FREMDSPRACHEN: Res Schmid zieht in den Sprachenkrieg

Der Nidwaldner Bildungsdirektor Res Schmid wagt sich in die Höhle des Löwen. Er verteidigt heute im Westschweizer Fernsehen den Entscheid, Frühfranzösisch aus der Primarschule zu kippen.

Ernst Meier
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Ein Lehrer unterrichtet am zwei Erstklässler im Schreiben. (Bild: GAETAN BALLY (KEYSTONE))

Ein Lehrer unterrichtet am zwei Erstklässler im Schreiben. (Bild: GAETAN BALLY (KEYSTONE))

Die zweite obligatorische Fremdsprache in der Primarstufe 2013/14 (Bild: Grafik: Oliver Marx)

Die zweite obligatorische Fremdsprache in der Primarstufe 2013/14 (Bild: Grafik: Oliver Marx)

«Guerre des langues: tschüss Switzerland?» – «Krieg der Sprachen: tschüss Schweiz?»: Der Titel, mit dem das Westschweizer Fernsehen die heutige Ausgabe der Sendung «Infrarouge», des Pendants zur «Arena», ankündigt, hört sich martialisch an. Zum verbalen Gefecht ins Studio nach Genf zieht jener Mann, der die Sprachendiskussion letzte Woche neu befeuerte: der Nidwaldner Bildungsdirektor Res Schmid (SVP). Nach dem Thurgauer Parlament hat sich bekanntlich auch die Nidwaldner Regierung dafür ausgesprochen, den Französischunterricht von der Primarschule zu verbannen. Dafür sollen die Schüler auf der Oberstufe die Sprache Voltaires – inklusive Sprachaufenthalt in der Westschweiz – umso intensiver lernen.

Fliessend, aber nicht fehlerfrei

Res Schmid, aufgewachsen ohne Frühfranzösisch im Berner Oberland, spricht fliessend, aber nicht ganz fehler- und akzentfrei. Dem Auftritt in der Höhle des Löwen sieht er gelassen entgegen. «Am Schluss der Volksschule beherrschen die Nidwaldner Französisch künftig besser als heute», sagt er. Ausserdem werde der interkulturelle Austausch gefördert. «Diese Botschaft will ich heute in der Romandie vermitteln», sagt Schmid.

Was Schmid als Stärkung des Französischs anpreist, deuten seine Kritiker als Angriff auf den nationalen Zusammenhalt – zum Beispiel der Walliser SP-Nationalrat Mathias Reynard und die jurassische Bildungsdirektorin Elisabeth Baume-Schneider (SP), die heute in der Westschweizer «Arena» gegen Schmid antreten.

Spätstarter lernen Sprachen besser

Aus pädagogischer Sicht hat der Entscheid, Französisch erst später, dafür mit mehr Wochenlektionen zu lernen, «vieles für sich». Dies sagt zum Beispiel Markus Kübler, Abteilungsleiter Forschung und Entwicklung der Pädagogischen Hochschule (PH) Schaffhausen (siehe Ausgabe vom letzten Freitag). Kübler hat zahlreiche internationale Studien ausgewertet. Das Resultat lässt sich auf folgende Kurzformel bringen: Wer spät beginnt, lernt eine Fremdsprache besser.

Deprimierender Befund

Eine bisher unbeachtete Untersuchung bestätigt diesen Befund. Der Zürcher Sprachwissenschaftler Dietrich Michael Weidmann hat aus eigenem Antrieb eine Umfrage bei den Zürcher Sekundarlehrern durchgeführt. Die Untersuchung ist zwar nicht repräsentativ. Nur aus 20 von mehr als 100 angefragten Schulgemeinden trafen Antworten ein. Aber immerhin decken diese rund 1000 Schüler ab. Unter anderem mussten die (meist langjährigen) Pädagogen eine Einschätzung über die Französischkenntnisse ihrer Schüler mit und ohne Frühfranzösisch abgeben. Für Anhänger des frühen Fremdsprachenunterrichts ist der Befund deprimierend. 72 Prozent der Lehrer stellten fest, dass Schüler mit Frühfranzösisch am Ende der Sekundarschule nur gleich gut oder sogar schlechter parlierten als Schüler, die erst ab der Sekundarschule Französisch büffelten. Kurzum: Weidmanns Untersuchung passt perfekt ins Bild, das Markus Kübler in seiner Analyse zahlreicher Studien zeichnet.

