FLÜCHTLINGE: Motiviert, aber meist schlecht gebildet

Kurzfristig verursachen Asylsuchende der Schweiz vor allem Kosten, mittelfristig können sie aber einen wirtschaftlichen Nutzen bringen. Ein Problem ist dabei, dass ihre Qualifikationen meist gering sind.

Lukas Leuzinger
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Asylbewerber aus Eritrea, die in Lumino TI untergebracht sind, werden im Strassenunterhalt beschäftigt. (Bild: Keystone/Gabriele Putzu)

Asylbewerber aus Eritrea, die in Lumino TI untergebracht sind, werden im Strassenunterhalt beschäftigt. (Bild: Keystone/Gabriele Putzu)

Lukas Leuzinger

Die Flüchtlinge, die auf der Suche nach einem besseren Leben zu Tausenden nach Europa kommen, werden in den Zielländern primär als Belastung wahrgenommen. Politiker sprechen davon, die «Lasten» gerecht zu verteilen, oder fragen sich besorgt, ob diese für ihr Land tragbar seien.

Tatsächlich sind die finanziellen Kosten, welche die Migranten verursachen, beachtlich. Das Budget des Staatssekretariat für Migration (SEM), das auf Bundesebene für das Asylwesen zuständig ist, beträgt im laufenden Jahr rund 1,3 Milliarden Franken. Die Ausgaben der Kantone sind darin nicht enthalten. Für einen Flüchtling, der in einem Asylzentrum wohnt, zahlt das SEM den Kantonen eine Pauschale von knapp 1500 Franken pro Monat.

Über 80 Prozent mit Sozialhilfe

Die Mehrheit der Asylsuchenden ist von der Sozialhilfe abhängig. 2014 betrug der Anteil 88 Prozent. Ein Grund für die hohe Sozialhilfequote ist, dass Asylsuchende bis sechs Monate nach Einreichung ihres Gesuchs nicht arbeiten dürfen. Allerdings ist der Wert bei jenen, die bleiben dürfen, nicht viel tiefer: Die Sozialhilfequote unter anerkannten Flüchtlingen und vorläufig Aufgenommenen (bis 5 beziehungsweise 7 Jahre Aufenthalt in der Schweiz) lag im Jahr 2013 bei 82 Prozent.

Zumindest kurzfristig verursachen die Flüchtlinge der Schweiz also erhebliche Kosten. Doch bringen sie mittelfristig auch wirtschaftliche Vorteile? Diesen Schluss legen Studien aus den USA und anderen Ländern nahe. So fand die amerikanische Professorin Kalena Cortes in einer Untersuchung heraus, dass Flüchtlinge, die in den 1970er-Jahren in die USA kamen (vor allem aus Vietnam, aber auch aus der Sowjetunion, aus Laos und Haiti), zu Beginn zwar wenig verdienten. In der Folge stiegen ihre Löhne aber stark an und lagen nach zehn Jahren höher als jene von anderen Immigranten.

Positive Bilanz

George Sheldon ist Professor für Arbeitsmarktökonomie an der Universität Basel und hat sich in seiner Forschung intensiv mit den wirtschaftlichen Auswirkungen von Immigration beschäftigt. Er differenziert: Wie gut sich ein Einwanderer in den Arbeitsmarkt integriert und welches wirtschaftliche Potenzial er für das Gastland besitzt, hänge von verschiedenen Faktoren ab. Sheldon und seine Mitarbeiter haben auf der Grundlage von offiziellen Statistiken die Fiskalbilanz von ausländischen Haushalten in der Schweiz berechnet. Die Fiskalbilanz berechnet sich daraus, wie viel Geld jemand dem Staat in Form von Steuern, Abgaben und Gebühren abliefert und wie viel Geld sie in Form von Transferzahlungen erhält. Trägt ein Haushalt mehr zum Staatshaushalt und zu den Sozialwerken bei, als er Leistungen daraus bezieht, ist die Bilanz positiv, andernfalls negativ.

Insgesamt war die Fiskalbilanz der von 2003 bis 2009 in der Schweiz wohnhaften Ausländer knapp positiv. Nach Herkunftsländern aufgeschlüsselt, fanden die Forscher allerdings deutliche Unterschiede. Haushalte von Einwanderern aus West- und Nordeuropa lieferten unter dem Strich schätzungsweise 1135 Franken pro Monat an die Gesellschaft ab (siehe Grafik). Demgegenüber bezogen Immigranten aus den südlichen EU-Ländern etwas mehr Leistungen, als sie einzahlten. Deutlich negativ war die Fiskalbilanz bei Einwanderern aus anderen europäischen Ländern (hauptsächlich Osteuropa), während sie bei Immigranten von ausserhalb Europa positiv war.

Bildungsstand ist entscheidend

Die Unterschiede erklären sich laut Sheldon vor allem durch den Bildungsstand und die Art der Immigration. Während unter den Einwanderern aus West- und Nordeuropa sowie von ausserhalb Europa mehr als die Hälfte einen höheren Bildungsabschluss haben, sind es bei den Süd- und Osteuropäern nur etwa 30 Prozent. «Die Schweiz holt ihre hoch qualifizierten Einwanderer in erster Linie aus Nordeuropa, Asien und Nordamerika», erklärt Sheldon. Aus Südeuropa kamen in der Vergangenheit hingegen viele gering qualifizierte Arbeitskräfte, aus Osteuropa daneben auch viele Kriegsflüchtlinge, die infolge des Zusammenbruchs des ehemaligen Jugoslawiens in die Schweiz kamen.

