Florida hält den Atem an

Renzo Ruf, Washington
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Hurrikan Irma Bahia Honda Key ist ein lieblicher Flecken Erde: Zwischen dem Golf von Mexiko und dem Atlantischen Ozean gelegen, findet sich auf der kleinen, flachen Insel ganz im Süden der USA einer der wenigen Sandstrände auf den Florida Keys; Touristen von nah und fern machen auf dem Weg nach Key West im Bahia Honda State Park Halt, um sich die Füsse zu vertreten.

Der Bahia Honda State Park ist aber auch ein Mahnmal für die Zerstörungskraft der Natur. Bis zum heutigen Tag sind hier die mächtigen Überreste einer Eisenbahnbrücke zu sehen, auf der einst Züge zwischen Miami und Key West verkehrten. Die Brücke, 1,5 Kilometer lang und aus massivem Stahl konstruiert, hielt auch dem «Labor Day Hurricane» stand, der im September 1935 über die Keys fegte und für mehr als 400 Todesopfer verantwortlich war – weil die Eisenbahnlinie (Overseas Railroad) aber durch den Jahrhundertsturm fast vollständig zerstört wurde, verzichtete Bahnbesitzer Henry Flagler in der Folge auf einen Wiederaufbau.

Entvölkerte Inselkette

Bereits werden auf den Florida Keys Vergleiche zwischen dem «Labor Day Hurricane» und «Irma» gezogen. Auch deshalb hat sich die langgezogene Inselkette, in der gegen 79000 Menschen ihren festen Wohnsitz haben, in den vergangenen Tagen entvölkert. Selbst in Key West sollen sich die meisten Einheimischen aus dem Staub gemacht haben, wie Stadtpräsident Craig Cates am Donnerstag berichtete. In der Vergangenheit habe es immer wieder Unentwegte gegeben, die sich Evakuierungsbefehlen widersetzt hätten, sagte er. «Irma» aber, wohl auch dank den dramatischen Fernsehbildern aus der Karibik, wo der Hurrikan für Tod und Verwüstung gesorgt hat, habe auch diesen störrischen Gestalten Eindruck gemacht. Die Strassen in Key West waren deshalb gestern, gut 24 Stunden vor dem Eintreffen «Irmas», weitgehend leergefegt.

Das ist gut so, denn «Irma» könnte – Betonung auf könnte – heute am späten Abend irgendwo zwischen Key West und Key Largo den Bundesstaat Florida erreichen. Gemäss dem Nationalen Hurrikan-Zentrum NHC wird der Hurrikan mit Sturmwinden von bis zu 250 Kilometern pro Stunde über die Spitze der Halbinsel ziehen und Kurs auf Orlando (Florida), Atlanta (Georgia) und Nashville (Tennessee) nehmen. Erstens sind diese Prognosen aber nicht exakt; und zweitens wird der Sturm die gesamte Landmasse des Staates Florida überdecken und damit auch in Städten, die nicht direkt durch den Hurrikan erfasst werden, für katastrophale Verhältnisse sorgen. In den grossen Bevölkerungszentren Miami, Fort Lauderdale und West Palm Beach war die Rede von Sturmfluten in der Höhe von mehreren Metern, die küstennahe Stadtteile überfluten könnten. Zudem prognostizieren die Meteorologen sintflutartige Niederschläge. Die Behörden der Verwaltungsbezirke Miami-Dade, Broward County und Palm Beach County riefen deshalb auch gestern die Bevölkerung dazu auf, die Quartiere entlang des Atlantiks schleunigst zu evakuieren. Am Samstag werde es zu spät sein, sich aus dem Staub zu machen, sagte der republikanische Gouverneur Rick Scott, der seit Tagen den obersten Katastrophenschützer gibt. «Die Zeit läuft uns davon.» Einen solchen Sturm habe Florida noch nie gesehen, sagte Scott.

Derweil versichern lokale, regionale und nationale Ordnungshüter und Katastrophenschützer, dass sie auf «Irma» vorbereitet seien – und mit Hilfe Zehntausender von Hilfskräften dafür sorgen würden, dass Florida nicht im Chaos versinken werde. Präsident Trump versprach gestern, dass die Bundesregierung den Wiederaufbau im Nachgang von Naturkatastrophen mit allen Kräften unterstützen werde. Dass es sich dabei nicht um ein leeres Versprechen handelt, bekräftigten gestern das Repräsentantenhaus. Mit 316 Ja zu 90 Nein wurde eine Vorlage verabschiedet, die auch einen Notkredit von 15,25 Milliarden Dollar für die Katastrophenschutzbehörde Fema beinhaltet. Das Geld soll vor allem den Opfern des Hurrikans Harvey an der Golfküste zukommen.

Renzo Ruf, Washington