Zu wenige Lektionen

Sogar vehemente Verfechter des frühen Fremdsprachenlernens räumen ein, dass der heutige Unterricht nicht ideal sei. «Anders, als man meinen könnte, lernen sehr junge Kinder nicht besser», sagte Georges Lüdi, Linguistikprofessor an der Universität Basel, neulich gegenüber der Zeitung «Le Temps.» Auf der Oberstufe würden die Schüler die Grammatik, die Wörter und die Satzstruktur besser verstehen. Gleichwohl ist Lüdi vom frühen Fremdsprachenunterricht überzeugt. «Man muss diesen aber verbessern», sagt er. Momentan seien aber in der Deutschschweiz zu wenige Lektionen fürs Französisch reserviert – und umgekehrt in der Westschweiz zu wenige Lektionen für Deutsch.

Geografie auf Französisch?

Lüdi schlägt vor, zum Beispiel Geschichte oder Geografie in der Fremdsprache zu erteilen. In der Fachsprache nennt man das immersiven Unterricht. Auch Markus Kübler von der PH Schaffhausen plädiert für diese Methode, aber nicht in den von Lüdi erwähnten Fächern, weil dort die Schüler die richtigen Begriffe in der Erstsprache – sprich auf Deutsch – lernen müssten. Für die bilinguale Instruktion geeigneter hält Kübler zum Beispiel den Turnunterricht.

Hinweis

Die Sendung «Infrarouge» wird heute um 22.50 Uhr im ersten Programm des Westschweizer Fernsehens ausgestrahlt.

«Marschhalt ist nicht sinnvoll»

Sylvia Nadig, Thurgau und Nidwalden verbannen das Französisch aus der Primarschule. Ist nun der richtige Zeitupunkt für einen Marschhalt?
Sylvia Nadig:
Dass man den Zug jetzt stoppen will, wo endlich mal alle eingestiegen sind, finde ich nicht sinvoll. Reformen brauchen im Schnitt 20 Jahre Zeit. Die Lehrer müssen Erfahrungen sammeln und wir müssen ihre Aus- und Weiterbildung optimieren. Es wurden weitgreifende Investitionen getätigt – ein Marschhalt wäre auch finanziell betrachtet keine gute Idee. Dass die beiden Kantone nun vorpreschen, ohne eine Evaluation abzuwarten, ist unverständlich. In der Verfassung wird zudem eine Harmonisierung des Schulunterrichts angestrebt – dem wirken Thurgau und Nidwalden nun entgegen.

Es gibt aber Untersuchungen, die besagen, dass Schüler, die später mit dem Sprachunterricht beginnen, zum Teil gar besser lernen...
Nadig:
Evaluationen sind im Gange – sowohl seitens der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren, als auch seitens der Bildungsregion Zentralschweiz. Die Resultate werden 2015 erwartet. Aktuell gibt es noch keine saubere wissenschaftliche Grundlage für Entscheidungen.

Welche Fehlschlüsse werden denn Ihrer Ansicht nach aus den aktuellen Studien gezogen?
Nadig:
Meistens wird die Masterarbeit von Urs Kalberer (Anm. d. Red. Ausgabe von Freitag) zitiert. Diese ist aber nicht wissenschaftlich fundiert und weist erhebliche methodische Mängel auf. Die Grammatikkenntnisse der Schüler werden zu stark gewichtet – seine Studie orientiert sich kaum an den Lernzielen der Primarschüler. Im Alter von 12 Jahren lernt man viel kognitiver und analytischer als in jüngeren Jahren und geht entsprechend auch sysematischer an die Grammatik heran. In der Primarschule geht es nicht darum, den Kindern die perfekte Grammatik und das korrekte Setzen von Accents beizubringen. Die Kinder haben einen viel intuitiveren Zugang zur Sprache. Sie können die Sprache sehr wohl anwenden, sind aber in der Grammatik nicht sattelfest. Sie sind vor allem motiviert – und das ist der Schlüssel zum Erfolg. Teenager hingegen finden Französisch uncool, weil sie viel stärker vom Englischen umgeben sind. Ein Oberstufenschüler, der in einer Umbruchphase steckt, hat zudem mehr Hemmungen, eine ihm unbekannte Sprache zu sprechen und wird sich kaum über fünf Stunden Französisch pro Woche freuen.

