich über die nötigen Kontakte zu allen Akteuren. Wenn ich an Konferenzen eingeladen werde, dann fliege ich zwar hin. Aber wenn man nicht hochnäsig ist und nicht Business Class fliegen muss, kostet das nicht die Welt. Und sollte ich gewählt werden, werden mir die Auslagen zurückerstattet. Ich bewahre alle Quittungen auf.

Sie brauchen fünf Verbände, welche Sie portieren. Wer wird das sein?

Champagne: Das werde ich Ihnen nicht verraten. Es ist eine sehr komplizierte Wahl, auf die Verbände wird viel Druck ausgeübt. Ich werde es am 29. Januar bekannt geben – bis dahin habe ich gemäss den Statuten Zeit.

Bis dahin bringt auch die Uefa einen eigenen Kandidaten. Wissen Sie schon, wen?

Champagne: Man wird es sehen. Mich stört es überhaupt nicht, wenn es viele Kandidaten geben wird. 2015 darf nicht einfach eine Krönungszeremonie stattfinden. Wir brauchen eine richtige Debatte, die Fifa braucht eine Wahl, eine Alternative. Man muss nicht über den Vorsitz der Fifa debattieren, sondern darüber, was man mit dem Fussball will. Wenn wir weitermachen wie bisher, werden wir weiterhin einen elitären Fussball haben. Heute kann 1 Prozent der Clubs und der Spieler wunderbar vom Fussball leben – und 99 Prozent leiden.

Sie stammen aus Paris. Würden Sie den Sitz der Fifa dorthin verlegen?

Champagne: Der Sitz der Fifa wird in Zürich bleiben, obwohl ihn einige gerne anderswo sähen. Ich bin mit diesem Land zutiefst verbunden. Seit meiner frühsten Kindheit komme ich regelmässig nach Flims. Seit 1999 lebt meine Familie in Zürich. Wir sind völlig integriert. Ich lebe gerne hier. Und ich werde alles dafür tun, dass Zürich und die Schweiz stolz darauf sind, die Fifa zu beherbergen.

Eva Novak und Sermîn Faki

Der Ex-Diplomat

Zur Person Jérôme Champagne will Fifa-Präsident werden. Der 56-jährige Franzose arbeitete als Diplomat, bevor er 1999 zum Weltfussballverband Fifa wechselte. Als stellvertretender Generalsekretär war er zugleich Direktor für internationale Beziehungen und politischer Berater von Sepp Blatter. Nach elf Jahren wurde er von Blatter Anfang 2010 aus dem engsten Kreis der Fifa entlassen. Champagne bezeichnet sich aktuell als Berater, zu seinen Kunden gehörten die Fussballverbände von Palästina, Kosovo und Zypern. Man geht davon aus, dass diese seine Kandidatur ebenso unterstützen wie der brasilianische Ex-Fussballer Pelé. Champagne lebt mit seiner Familie am Zürichsee.

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