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FINANZGESELLSCHAFTEN: Das Misox sagt mafiösen Tarnfirmen den Kampf an

Die Zahl undurchsichtiger Briefkastenunternehmen im Bündner Bezirk Moesa wächst rasant. In einer Petition fordern besorgte Bürger nun ein sofortiges Eingreifen der Behörden.
Gerhard Lob, Roveredo
Ob sich hinter diesem Briefkasten auch eine Scheinfirma verbirgt? (Bild: Archiv / KEYSTONE / Gaetan Bally)

Ob sich hinter diesem Briefkasten auch eine Scheinfirma verbirgt? (Bild: Archiv / KEYSTONE / Gaetan Bally)

Der Südbündner Bezirk Moesa ist äusserst ländlich. Wer die ­Gegend zwischen Bellinzona und San Bernardino auf der A13 durchfährt, käme nicht auf die Idee, dass sich hier ein «Eldorado für Briefkastenfirmen» verbirgt. Doch genau solche schiessen wie Pilze aus dem Boden. Es gibt Finanzdienstleister sowie Informatik- und Technologieunternehmen, zumindest auf dem Papier. Denn ausser einem Schild auf einem Briefkasten steckt häufig wenig hinter dem Firmennamen.

Der italienischsprachige Bezirk, der das Misox und Calancatal umfasst und ans Tessin angrenzt, zählt 8300 Einwohner, aber 1500 registrierte Firmen. Das Phänomen ist nicht ganz neu, hat aber in jüngster Zeit eine neue Brisanz erreicht. FDP-Grossrat Hans Peter Wellig hat in einer im Juni 2017 eingereichten Anfrage die Bezeichnung «Eldorado für Briefkastenfirmen» aufgebracht. Er zeigt sich besorgt. Diese Unternehmungen stellten keinen Beitrag für die regionale Wirtschaft dar, sondern eine ­Belastung. Statt erwünschter Steuereinnahmen fielen häufig Kosten durch Betreibungs- und Konkursverfahren an.

Das italienischen Fernsehen berichtete über Boom

In Sorge ist auch Nicoletta Noi-Togni, die Gemeindepräsidentin von San Vittore und Grossrätin im Bündner Parlament. Sie hatte 2003 in einer Anfrage an die Kantonsregierung eine schärfere Aufsicht über die Finanzgesellschaften gefordert, war aber abgeblitzt. Sie wirft dem Kanton eine allzu lasche Politik vor. Ihre Furcht erscheint berechtigt. Nachdem das italienischsprachige Fernsehen RSI im Oktober in der Sendung «Falò» eine Reportage über die Zustände im Bezirk brachte, zog das italienische Staatsfernsehen RAI nach. Es wurde insinuiert, dass auch Personen, die allenfalls mit der italienischen Mafia in Kontakt stehen, sich problemlos im Bezirk Moesa niederlassen können.

Die These, dass sich «Tarnfirmen» aus Italien aus nicht immer noblen Gründen eine Adresse im beschaulichen Misox besorgen, vertritt auch Fausto Cattaneo. Der frühere Tessiner Polizeikommissar und Undercover-Drogenagent hat ein 100 Seiten starkes Dossier erarbeitet. Vor kurzem stellte er einen Teil der Recherchen im Rahmen eines öffentlichen Informationsabends in Roveredo vor. Bei diesem Anlass wurde auch die Petition «Moesano pulito» (Sauberes Moesa) lanciert. Angesichts der alarmierenden Nachrichten über mafiöse ­Infiltrationen wird gefordert, dass die kantonalen Behörden, aber auch die Strafermittler Untersuchungen einleiten. Sicher ist, dass die Zahl der Briefkastenfirmen im Bezirk Moesa seit drei Jahren stark zugenommen hat. Auffällig ist dabei, dass genau vor drei Jahren der Nachbarkanton Tessin die Schraube durch eine Verschärfung des Treuhand­gesetzes angezogen und die Kontrollen intensiviert hat. Zudem war damals die Pflicht zur Vor­lage eines Strafregisterauszugs für Antragsteller von Niederlassungs- und Grenzgängerbewilligungen eingeführt worden.

«Offshore-Zone der Schweiz»

Knapp 300 Unternehmen haben seit 2014 ihren Firmensitz vom Tessin ins Misox gezügelt. Der Leiter der Abteilung für Wirtschaftskriminalität der Tessiner Kantonspolizei, Fabio Tasso, spricht vom Bezirk Moesa «als einer der Offshore-Zonen der Schweiz».

Lange machte Chur gute Miene zum bösen Spiel. Doch nun will man die Flut der Briefkastenfirmen nicht länger ignorieren. Der Kanton habe seine Kontrollen verschärft, versicherte Volkswirtschaftsdirektor Jon Domenic Parolini kürzlich. Bei 160 Unternehmen bestünden Zweifel, ob überhaupt eine Betriebsstätte vorhanden sei. Der Bündner ­Justizdirektor Christian Rathgeb hat sich inzwischen mit seinem Tessiner Amtskollegen Norman Gobbi getroffen, um die Zügelproblematik zu erörtern.

Gerhard Lob, Roveredo

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