Und zum anderen?
Nadig:
Aktuell basiert die Diskussion auf den Befindlichkeiten der Leute. Die Generation, die nun das Frühfranzösisch abschaffen will, hatte selber sehr grammatiklastigen Französischunterricht – und zwar erst in der Oberstufe. Die Leute haben zum Teil schlechte Erfahrungen damit gemacht – man hört doch oft: ‹Ich kenne zwar die französische Grammatik, kann aber kaum einen Kaffee bestellen›. Sie projezieren diese Erfahrungen nun auf die Primarschüler und übersehen dabei, dass sich der Unterricht durch das Vorverschieben auf die Primarschule komplett verändert hat.

Kritisiert wird aber auch, dass die Schüler mit zwei Fremdsprachen in der Primarschule überfordert sind.
Nadig:
Dieses Argument ist ganz einfach falsch. Es gibt Studien, die zeigen, dass rund drei Viertel damit nicht überfordert ist – rund ein Viertel ist gar unterfordert. Überforderung gibt es auch in der Mathematik, im Deutsch und in anderen Fächern. Es ist falsch, den lernschwächeren Schülern den Französischunterricht zu verweigern. Man schwächt damit Kinder aus eher bildungsfernen Schichten. Klar ist, dass Schüler, die später studieren, in ihrem Berufsleben eher Englischkenntnisse benötigen. Schüler, die etwa eine Handwerkerlehre machen, sind aber eher auf das Französisch angewiesen. Und auf Kenntnisse über die Westschweizer Kultur – auch diese werden im Sprachunterricht vermittelt. Die Chancengleichheit wäre also erst recht nicht mehr gegeben.

Was halten die Kinder von der ganzen Sache?
Nadig:
Gerade das ist eine wichtige Frage, die die Evaluation der Bildungsregion Zentralschweiz ebenfalls aufwirft – und beantworten wird. Wir, die PH Zug, haben eine nicht repräsentative Umfrage mit 250 Primarschülern gemacht. Das Ergebnis: 68 Prozent haben das Modell mit zwei Fremdsprachen in der Primarschule klar befürwortet.

Sie haben die Kulturkenntnisse erwähnt. Der Kanton Nidwalden will ein Obligatorium für den Sprachaustausch mit der Romandie schaffen. Werden Kulturkenntnisse so nicht besser geschult?
Nadig:
Natürlich bin ich für den Austausch. Auch unsere Studierenden müssen einen zehnwöchigen Aufenthalt im jeweiligen Sprachraum absolvieren. AVielleicht schafft es ja der Kanton Nidwalden, flächendeckend für alle Schüler genügend Familien in der Romandie zu finden. Obwohl ich das bezweifle, zumal sich die Westschweizer sehr vor den Kopf gestossen fühlen. Aber dass die ganze Deutschschweiz in die Westschweiz reist und umgekehrt – das geht rein rechnerisch nicht auf. Im aktuellen Französischlehrmittel findet sich in jedem Kapitel eine Seite über die Westschweiz und ihre Kultur. Die Kinder haben hier einen sehr guten Zugang – es ist auch einfacher, das Verständnis für eine fremde Kultur in jungem Alter zu erschliessen, wenn die Kinder noch keine Vorurteile kennen.

Dann ist das bestehende Modell mit zwei Fremdsprachen also das ideale Modell?
Nadig:
Es ist ein sehr gutes Modell. Natürlich ist es aber verbesserungswürdig. Der Unterricht muss individualisiert werden und die Lernziele für schwache Kinder womöglich angepasst werden. Auch die Evaluationen werden zeigen, was man noch verbessern kann – das braucht aber Geduld.

Sylvia Nadig ist Fachschaftsleiterin Fremdsprachen der Pädagogischen Hochschule Zug.