Freuen Sie sich auf den Black Friday? Dann schauen Sie erst diese SRF-Doku

Zehn Millionen Retour-Sendungen, 9000 Tonnen CO2, brennende Flächen in Ghana – die «SRF»-Reportage «Im Kaufrausch; Kauf mich!» zeigt das Ausmass unseres Konsums. Die fünf eindrücklichsten Szenen.

Jara Helmi / watson.ch
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Junge Männer verbrennen in Accra, der Hauptstadt von Ghana, Elektrogeräte, um an verwertbares Metall zu kommen. (Bild: SRF / Silvio Gerber)

Junge Männer verbrennen in Accra, der Hauptstadt von Ghana, Elektrogeräte, um an verwertbares Metall zu kommen. (Bild: SRF / Silvio Gerber)

«Unglaubliche Rabatte», «mehr als 10'000 verrückte Angebote», «mindestens 20% auf ALLES» – am Black Friday versetzen die Verkäufer die Konsumenten in Kaufrausch. Egal, ob man etwas braucht oder nicht, hier muss zugeschlagen werden. Immerhin ist es so günstig wie nie.

Anlässlich des bevorstehenden Konsumwahnsinns, strahlte das Schweizer Fernsehen am Dienstagabend die Reportage «Im Kaufrausch; Kauf mich!» aus. Das sind fünf der eindrücklichsten Szenen des Dokumentarfilms: 

1. Der Reseller: Cornflakes für 150 Dollar

8000 Franken für einen Turnschuh: Aron Cash handelt mit Sneakers. (Bild: SRF / Silvio Gerber)

8000 Franken für einen Turnschuh: Aron Cash handelt mit Sneakers. (Bild: SRF / Silvio Gerber)

Turnschuhe sind nicht gleich Turnschuhe. Das lernt man zu Beginn der Reportage. Der erste Protagonist, Aron Cash, hat sich auf den Verkauf von Sneakers spezialisiert. Er nennt sich Reseller – er kauft also Dinge ein und verkauft sie teurer weiter. In Foren und auf Social Media verfolgt der Student Turnschuhe und sobald er erkennt, dass einer gefragt werden könnte, kauft er ihn. Sind sie einmal überall ausverkauft, kann er ihn für mehr Geld weiterverkaufen.

Sneaker für 8000 Franken: «Der Reiz liegt darin, einen limitierten Turnschuh zu tragen. Alle wissen, dass er ziemlich teuer war. So profilieren sich die Jungen.»

Aron Cash sitzt auf dem Sofa und schreibt übers Smartphone mit einem potentiellen Käufer. Letzterer interessiert sich für einen Sneaker. Kostenpunkt: 2500 Franken. Klingt nach unglaublich viel? Dann festhalten, wenn der Protagonist seine Turnschuhsammlung zeigt. Denn er selbst trägt bis zu 8000 Franken an seinen Füssen. Spätestens hier fragt man sich berechtigterweise: Warum? «Der Reiz liegt darin, einen limitierten Turnschuh zu tragen, der niemand anderes hat. Weil er limitiert war, wissen alle, dass er ziemlich teuer war. Jeder versucht, etwas Besseres zu haben als der andere. So profilieren sich die Jungen heutzutage», erklärt Cash.

Das Konzept funktioniert nicht nur bei Sneakers. Auch mit Cornflakes und Wasser verdient der IT-Student gutes Geld. Der Stardesigner Virgil Abloh hat für Evian eine Wasserflasche entworfen. Aron Cash wusste: Die könnte durch die Decke gehen. Also kaufte er sie für 2.90 im Laden und konnte sie zum richtigen Zeitpunkt für 40 Franken weiterverkaufen.

Auch Lebensmittel macht Cash zu Geld. Der US-amerikanische Rapper Travis Scott hat in Zusammenarbeit mit dem Müsli-Hersteller Reese's Puffs eine eigene limitierte Cornflakes-Sorte kreiert. Wer sich eine Packung kaufen wollte, bezahlte 40 Dollar. Der Verkaufsprofi Cash schätzt den Weiterverkaufspreis aktuell auf 100 bis 150 Dollar.

Obwohl er den Konsum selbst ankurbelt, resümiert der erste Protagonist: «Der Konsum in unserer Gesellschaft ist abnormal hoch. Wir geben viel zu viel Geld für Dinge aus, die wir nicht wirklich brauchen. All diese Dinge müssen wir hinterfragen. Ich möchte mich einfach in der Gesellschaft eingliedern und einen Beitrag dazu leisten, dass sich unsere Welt verbessert. Aber ich habe keine Idee, wie man das verändern könnte.»

