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FRAUEN: Kathrin Bertschy: «Wir haben nichts zu feiern»

Die Schweiz stehe punkto Gleichstellung nicht gut da, sagt Kathrin Bertschy, Co-Präsidentin des Frauendachverbands Alliance F und GLP-Nationalrätin. Der Staat müsse eingreifen, um Chancengleichheit herzustellen, fordert sie.
Maja Briner, Fabian Fellmann
Kathrin Bertschy spricht während einer Debatte im Nationalrat. (Bild: Peter Klaunzer/Keystone (Bern, 5. Dezember 2017))

Kathrin Bertschy spricht während einer Debatte im Nationalrat. (Bild: Peter Klaunzer/Keystone (Bern, 5. Dezember 2017))

Interview: Maja Briner, Fabian Fellmann

Kathrin Bertschy, heute ist der Internationale Tag der Frau. Ist das für Sie ein Grund zum Feiern?

Nein, gerade nach der Lohngleichheits-Debatte von letzter Woche nicht. Die Schweiz steht in der Gleichstellung nicht gut da. Wir haben nichts zu feiern. Es fühlt sich für mich eher an, als würden wir den Tag des Patriarchats begehen.

Die Schweiz hat bei der Gleich­berechtigung doch viel erreicht.

Ja, es hat sich einiges getan. Trotzdem gibt es immer noch Gesetze, die das Ziel der Gleichstellung zwischen Frauen und Männern behindern. Es löst Frust aus, wenn aktiv Regelungen bekämpft werden, welche Gleichstellung ermöglichen würden; wenn sich die Kultur nicht ändert, weil Gesetze Anreiz geben, sich im traditionellen Rollenbild zu verhalten.

Judith Stamm, eine Vorkämpferin des Gleichstellungsgesetzes, sagte jüngst, die heutige Generation sei etwas ungeduldig. Die Entwicklung brauche einfach Zeit.

Ich finde es schön, wenn man sich so stark für ein Anliegen eingesetzt hat und sich später aus der Politik zurückziehen kann und sieht, dass man etwas erreicht hat. Aber ich habe eine andere Perspektive. Im aktuellen Tempo würde es bis zur Gleichstellung noch 81 Jahre dauern. Geduld scheint mir darum nicht angebracht. Das bringt uns als Gesellschaft nicht weiter.

Aber die Entwicklung beschleunigt sich.

Die Sensibilisierung in der Gesellschaft ist viel grösser als auch schon. Ich denke, das wurde auch ausgelöst durch einen US-Präsidenten, der Frauenrechte verniedlicht. Geschäftsleitungen bestehen jedoch immer noch zu 94 Prozent aus Männern. Ich mache mir grosse Sorgen, dass wir zwar eine positive Debatte führen, es aber in unseren Gremien – in Unternehmen wie in der Politik – sogar Rückschritte geben wird.

Warum soll der Staat eingreifen?

Der Staat ist verantwortlich dafür, die Verfassung umzusetzen. Er muss Chancengleichheit herstellen. Gesetze und Gesellschaft beeinflussen sich gegen­seitig: Man kann Gesetze verändern, dann kommt der Wandel in der Gesellschaft. Oder man kann auf den Wandel warten. Bei der Gleichstellung darf die Politik aber nicht warten, sie hat einen Verfassungsauftrag.

Bei der Lohngleichheit gilt es aber zu warten: Der Ständerat will nochmals verschiedene Massnahmen prüfen.

Der Entscheid ist unverständlich: Schon beim Berufseinstieg verdienen Frauen 7 bis 8 Prozent weniger als Männer – trotz gleicher Ausbildung, im selben Beruf. Es gibt kaum Firmen, die Frauen bewusst weniger Lohn zahlen. Es sind unbewusst verzerrte Wahrnehmungen, die dazu führen. Die Hälfte der Unternehmen, die eine Lohnanalyse machen, haben überrascht unerklärbare Lohnunterschiede gefunden und anschliessend ihre Löhne angepasst. Gleichstellung wäre auch im Interesse der Firmen. Gemischte Teams erzielen bessere Resultate.

Warum bewegt sich dann nicht mehr?

