FLUGVERKEHR: Der leise Angriff auf die Intimsphäre

Das Geschäft mit Minidrohnen für den Hausgebrauch boomt. Obwohl es für die Fluggeräte keine Bewilligung braucht, sind sie nicht unproblematisch.

Léa Wertheimer
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So sieht man die Welt aus der Sicht der Minidrohnen. Im Bild: das Oldtimer-Treffen in Sarnen im Mai 2013. (Bild: Uwe Siedentopf/www.luftbild-drohne.ch)

So sieht man die Welt aus der Sicht der Minidrohnen. Im Bild: das Oldtimer-Treffen in Sarnen im Mai 2013. (Bild: Uwe Siedentopf/www.luftbild-drohne.ch)

Sie sehen aus wie Insekten, sind mit mehreren Rotoren bestückt und haben mächtig Aufwind: Kleine Drohnen sind mittlerweile für jedermann erschwinglich. Doch der regelrechte Boom, den die Verkäufer feststellen, birgt zweierlei Probleme: Zum einen fliegen die Geräte teilweise im gleichen Luftraum wie Helikopter oder Gleitschirme – es besteht akute Kollisionsgefahr. Zum anderen ist die Versuchung gross, mit der Drohne über Nachbars Garten zu fliegen. Die Geräte sind häufig mit Kameras bestückt, warum also nicht flugs einen Blick auf den Balkon oder durchs Fenster werfen? Der oberste Schweizer Datenschützer Hanspeter Thür hebt mahnend den Finger und ortet im neuen Hobby vieler Schweizer eine Bedrohung für die Privatsphäre. «Diese Art von Überwachung wird in den nächsten Jahren zunehmen», sagt er im Interview mit «20 Minu­ten». Auch Paparazzi profitieren vom raschen Fortschritt dieser Technologie.

Bewilligung oder Lizenz einführen

Dem Datenschützer bereitet Sorge, dass es für die Fluggeräte keine Bewilligung braucht. Tatsächlich ist der Betrieb der Drohnen in der Verordnung über Luftfahrzeuge besonderer Kategorien reglementiert. Für Modelle bis zu 30 Kilogramm ist darin keine Bewilligung vorgesehen. Thür will das nun ändern. Dabei erhält er Schützenhilfe von einem Profi.

Uwe Siedentopf hat sich auf Luftaufnahmen mit Hilfe von Drohnen spezialisiert und betreibt im obwaldnerischen Wilen eine Firma, von welcher er mittlerweile gut leben kann. «Meine Kunden sind nur selten Private, die ihr Haus von oben sehen möchten», sagt er. Die meisten seien Immobilienhändler und Architekten, welche die Fotos brauchen, um ein Gebäude zum Verkauf zu präsentieren. Bei seinen Aufträgen muss er die gleichen Richtlinien einhalten wie ein Fotograf, der auf festem Untergrund steht: «Jede Person hat das Recht am eigenen Bild», erklärt Siedentopf. Das heisst, er darf niemanden abbilden ohne dessen Einverständnis. «Wenn ich ein Haus aufnehme, das mitten in einer Wohnsiedlung steht, informiere ich die Nachbarn vorab oder frage um Erlaubnis, wenn ich ihr Grundstück queren muss», sagt Siedentopf. Die Leute würden oft sehr sensibel reagieren, zu Recht, findet der Drohnenfotograf. «Es ist aber so, dass viele Amateure, die sich Drohnen kaufen, die Gesetze nicht kennen.» Dadurch werde die Intimsphäre vielfach wohl aus Unkenntnis verletzt. Das sei ein echtes Problem – und lege auch den Profis Steine in den Weg. «Ich würde es deshalb begrüssen, wenn wir, die diese Geräte kommerziell fliegen, eine Lizenz haben müssten», fordert er – auch wenn sie 3000 Franken kostet. «Das würde uns klar von den Hobbypiloten trennen und absichern.» Wer ohne seine Einwilligung beim Sonnenbaden von einer Minidrohne fotografiert wurde, hat es schwer, rechtlich gegen den Missbrauch vorzugehen. Da niemand eine Bewilligung braucht, ist folglich auch kein Register vorhanden, was die Suche nach dem Besitzer einer Drohne schier unmöglich macht. Ausserdem sind die Maschinen oft sehr leise. Das bedeutet, dass betroffene Personen meist gar nicht merken, dass sie gefilmt oder fotografiert werden. Um Irritationen zu vermeiden, hat Uwe Siedentopf sein Auto auffällig mit seinem Firmenlogo tapeziert.

Kollisionsgefahr bei Flugplätzen

Doch nicht nur Datenschützer kritisieren das zunehmende Drohnengeschwader am Schweizer Himmel. Auch Piloten warnen vor möglichen Kollisionen. Beim Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) aber beschwichtigt man. «Die Drohnen stellen keine grössere Sicherheitsbedrohung für die Luftfahrt dar als herkömmliche Modellflugzeuge», sagt Urs Holderegger, Kommunikationschef des Bazl. «Bislang haben wir aus der bemannten Luftfahrt auch noch keine konkreten Hinweise oder Meldungen auf eine gefährliche Annäherung zwischen einer Drohne und einem bemannten Luftfahrzeug erhalten.» Drohnen dürfen, ganz so wie Modellflugzeuge auch, nur ausserhalb eines Um­kreises von mindestens 5 Kilometern um Flugplätze fliegen. Das weiss auch Uwe Siedentopf. Seine Aufträge führen ihn regelmässig in die Nähe des Militärflugplatzes in Alpnach. «Dort gelten für mich die gleichen Regeln, wie wenn ich ein Sportflugzeug wäre», erklärt er. Das heisst, dass er sich beim Kontrollturm melden muss, bevor er ins Gebiet des Flugplatzes einfliegen will. «Ich darf erst fliegen, wenn sie es mir erlauben.» Siedentopf hat dies auch schon bei stark frequentierten Flughäfen wie Zürich und Basel praktiziert. «Es ist wichtig, dass man sich des Risikos bewusst ist», warnt er. Gerade in Alpnach fliege er im Bereich, wo sich auch die Militärhelikopter bewegen.

Politik will abklären

Auch Politiker sind auf die Probleme aufmerksam geworden. So etwa Kurt Fluri, FDP-Nationalrat aus Solothurn: «An der nächsten Sitzung der Verkehrskommission des Nationalrats im August soll das Thema der zivilen Drohnen auf den Tisch kommen», kündigt er an. Es gelte abzuklären, ob in diesem Bereich Handlungsbedarf bestehe, ob man unter Umständen das Gesetz anpassen muss und wer für diese Flugobjekte zuständig ist.