2. Der Schnäppchenjäger: 23 Gutschein-Codes kombinieren

Schnäppchenjäger Raphael sucht täglich bis zu zwei Stunden nach dem besten Deal. (Bild: SRF / Silvio Gerber)

Schnäppchenjäger Raphael sucht täglich bis zu zwei Stunden nach dem besten Deal. (Bild: SRF / Silvio Gerber)

Du dachtest, du seist ein Schnäppchenjäger? Dann wart's ab, bis du diesen jungen Herrn kennengelernt hast: Raphael ist 23 Jahre alt und «leidenschaftlicher Schnäppchenjäger». Er verbringt pro Tag zwei Stunden damit, die besten Deals zu suchen. Jede Stunde überprüft er einmal die beiden Plattformen «Preispirat.ch» und «Toppreise.ch». Sein Motto:

«Lieber kaufe ich Dinge, die ich im Moment vielleicht nicht brauche, zu einem guten Preis, anstatt dass ich sie später einmal brauche und dann mehr bezahlen muss.»

Doch neben dem Beobachten von preiswerten Angeboten hat er noch eine andere Spezialität: Gutschein-Codes kombinieren. Es gebe nämlich welche, die durchnummeriert seien. Das heisst, man könne die letzten fünf Zahlen ändern und habe somit einen zusätzlichen Gutschein-Code. Beim Kauf eines E-Bikes konnte er mit dieser Technik 23 verschiedene Gutschein-Codes eingeben. Der 23-Jährige sparte so 90 Prozent des Preises und bezahlte für ein 2400.– teures Fahrrad nur noch 240 Franken. Gibt's Familienrabatt, erfindet Raphael gar ein Kind. So bezahlte er einst für den Fernseher 980 statt 1884 Franken. Auch stolz ist er auf das Katzenfutter, das er für 180 statt 360 Franken gekauft hatte.

Ob es sich bei seiner Vorgehensweise um Beschiss handle? «Nein», meint der Schnäppli-Jäger Raphael. Die Händler seien selber schuld, wenn sie so einfach einen Gutschein-Code generieren würden. «Ich wünsche mir, dass es keine Gutschein-Codes mehr gibt, sondern die Produkte von Anfang an zu einem günstigeren Preis verkauft werden.»

3. Der Antikapitalist: Vermögen mit anderen teilen

Philippe Wietlisbach teilt sein Einkommen mit sechs anderen Menschen. (Bild: SRF / Silvio Gerber)

Philippe Wietlisbach teilt sein Einkommen mit sechs anderen Menschen. (Bild: SRF / Silvio Gerber)

Nach so viel Konsumdruck geht's nach Bern in die Gross-Wohngemeinschaft Hubelgut zum Antikapitalisten, Sozialarbeiter und Start-up-Unternehmer Philippe Wietlisbach. Hier wohnt er mit sechs anderen Erwachsenen und drei Kindern. Die ganze Gemeinschaft teilt sich das Vermögen. Sie haben ein gemeinsames Konto und alle bezahlen monatlich ihr Einkommen auf dieses ein. Von der Krankenkasse bis zum Generalabonnement – alle Ausgaben werden damit bezahlt. «Gemeinsame Ökonomie» nennt sich das Konzept, nach welchem das Haus in Bern lebt. Jede Person darf pro Monat 400 Franken für individuelle Bedürfnisse ausgeben, ohne es vorher mit den anderen absprechen zu müssen.

«Das Geld ist ein nötiges Übel, das vieles ermöglicht.»

An der WG-Sitzung machen sie Kassensturz. «Wir haben noch 6500 Franken», lautet die Bilanz. Im Moment braucht die WG mehr Geld als sonst. Sie ist gerade dabei, sich ein zweites Haus zu bauen, um noch mehr Menschen an ihrem Konzept teilhaben zu lassen. Denn der Antikapitalist ist überzeugt: «Konsum ist ein kurzlebiges Glücksgefühl. Ein Teil von einer Gemeinschaft zu sein macht einen langfristig glücklicher.» Trotzdem will er das Geld nicht verübeln und sieht es realistisch: «Geld ist ein nötiges Übel, das vieles ermöglicht. Das kann man nicht wegphilosophieren.»