Gemäss OECD würde das Bruttoinlandprodukt bis zu 3 Prozent wachsen, wenn mehr Frauen berufstätig wären. Dazu bräuchte es unter anderem zahlbare ­Tagesstrukturen. Ein zweites Hindernis ist die Besteuerung: Für Verheiratete lohnt es sich oft nicht, dass beide ar­beiten. 11 Prozent der Frauen sagen, sie möchten mehr arbeiten. Darüber geht man einfach hinweg. Wenn 11 Prozent der Männer betroffen wären, würde man von einer Volkskrankheit sprechen.

Wie wütend sind die Frauen wegen des Entscheids des Ständerats zur Lohngleichheit?

Wir haben bei Alliance F viele Zuschriften erhalten. Viele können nicht nachvollziehen, dass man so lange über etwas debattieren kann. Sie finden es beschämend, hinterwäldlerisch – und feig. Sie hatten Geduld. Jetzt ist diese zu Ende.

80 Prozent der Frauen nehmen bei der Heirat den Namen des Mannes an. Warum wählen viele Frauen selbst ein traditionelles Rollenbild?

Bei solchen Prozessen braucht es Geduld. Nur weil sich gewisse Frauen – und Männer – in traditionellem Muster verhalten, heisst das nicht, dass wir zum Beispiel beim Thema Elternurlaub oder bei den Tagesstrukturen keinen Anpassungsbedarf haben. Aber ich habe gemerkt, dass die Gleichstellung in der Schweiz gerne tabuisiert wird.

Inwiefern?

Massnahmen zur Gleichstellung werden abgestempelt als Frauenanliegen, die zwar gut wären, aber nichts kosten ­dürfen. Für Olympia, das Militär oder die Landwirtschaft hingegen stehen Mil­liarden zur Verfügung. Vaterschaftsurlaub, Individualbesteuerung, Tagesstrukturen: Das sind Themen, die in der Politik nicht ernst genommen werden, dabei wäre sie nicht nur für die Gesellschaft, sondern auch für die Volkswirtschaft von grosser Wichtigkeit

Aber die Individualbesteuerung wird seit Jahren seriös diskutiert.

Und doch nicht eingeführt! Es gibt immer wieder Berichte und es wird immer wieder argumentiert, warum die Individualbesteuerung zwar gut wäre, man wagt es aber trotzdem nicht. Dabei könnten so 50 000 Vollzeitstellen besetzt werden, weil insbesondere mehr Frauen arbeiten würden. Heute setzt man sämtliche Anreize so, dass sie mit den Kindern zu Hause bleiben. 50 Prozent der Paare trennen sich aber – und dann sollen die Frauen plötzlich arbeiten gehen.

Und die Männer müssen zahlen.

Es ist ja auch nicht im Sinne der Männer, dass sie bei einer Trennung die Frauen finanzieren müssen. Sie müssen darauf hinwirken, dass Frauen erwerbstätig sein können. Dazu müssen die Männer zu Hause Verantwortung übernehmen. Das würden ja viele gerne, aber dafür müssen sie ganz aktiv gegen Anreize ankämpfen. Sie müssen sagen: Obwohl kein Vaterschaftsurlaub vorgesehen ist, mache ich einen – und setze mich beim Arbeitgeber damit durch. Obwohl es sich kurzfristig nicht lohnt, dass wir beide arbeiten, ­machen wir es trotzdem.

Machen Sie traditionelle Rollen­muster im Freundeskreis wütend?

Ich erlebe häufig, dass Freunde ein egalitäres Modell wählen wollten und dann doch ins traditionelle reinrasseln. Das kann man ihnen nicht verübeln, weil wir ihnen als Gesellschaft und Gesetzgeber genau die Anreize setzen, sich so zu verhalten. Das will ich aufbrechen.

Nächstes Jahr sind Wahlen. Wird der Frauenanteil steigen?

Wir haben 85 Prozent Männer im Ständerat, und dieser Anteil könnte sich noch erhöhen. Das ist einfach nicht mehr repräsentativ für unsere Gesellschaft. Das wäre aber nötig, um demokratisch legitimierte Entscheide zu fällen.

Aber die Gremien sind demokratisch gewählt.

Natürlich. Aber man lässt die Frauen mit konstantem Rückstand antreten. In fast allen Parteien, ausser bei SP und Grünen, sind Frauen in der Minderheit. Logisch, fällt das Ergebnis dann so aus, wie es ist. Es ist aber nicht repräsentativ. Wenn sich so ein grosser Teil der Bevölkerung mit den Entscheidungen und den behandelten Themen nicht mehr identifizieren kann, dann haben wir ein Demokratiedefizit.

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