Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

FILMFESTIVAL: «Es gibt einfach zu viele Filme»

Als künstlerische Vizedirektorin des Festivals Locarno kümmert sich Nadia Dresti um die kommerzielle und industrielle Seite des Filmgeschäfts. Sie kennt die Erfolge und Probleme.
Gerhard Lob, Locarno
Die Piazza Grande in Locarno wird während des Filmfestivals zum Kinosaal. Ab dem 2. August heisst es: Film ab. (Bild: Alexandra Wey/Keystone (2. August 2016))

Die Piazza Grande in Locarno wird während des Filmfestivals zum Kinosaal. Ab dem 2. August heisst es: Film ab. (Bild: Alexandra Wey/Keystone (2. August 2016))

Interview: Gerhard Lob, Locarno

Nadia Dresti, Ihre Arbeit findet hinter den Kulissen statt, etwas abseits vom grossen Scheinwerferlicht der Piazza Grande. Sie organisieren beispielsweise die Industrial Days. Was passiert dort genau?

Wir versuchen, Leute aus dem Filmbusiness nach Locarno zu holen. Produzenten, Käufer, Verleiher, aus Europa, aber auch aus Übersee. Für uns ist es angesichts dieser Präsenz sehr wichtig, Filme als Weltpremieren zu haben. Sonst gibt es für die Käufer nichts Interessantes zu kaufen. Aber wir haben Autorenfilme, die nicht so teuer sind. Da müssen nicht unbedingt 10 Millionen auf den Tisch gelegt werden. Zudem haben wir mehrere Projekte, damit diese Filmleute auch untereinander Networking betreiben müssen.

Das Publikum will Filme sehen. Ist es Aufgabe eines Schweizer Festivals, Business-Leute aus der Filmwelt zu vernetzen?

Ein Festival, das nur Filme auf der Piazza Grande und im Wettbewerb zeigt, im Beisein einiger Zuschauer und Journalisten, wäre ein äusserst schwaches Festival. Eigentlich wäre es nur ein Open-Air-­Kino. Dank der Anwesenheit der Filmindustrie haben wir überhaupt die Möglichkeit, an bestimmte Filme zu kommen. Die Filmindustrie gibt uns Filme, weil sie etwa Interesse an diesem Schaufenster der Piazza Grande hat. Und umgekehrt kommen Käufer oder Verleiher, weil sie wissen, dass es etwas Besonders im Angebot gibt. Ohne die Industrievertreter wäre das internationale Interesse an Locarno wesentlich geringer.

Das Publikum weiss von diesen Aktivitäten hinter den Kulissen aber nicht viel.

Nein. Aber diese sind eine Realität. Das gilt auch für alle anderen Festivals. Auf dem roten Teppich von Cannes will das Publikum die Schauspieler und Diven sehen. Aber rundherum tummeln sich die Investoren, Produzenten und Marketingleute; kurzum all diejenigen, die die Produktion und Verbreitung von Filmen überhaupt möglich machen. Wir haben unter der Kategorie «Industrie» in Locarno mehr als 1000 akkreditierte Personen. Das zeigt, wie wichtig dieser Bereich ist.

Sind die Vertreter der Filmindustrie wichtiger als die 8000 Zuschauer auf der Piazza Grande?

Das lässt sich so nicht sagen. Die Dinge greifen ineinander. Eine Präsenz der Filmindustrie ohne Publikum wäre nicht wünschenswert. Es braucht beide Komponenten, damit das Niveau des Festivals hoch ist. Für die Filmindustrie ist die Piazza Grande wie ein Labor – um zu sehen, wie das Publikum reagiert.

Es gibt Untersektionen wie StepIn, Match Me!, First Look. Was verbirgt sich dahinter?

Nehmen wir First Look: Da geht es um Filme im Stadium der Postproduktion – sozusagen um einen «ersten Blick». Jedes Jahr steht ein anderes Land im Fokus. Dieses Jahr haben wir einen Schwerpunkt auf dem Baltikum. Daher sind erstmals Produzenten aus Estland, Lettland und Litauen da, um ihre noch nicht ganz fertigen Filme vorzustellen. Sie organisieren im Rahmen des Festivals ihre Veranstaltungen. Und vielleicht interessiert sich jemand für ihre Produktionen, auch wenn sie noch nicht abgeschlossen sind. Das ist eine wichtige Plattform.

Und diese Strategie hat Erfolg?

Es gibt jedenfalls Erfolgsgeschichten. Der brasilianische Film «The Second Mother» etwa. Der Direktor des amerikanischen Sundance Film Festival hat ihn in Locarno gesehen, zu sich geholt und gleich noch einen Käufer gefunden. Nachher wurde der Film auf der ganzen Welt gezeigt. Dasselbe ist mit dem israelischen Film «Sand Storm» passiert, der hier Interessenten fand, bevor er fertig produziert war.

Trotz dieser Anstrengungen werden viele Filme, die in Locarno laufen, nie in einem Kino gezeigt. Selbst von den mit einem Goldenen Leoparden ausgezeichneten Filmen zwischen 2005 und 2015 kamen nur drei ins Kino, davon zwei Schweizer Produktionen. Was läuft falsch?

Es gibt da ein Problem. Wir haben viele Verleiher oder Käufer hier, die voll des Lobes sind über gezeigte Produktionen. Doch wenn ich frage, ob sie gekauft haben oder den Film verleihen wollen, winken sie ab. Sie befürchten, dass diese Filme in ihren Ländern gegen die Konkurrenz aus anderen Ländern nicht bestehen. Zumal sich die Sehgewohnheiten wegen DVDs oder Netflix verändert haben. Das Problem ist: Insgesamt gibt es zu viele Filme. Das Publikum wächst nicht wie die Anzahl der Filme.

Ist es nicht eine Frage der Qualität?

Es gibt häufig künstlerische Qualität, aber keine kommerzielle Sichtweise. Das heisst. Es gibt Arthouse-Filme, die für ein kleines Nischenpublikum interessant sind, aber nicht für ein grosses Publikum. Wir haben eine Überproduktion an Filmen, und gleichzeitig gehen die Leute weniger ins Kino. Die Gewohnheiten haben sich geändert.

Eine Überproduktion an Filmen, zugleich weniger Publikum. Wie lässt sich aus diesem Teufelskreis ausbrechen?

Das ist sehr schwierig. Zumal heute mit wenig Geld ein Film produziert werden kann. Auch Subventionsanträge nehmen im Übrigen zu. Die Förderstellen können sich vor Gesuchen kaum retten.

Sollte die Locarno-Jury mehr darauf achten, ob ein Film reale Möglichkeiten auf eine Vermarktung hat?

Unsere Philosophie geht nicht in diese Richtung. Hier steht die künstlerische Komponente ganz klar im Vordergrund. In diesem Sinne wird auch die Jury zusammengestellt. Es gibt Festivals, die anders vorgehen. Wir haben den Autorenfilm im Fokus – dafür sind wir auch weltweit bekannt.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.