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FIFA: «Was geschehen ist, tut mir sehr weh»

Michel Zen-Ruffinen machte schon vor über zehn Jahren auf die Missstände in der Fifa aufmerksam. Nun fühlt er sich bestätigt. Und er bricht eine Lanze für Platini.
Interview Vasilije Mustur
Zürich, 27. Mai: Hotelangestellte schirmen ab, wie ein ranghoher Fifa-Beamter von der Polizei abgeführt wird. (Bild: Pascal Mora/The New York Times)

Zürich, 27. Mai: Hotelangestellte schirmen ab, wie ein ranghoher Fifa-Beamter von der Polizei abgeführt wird. (Bild: Pascal Mora/The New York Times)

Spätestens seit die US-Justizbehörden hochrangige Fifa-Funktionäre wegen Bestechung und Korruption im Zürcher Nobelhotel Baur au Lac verhaften liessen, steht fest: Die Fifa steckt tief in der Krise. Für einen kommt dies wenig überraschend: Michel Zen-Ruffinen (55). Der Walliser war von 1998 bis 2002 Generalsekretär und damit die rechte Hand von Joseph S. Blatter. In seinem letzten Amtsjahr bezichtigte Zen-Ruffinen seinen damaligen Präsidenten der Korruption und des Machtmissbrauchs. Das über 20 Seiten lange Dokument verfehlte seine Wirkung. Damit nicht genug: Die Anschuldigungen kosteten Zen-Ruffinen im Juli 2002 den Job. Obwohl sich die Vorwürfe heute wie damals ähneln, darf der einstige Fifa-Generalsekretär nicht offen über die Vergangenheit sprechen. Eine damals getroffene Vereinbarung verbietet ihm das.

Herr Zen Ruffinen, die Fifa hat turbulente Tage hinter sich. Wie bewerten Sie die Lage beim Fussballweltverband derzeit?

Michel Zen-Ruffinen: Was alles in den letzten Tagen bei der Fifa geschehen ist, tut mir sehr weh für die Organisation. Man hätte meiner Ansicht nach viel früher handeln müssen, um die Probleme, welche ich im Jahre 2002 bereits aufgeworfen habe, zu lösen.

Sind die Entwicklungen somit eine späte Genugtuung für Sie selbst?

Zen-Ruffinen: Nein. Dass man mir im Nachhinein Recht gibt, ist zwar schön, dient jedoch nicht der Organisation als Ganzes. Ich hoffe sehr, dass die Fussballwelt nun die richtigen Schlüsse und Konsequenzen aus der Krise ziehen wird, damit die Fifa wieder so stark wird, wie sie es einst war: der Traumverband von einem Traumsport.

Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass für die Weltmeisterschaft 1998 in Frankreich Schmiergeld bezahlt wurde, Irland eine «Kompensationszahlung» von 5 Millionen Euro erhielt und auch die Weltmeisterschaft in Südafrika gekauft wurde?

Zen-Ruffinen: Die Geschichten aus Irland und Südafrika fanden nach meiner Amtszeit statt, und ich habe sie erst aus den Presseberichten in den letzten Tagen erfahren. Was die Vergabe der Weltmeisterschaft 1998 anbelangt, hat die Fifa damals im Jahre 1992, sofern ich mich richtig erinnere, nichts vermutet, und ich hoffe sehr, dass das Thema nun seriös behandelt wird – auch wenn 23 Jahre seither vergangen sind.

Welche Reformen braucht die Fifa neben der Amtszeit- und Altersbeschränkung, Lohntransparenz des Managements und der Veränderung bei der Abstimmung über die Vergabe einer Fussball-Weltmeisterschaft aus Ihrer Sicht, um der Korruption Einhalt zu gebieten?

