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FREIZEIT: Bund will Sportmuffel-Trend stoppen

Rund ein Fünftel der Jugendlichen treibt gar keinen Sport. Vor allem Migrantinnen aus Süd- und Südosteuropa bewegen sich wenig. Jetzt soll Gegensteuer gegeben werden.
Kari Kälin
Die Zahl der Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die sich nie sportlich betätigen, ist gestiegen. Im Bild: 80-m-Rennen der Damen am Schweizerischen Schulsporttag 2014 in Sarnen. (Bild: Keystone/Urs Flüeler)

Die Zahl der Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die sich nie sportlich betätigen, ist gestiegen. Im Bild: 80-m-Rennen der Damen am Schweizerischen Schulsporttag 2014 in Sarnen. (Bild: Keystone/Urs Flüeler)

Sie lieben Fussball, fahren gerne Ski, schwimmen, turnen, tanzen, setzen sich aufs Velo, joggen und – ja, sie wandern sogar. Die Teenager in der Schweiz sind sportbegeistert. Zu diesem Fazit kommen Sportsoziologe Markus Lamprecht und seine Mitautoren, die im Auftrag des Bundesamtes für Sport (Baspo) das Bewegungsverhalten der 10- bis 19-jährigen Kinder und Jugendlichen in der Schweiz für das Jahr 2014 analysiert haben. Dafür haben sie mehr als 3000 Teenager zu ihrem Sportverhalten ausserhalb des Turnunterrichts befragt.

Weniger Intensivsportler

Also alles bestens? In den Augen des Baspo nicht ganz. Zum einen sank gegenüber 2008 der Anteil der Intensivsportler (mehr als 10 Stunden pro Woche). Umgekehrt gibt es immer mehr Bewegungsmuffel. Trieben 2008 bei den 10- bis 14-Jährigen noch 12 Prozent gar keinen Sport, so stieg dieser Anteil bis 2014 auf 14 Prozent. Bei den 15- bis 19-Jährigen kamen letztes Jahr 20 Prozent gar nie wegen sportlicher Aktivitäten ins Schwitzen – 3 Prozent mehr als noch 2008. Die Gründe für diese Entwicklung sind vielfältig. Notendruck, allgemeiner Freizeitstress oder Computerspiele rauben den Jugendlichen Zeit. «Häufig heisst es aber auch ‹Rasen betreten verboten›, und auf der Strasse kann man auch nicht mehr gleich unbeschwert Velo oder Rollbrett fahren wie früher», sagt Baspo-Direktor Matthias Remund. Der Trend zu immer mehr unsportlichen Jugendlichen stimmt ihn nachdenklich. «Wir müssen versuchen, ihn zu stoppen», sagt er.

Sorgen bereiten Remund insbesondere die Mädchen, die aus Süd- und Südosteuropa stammen. Sie betreiben eindeutig weniger Sport als ihre Alterskolleginnen ohne Migrationshintergrund. Laut der Baspo-Studie verbinden die jungen Frauen aus Süd- und Südosteuropa Sport praktisch nie mit Entspannung. Im Vergleich zu den sportlich aktiven, aber auch inaktiven jungen Schweizerinnen assoziieren sie sportliche Aktivitäten viel seltener mit positiven Werten wie Freude und Spass, Kameradschaft oder Naturerlebnis. Dafür bringen sie Sport häufiger mit Verletzungen in Verbindung. Als Hauptgrund für die Bewegungsarmut nennen sie Zeitmangel (60 Prozent), häufig werden auch fehlende Lust (26 Prozent) oder andere Interessen (11 Prozent) ins Feld geführt.

Schulsport als Schlüssel

Wie will das Baspo Gegensteuer geben? Im Rahmen eines neuen Konzepts zur Förderung des Breitensports, welches das Baspo derzeit erarbeitet, will Remund eine Fachstelle schaffen, die sich unter anderem Gedanken zur Förderung der jungen Migrantinnen machen soll.

Grosse Hoffnung setzt Matthias Remund auf den freiwilligen Schulsport. Diese Angebote stellen Turnlehrer oder Leiter aus Vereinen zur Verfügung, zum Beispiel über den Mittag oder nach dem Unterricht.

Mehr als 55 Prozent der befragten 10- bis 14-jährigen Kinder berichten, dass es an ihrer Schule ein entsprechendes Angebot gibt.

Sportbild bleibt positiv

Das Interessante: Es existieren praktisch keine Nationalitätenunterschiede. Kinder mit ausländischen Wurzeln nehmen diese Angebote sogar etwas häufiger wahr als Schweizer Teenager. Und auch die Mädchen mit Migrations­hintergrund beteiligen sich rege am freiwilligen Schulsport. Dieser spricht vermehrt auch sonst unsportliche Jugendliche an, die in keinem Verein mittun. Und genau darin liegt für Remund der Schlüssel, um auch Migrantinnen nachhaltig Freude an Bewegung zu vermitteln. «Wir müssen den freiwilligen Schulsport fördern, weil wir dort etwas bewirken können», sagt Remund. Übrigens: Hopfen und Malz ist bei den Jugendlichen Sportmuffeln mitnichten verloren. Die meisten haben ein positives Sportbild und würden gerne mehr tun.