4. Die Gewinnerin: 10 Millionen Retour-Sendungen

Die Kranführerin beim Post-Paketzentrum Tanja Eggimann freut sich, wenn die Leute konsumieren. Dann geht ihr die Arbeit nicht aus. (Bild: SRF / Silvio Gerber)

Die Kranführerin beim Post-Paketzentrum Tanja Eggimann freut sich, wenn die Leute konsumieren. Dann geht ihr die Arbeit nicht aus. (Bild: SRF / Silvio Gerber)

Zurück zu einem weiteren Element der Konsumkette. Das Post-Paketzentrum in Härkingen. «Wenn die Leute viel konsumieren, ist das gut. Das heisst, dass ich Arbeit habe», sagt die Kranführerin Tanja Eggimann beim Paketzentrum. Pro Tag werden hier 350'000 Pakete verarbeitet. Jedes Jahr nimmt die jährliche Anzahl bei diesem Paketzentrum um fünf bis acht Prozent zu. Nur schon von Zalando gehen pro Jahr zehn Millionen Retour-Sendungen bei der Post ein. Allein diese verursachen pro Jahr 9000 Tonnen CO2.

«Wenn die Leute viel konsumieren, ist das gut. Das heisst, dass ich Arbeit habe.»

Was an der Post-Sequenz besonders sehenswert ist, ist der Post-Angestellte Johann Ulrich Anderegg. Er ist für einen Teil dieser Pakete zuständig und erklärt ganz genau, wie er diese Zalando-Pakete am besten stapelt und welche Schwierigkeiten ihm die schlecht zugeklebten Pakete machen. Aber nicht mehr lange, denn: «Am 1. November werde ich pensioniert und am 3. November feiere ich meinen 65. Geburtstag!»

5. Die Kehrseite: Der Giftmüll in Ghana

17'000 Tonnen Elektroschrott zerlegen junge Männer in der Hauptstadt von Ghana jährlich. (Bild: SRF / Silvio Gerber)

17'000 Tonnen Elektroschrott zerlegen junge Männer in der Hauptstadt von Ghana jährlich. (Bild: SRF / Silvio Gerber)

Szenenwechsel nach Ghana. In die Hauptstadt Accra und dessen Quartier Agbogbloshie. Hier zerlegen auf einer Fläche von 35 Fussballfeldern junge Männer jährlich 17'000 Tonnen Elektroschrott. Es seien arme Leute am Rande der Gesellschaft, die sich so versuchen ihr Leben zu finanzieren, sagt Matthias Schleup. Er ist Umweltingenieur und Projektleiter des World Resources Forum, einer Zusammenarbeit zwischen der Schweizer und der ghanaischen Regierung. Gemeinsam will man in Accra ein nachhaltiges Recycling-System aufbauen.

«Man sagt, dass Entwicklungsländer unterentwickelt sind. Dann frage ich mich aber, ob wir nicht ein bisschen überentwickelt sind.»

Denn bis jetzt ist es das Gegenteil: Die Leute wollen an die darin enthaltenen Edelmetalle kommen und diese wieder verkaufen. Um das Kupfer aus den Kabeln zu gewinnen, zünden sie diese an. Das Bild ist Besorgnis erregend: Vom grossen brennenden Kabel-Knäuel steigt schwarzer Rauch in die Luft, direkt daneben stehen die jungen Männer. «Durch die Verbrennung von Plastik und Kupfer entstehen Dioxine, das ist ist sehr schädlich», erklärt Schleup. Die Reportage zeigt auch den Fluss, an dem das Elektroschrott-Quartier liegt. Dieser ist kaum erkennbar, denn er ist übersät mit Elektroteilen. Und diese gelangen vom Fluss über die Lagune ins Meer.

Um ans Kupfer zu kommen, verbrennen die Arbeiter die Kabel. (Bild: SRF / Silvio Gerber)

Um ans Kupfer zu kommen, verbrennen die Arbeiter die Kabel. (Bild: SRF / Silvio Gerber)

Der grösste Teil des Elektroschrotts stammt aus Europa. Obwohl es verboten ist, defekte Geräte nach Afrika zu liefern. Dennoch sind 30 Prozent der Elektro-Geräte, welche in Ghana ankommen, defekt.

Zum Schluss sagt der Umweltingenieur: «Man sagt, dass Entwicklungsländer unterentwickelt sind. Dann frage ich mich aber, ob wir nicht ein bisschen überentwickelt sind.»