FLUCHT: Der vermeintlich nette Vergewaltiger

Gefängniswärterin Angela Magdici ist mit dem mehrfach verurteilten Sextäter Hassan Kiko getürmt. Der Syrer kam vor sechs Jahren als Asylbewerber in die Schweiz. Gegenüber den Medien gab er den netten Mann, der sich Frieden wünscht.

Drucken
Teilen
So präsentierte sich der flüchtige Vergewaltiger Hassan Kiko 2011 in einem Beitrag der «Thurgauer Zeitung». (Bild «Thurgauer Zeitung»)

So präsentierte sich der flüchtige Vergewaltiger Hassan Kiko 2011 in einem Beitrag der «Thurgauer Zeitung». (Bild «Thurgauer Zeitung»)

Kari Kälin

Sexualstraftäter Hassan Kiko und Gefängniswärterin Angela Magdici (kleines Bild) befinden sich noch immer auf der Flucht. In der Nacht auf Dienstag befreite die gebürtige Aargauerin den Syrer aus der Zelle im Gefängnis Limmattal in Dietikon. Es gibt Hinweise, dass sich die beiden in einem BMW nach Italien abgesetzt haben.

Mitgefühl für Kurden

Derweil kommen immer mehr Details über Kikos Vorleben ans Licht. Der Mann mit durchtrainiertem Oberkörper floh 2010 aus Syrien und kam als Asylbewerber in die Schweiz, unterdessen hat er eine Aufenthaltsbewilligung. Zunächst präsentierte sich Kiko in seiner neuen Heimat von seiner mitfühlenden Seite. Er habe sich im Militär für seine systematisch gemobbten kurdischen Kameraden eingesetzt und sei dafür im Gefängnis gelandet. Deshalb sei er vor dem Assad-Regime geflohen. Einen Monat lang blieb er an der türkischen Grenze stecken, ehe er diese Barriere überwand und später die Schweiz erreichte. «Eine harte Zeit, ich hatte grosse Angst und wusste nicht, ob ich diese Tortur überlebe», sagte Kiko im August 2011 der «Thurgauer Zeitung», für die er sich unter der Überschrift «Sie hoffen auf Frieden in ihrer Heimat» zusammen mit einem Landsmann sympathisch lächelnd ablichten liess.

Der heute 27-jährige Coiffeur lebte damals in einem evangelischen Pfarrhaus in Eschlikon und befolgte als Muslim strikt die Regeln des Ramadans: nicht essen und nichts trinken zwischen Sonnenauf- und -untergang. Im Sommer gönnte er sich nicht einmal eine Abkühlung in der Badi. «Das geht nicht, da hat es zu viele leicht bekleidete Frauen. Auch auf deren Anblick sollten wir besonders im Ramadan verzichten.»

Neuen Haarschnitt versprochen

Ein Mann der Selbstbeherrschung. Könnte man meinen. Doch damit ist es nicht weit her. Ein Jahr später lockte Kiko eine damals 19-jährige Schweizerin in eine Asylunterkunft in Eschlikon. Er versprach ihr eine neue Frisur, zwang sie aber stattdessen zu Oralsex. Das Bezirksgericht Münchwilen verurteilte Kiko 2014 wegen versuchter Vergewaltigung und sexueller Nötigung zu dreieinhalb Jahren Haft. Kurz vor der Gerichtsverhandlung verging er sich an einer weiteren Frau, was ihm einen Strafbefehl wegen sexueller Nötigung durch die Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat eintrug.

Die Haft wegen des Vorfalls im Asylheim trat Kiko nicht an, er zog den Fall weiter nach Lausanne. Das Bundesgericht trat auf seine Beschwerde jedoch nicht ein, weil er den Kostenvorschuss nicht zahlte. Damit wurde das Urteil des Bezirksgerichts Münchwilen rechtskräftig – fatalerweise aber erst, nachdem Kiko im März 2015 wegen eines neuerlichen Sexualdelikts festgenommen worden war. Im letzten Frühjahr zwang er ein 15-jähriges Mädchen, das er in einer Bar in Schlieren ZH kennen gelernt hatte, auf dem Rücksitz eines Autos zu Sex. Das Bezirksgericht Dietikon brummte ihm deswegen im letzten Dezember vier Jahre Haft auf. Es handelt sich um jenes Verdikt, dessentwegen er im Gefängnis Limmattal sass. Rechtskräftig ist dieses Urteil noch nicht.

Keine Sicherheitshaft

Kiko durfte bis im letzten Frühling frei herumlaufen, weil er das Urteil des Bezirksgerichts Münchwilen in Lausanne anfocht, es also noch nicht rechtskräftig war. Gemäss der Strafprozessordnung kann man allerdings eine Person in Sicherheitshaft nehmen, wenn sie die Sicherheit anderer durch schwere Verbrechen erheblich gefährdet, «nachdem sie bereits früher gleichartige Straftaten verübt hat». Wie «Blick.ch» gestern berichtete, ordnete die zuständige Richterin in Münchwilen aber keine Sicherheitshaft an, obwohl sie über das Sexdelikt im Kanton Zürich im Bild war. Sie verteidigte sich, die Voraussetzungen für eine Sicherheitshaft seien nicht gegeben gewesen. So sei etwa der Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat noch nicht rechtskräftig gewesen, auch habe die Staatsanwaltschaft keine Sicherheitshaft angeordnet.

Stefan Haffter, Mediensprecher der Thurgauer Staatsanwaltschaft, erklärte gegenüber «Blick.ch», die Staatsanwaltschaft habe die Anklage bereits erhoben gehabt, als der Strafbefehl aus Zürich auf ihrem Pult landete. Oder anders formuliert: Die Staatsanwaltschaft konnte gar keine Sicherheitshaft mehr beantragen – und spielt den Ball der Richterin zurück. «Sobald die Anklage beim Gericht eingereicht ist, ist das Gericht dafür verantwortlich, die Sicherheitshaft anzuordnen», so Haffter weiter.

Auf dem Weg nach Syrien?

Und die Gefängniswärterin? Die passionierte Boxerin trennte sich vor drei Monaten von ihrem Mann, wie dieser gegenüber dem TV-Sender Tele M1 sagte. Sie habe sich in letzter Zeit sehr verändert und habe begonnen, den Koran zu lesen. Er kann sich vorstellen, dass das Paar unterwegs nach Syrien sei.

Die Polizei fahndet nach Angela Magdici und  Hassan Kiko. (Bild: Kapo Zürich)

Die Polizei fahndet nach Angela Magdici und Hassan Kiko. (Bild: Kapo Zürich)