Die Freude wird vererbt

Freude am Sport ist für Remund umso wichtiger, als die Begeisterung quasi vererbt wird. Machen Eltern in einem Verein mit, sind fast immer auch die Kinder sportlich.

Eine wichtige Rolle spielt auch das soziale Milieu. Je mehr Einkommen die Eltern haben und je besser sie ausgebildet sind, desto bewegungsfreudiger sind ihre Kinder. Remund will den Hebel auch bei Jugend + Sport, dem grössten Sportförderungsinstrument des Bundes, ansetzen. Heute würden sich Leiter häufig scheuen, zum Beispiel in die Badi zu gehen oder ein Skilager zu organisieren, aus Angst, für allfällige Unfälle von den Eltern verantwortlich gemacht und vielleicht sogar vor Gericht gezerrt zu werden.

Mit Merkblättern gegen die Angst

«Ich begreife, dass Leiter einen hohen Respekt haben und sagen: ‹Das tue ich mir nicht mehr an›», sagt Remund. Der Baspo-Direktor will den Leitern nun die Angst nehmen. Bereits hat das Baspo in Kooperation mit der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU) für einige Sportarten wie Fussball oder Tennis Merkblätter mit Präventionsmassnahmen verfasst.

So müssen J + S-Leiter etwa prüfen, dass die mobilen Tore verankert sind und nicht gleich den Goalie unter sich begraben, wenn sie nach einem Scharfschuss umkippen. Bis Ende Jahr will das Baspo pro Sportart ein Merkblatt erstellen, um Unfällen vorzubeugen.

Die Freiwilligenarbeit macht die Jugendlichen glücklich

kä/sda. Der Befund erstaunt nicht: Bei den 10- bis 14-Jährigen führt Fussball die Liste der beliebtesten Sportarten an. Bei den 15- bis 19-Jährigen steht Skifahren zuoberst, wobei diese Sportart nur während weniger Tage pro Jahr ausgeübt wird.

Unsportlicher, aber polysportiver

Zählt man die Sportstunden zusammen, schwingt auch bei den älteren Jugendlichen der Fussball obenaus, wie die neue Baspo-Studie zum Sportverhalten der Jugendlichen in der Schweiz zeigt (siehe oben).

Die Jugendlichen betreiben zunehmend mehrere Sportarten nebeneinander. Sie werden unter dem Strich zwar immer unsportlicher, dafür aber polysportiver.

Stadtkinder machen weniger Sport

Die Knaben treiben deutlich mehr Sport als die Mädchen. Neben dem Geschlecht hat auch der Wohnort Auswirkungen auf die Sportaktivität. Kinder und Jugendliche, die in ländlichen Gemeinden aufwachsen, sind sportlicher als ihre Altersgenossen in der Stadt. Noch ausgeprägter sind die Unterschiede zwischen den Sprachregionen: In der Deutschschweiz treiben die Jugendlichen mehr Sport als in der Romandie und im Tessin. Der Sport fördert nicht nur die Gesundheit, sondern hat auch Schattenseiten. Fast jeder fünfte Jugendliche zog sich innert der letzten 12 Monate (beim Zeitpunkt der Befragung) eine Verletzung zu, die von einem Arzt behandelt werden musste.

Immerhin: Bei den meisten Blessuren konnte der Heilungsprozess ambulant eingeleitet werden, nur die wenigsten mussten sich in Spitalpflege begeben. Mit Abstand am meisten Verletzungen passieren beim Fussball, was auch mit der Beliebtheit dieser Sportart zu tun hat. Am zweitmeisten Unfälle wurden beim Turnen registriert.

Viele Jugendliche nehmen nicht nur Sportangebote in Vereinen wahr, sondern engagieren sich gleich auch selber ehrenamtlich. Rund ein Viertel aller 15- bis 19-Jährigen leistet im Durchschnitt pro Woche während zweier Stunden Helferdienste, vor allem als Trainer, Übungsleiter oder Schiedsrichter. Rund 60 Prozent kriegen für ihren Einsatz für den Verein keinen Rappen, der Rest wird mit bis zu mehreren 100 Franken pro Jahr entschädigt. In Einzelfällen übersteigt diese Summe sogar 1000 Franken.

Die Motive für das Engagement sind natürlich nicht finanzieller Natur. Die Freude am Amt und der Einsatz für den Verein stehen im Vordergrund. Die Freiwilligenarbeit lohnt sich auf persönlicher Ebene: 96 Prozent der Befragten sind mit ihrer Tätigkeit sehr zufrieden oder zufrieden.

Gute Noten für Turnlehrer

Frohe Nachrichten enthält der Baspo-Bericht auch für die Turnlehrer. Die 10- bis 14-Jährigen erteilen dem Sportunterricht die Note 5. Die Kids finden die Aktivitäten spannend und lehrreich – egal ob Mädchen oder Knabe.

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