Zen-Ruffinen: Meiner Meinung nach sollte der Verband zuerst ein doppelspuriges System einführen, nach welchem die Grundrechte von den Verbänden – egal wie gross und mächtig diese sind – aufrechterhalten würden. Im Gegenzug dazu sollte den grösseren Verbänden in bestimmten Bereichen mehr Einfluss zugestanden werden – und die Konföderationen sollten besser in die Fifa-Struktur integriert werden.

Derzeit wird die Fifa in der Schweiz juristisch als Non-Profit-Organisation wahrgenommen. Gleichzeitig erwirtschaftet die Fifa jährlich Milliardenumsätze. Müsste dieser Status von der Politik geändert werden?

Zen-Ruffinen: Juristisch gesehen ist der Status der Fifa in der Schweiz bestimmt falsch, obwohl sie im Handelsregister eingetragen ist. Für internationale Sportverbände sollten wir aber eine besondere wirtschaftliche Struktur schaffen.

Und wie soll diese aussehen?

Zen-Ruffinen: Sie könnte einer Aktiengesellschaft mit zielgesetzten Besonderheiten ähneln.

Die Fifa hat in den vergangenen Monaten und Jahren immer wieder damit gedroht, dem Standort Schweiz den Rücken zu kehren, sollte der rechtliche Status von der Politik geändert werden. Für wie realistisch halten Sie einen Wegzug?

Zen-Ruffinen: Ich glaube keine Minute daran, dass die Fifa den Standort Schweiz verlassen wird; beide Parteien hätten dabei zu viel zu verlieren.

Bereits bringen sich mögliche Nachfolger für das Fifa-Präsidium in Stellung. Allen voran Uefa-Präsident Michel Platini. Was halten Sie von ihm?

Michel Zen-Ruffinen: Michel Platini habe ich als Fifa-Exekutivmitglied kennen gelernt. Er führt meiner Ansicht nach die Uefa auf hervorragende Art und Weise. Er wäre für mich bestimmt ein perfekter Kandidat für das Amt des Fifa-Präsidenten – obwohl der Fussballweltverband politischer wirkt als die Uefa.

Doch wie glaubwürdig ist ein Mann, der wenige Tage vor der Vergabe der WM nach Katar beim französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy vorspricht, danach auch noch für eine WM im Wüstenstaat stimmt und dessen Sohn mit Katar Geschäfte macht?

Zen-Ruffinen: Was die Vergabe der Weltmeisterschaft nach Katar und die Hintergründe anbelangt, kann ich mich nicht äussern, weil ich die genauen Vorkommnisse dazu nicht kenne.

Ein anderer Favorit auf die Nachfolge von Sepp Blatter ist der kuwaitische Scheich Ahmad al Sabah. Was würde aus Ihrer Sicht die Wahl des Scheichs bedeuten?

Zen-Ruffinen: Ich kenne Scheich al Sabah nicht, kann mir aber vorstellen, dass er als sehr aktiver Fussballverwalter weltweit sicher sehr fähig wäre, einer Struktur wie derjenigen der Fifa vorzustehen.

Dem Scheich wird wie Jack Warner und Chuck Blazer aber Bestechlichkeit nachgesagt.

Zen-Ruffinen: Dazu möchte ich nichts sagen. Zudem leben wir in einem Rechtsstaat, in dem die Unschuldsvermutung gilt. In meinen Augen kann aber nur jemand der Fifa vorstehen, der den Fussballweltverband und dessen Besonderheiten von innen perfekt kennt wie auch den Fussball als Sportart effektiv beherrscht. Scheich al Sabah erfüllt meiner Ansicht nach diese Kriterien.

Was halten Sie denn von der Idee des deutschen Fussballbundes, die Wahl des Fifa-Präsidenten statt spätestens im März bereits in drei bis vier Monaten durchzuführen?

Zen-Ruffinen: Ich erachte es als nötig, die Reformen so schnell wie möglich zu definieren und dann umzusetzen; die interimistische Periode sollte also in der Tat so kurz wie möglich sein.

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