Betrachtet man lediglich die Ausländer, die im Zeitraum 2003 bis 2009 einwanderten, liegt die Fiskalbilanz bei allen Herkunftsgruppen höher, weil diese Einwanderer im Schnitt jünger sind (und somit insbesondere weniger AHV beziehen) und zudem besser ausgebildet sind. Allerdings wird bei diesem Standbild ausgeblendet, dass die Einwanderer ebenfalls älter werden, wodurch sich ihre Fiskalbilanz tendenziell verschlechtert.

Fehlende Daten

Bei der Frage nach dem wirtschaftlichen Potenzial der Migranten, die derzeit nach Europa kommen, gibt es ein Problem: Es ist nicht bekannt, welchen Bildungsstand sie haben. Sheldon geht davon aus, dass sie am ehesten mit den Einwanderern aus Südosteuropa zu vergleichen sind, bei denen es sich vielfach ebenfalls um (Kriegs-)Flüchtlinge handelt. «Der grösste Teil der Migration in die Schweiz ist nachfragegesteuert», sagt Sheldon. Es handelt sich um Arbeitskräfte, die von Unternehmen geholt wurden. Diese sind typischerweise hoch qualifiziert und leisten einen stark positiven Beitrag für die Wirtschaft. Solches könne von Flüchtlingen in der Regel nicht gesagt werden. «Sie kommen nicht, weil ihre Qualifikationen gefragt wären, sondern um der schlimmen Situation in ihrem Heimatland zu entfliehen.»

Fleissige Unternehmensgründer

Was aber, wenn Migranten ihren Lebensunterhalt nicht als Angestellte eines Unternehmens verdienen, sondern sich selbstständig machen? Untersuchungen aus den USA weisen darauf hin, dass Flüchtlinge häufiger Unternehmen gründen als andere Einwanderer. In der Schweiz gibt es dazu keine Zahlen. Bekannt ist lediglich, dass Ausländer insgesamt wesentlich häufiger Firmen gründen als Schweizer: Laut einer Studie der Wirtschaftsinformationsfirma Bis­node D&B erfolgen ein Drittel aller Unternehmensgründungen durch Ausländer.

George Sheldon kann sich gut vorstellen, dass Flüchtlinge, die den gefährlichen Weg nach Europa auf sich genommen haben, risikofreudiger und motivierter sind als andere Bevölkerungsgruppen und deshalb häufiger Firmen gründen. Er bezweifelt aber, dass das ausreicht, um den Mangel an Qualifikationen zu kompensieren. «Auch die motiviertesten Leute können wenig bewirken, wenn ihnen die nötige Ausbildung fehlt.»

Auffangnetz hat seinen Preis

Sheldon weist zudem auf die Unterschiede zwischen den USA und Europa hin. Dass amerikanische Studien einen positiven Beitrag von Flüchtlingen zur Wirtschaft feststellten, könnte damit zu tun haben, dass es in den USA kaum ein soziales Sicherheitsnetz gibt. Demgegenüber haben die europäischen Länder einen stark ausgebauten Sozialstaat. Dadurch kann den Flüchtlingen eine relativ gute Grund­versorgung gewährt werden.

Letztlich seien die wirtschaftlichen Auswirkungen der gegenwärtigen Zuwanderung schwierig abzuschätzen, sagt Sheldon, weil man nie genau modellieren könne, welche Leute einwanderten. Er geht aber davon aus, dass die Flüchtlinge eher schlechter ausgebildet sind als der Durchschnitt der in der Schweiz lebenden Arbeitskräfte. Zusammen mit den mangelnden Sprachkenntnissen sind das keine guten Voraussetzungen, um schnell wirtschaftlich Fuss zu fassen, zumal die Nachfrage nach gering qualifizierten Arbeitnehmern in Ländern wie der Schweiz tendenziell zurückgeht. «Umso wichtiger ist es, dass der Bildungsstand dieser Leute möglichst schnell verbessert wird.» Bildung könnte daher die beste Investition sein, welche die Schweiz bei den Flüchtlingen tätigen kann.

Flüchtlingsprognose nach oben korrigiert

Die Schweizer Migrationsbehörden korrigieren ihre Prognose für die Zahl der Asylgesuche in diesem Jahr nach oben. Es dürften rund 30 000 Anträge eintreffen. Mario Gattiker, Chef des Staatssekretariats für Migration, informierte vergangene Woche Parlamentarier darüber, wie die «Sonntagszeitung» berichtete. Bisher lag die Prognose bei 29 000. Europaweit dürften 1,1 Millionen Anträge eingehen.

Hauptthema im Wahlkampf

Das Thema Migration hat auch den Wahlkampf in den Medien seit Anfang Jahr dominiert. Das geht aus dem «Reputationsmonitor Politik» des Forschungsinstituts Öffentlichkeit und Gesellschaft der Universität Zürich hervor, wie die «Schweiz am Sonntag» meldete. 18 Prozent der Berichterstattung drehten sich darum, 60 Prozent der Medienresonanz bezog sich dabei auf die SVP. Auf dem zweiten Platz folgte die Sozialpolitik (16,6 Prozent), mit der sich die SP profiliert. (sda)

Bild: Quelle Uni Basel / Grafik Neuie LZ

Bild: Quelle Uni Basel / Grafik Neuie LZ