100-jähriges Jubiläum

Fritz Bopp ist der quasi erste SVPler – dass ihn die Partei feiert, würde ihm wohl nicht passen

Fritz Bopp gründete vor 100 Jahren die Zürcher Bauernpartei. Dass die SVP ihn feiert, würde ihm wohl nicht passen.

Pascal Ritter
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Als die Zürcher Bauernpartei zum ersten Mal an Kantonsratswahlen teilnahm, spottete sie in einem Flugblatt über den Freisinn und die Demokraten, weil diese sich als «geschichtliche» Parteien empfahlen. Bedeutung und Namen von Freisinn und Demokraten seien eben nur noch «geschichtlich» und nicht mehr lebendig, ätzte die Vorgängerin der SVP in einem Flugblatt. Das war im Jahr 1917.

Heute feiert sich die SVP mehr als jede andere Partei als geschichtlich. Zum Beispiel diesen Sonntag, wenn die Zürcher Sektion ihr hundertjähriges Jubiläum begeht. Sie tut dies in der Tonhalle, also just dort, wo am 4. März 1917 sich die Delegierten des Landwirtschaftlichen Kantonalvereins trafen, um eine politische Vereinigung zu gründen. Damals wie heute im Raum sein dürfte Fritz Bopp. Damals als Gründer und heute als Mythos. Bereits zum 90. Jubiläum ehrte ihn der damalige Justizminister Christoph Blocher als herausragenden Gründervater der SVP. Nun blickt Bopp grimmig vom Buchumschlag der eben erschienenen Parteigeschichte von Christoph Mörgeli (siehe links). Wer ist der Mann, den die Zürcher SVP als ihre Galionsfigur feiert?

Dichter und Querulant

100 Jahre SVP

Am Sonntag feiert die Zürcher SVP ihr 100-Jahr-Jubiläum. Pünktlich dazu legt Historiker und alt Nationalrat Christoph Mörgeli eine umfassende Parteigeschichte vor. «Bauern, Bürger, Bundesräte» erzählt die Geschichte des Aufstiegs der SVP von den Ende des Ersten Weltkrieges gegründeten Bauern- und Bürgerparteien zur Bundesratspartei. Mörgeli schöpfte aus dem vollen, zitiert eine Vielzahl nicht veröffentlichter Manuskripte, darunter auch seine eigene Proseminararbeit. Das Buch gibt einen Einblick in die Geschichte und vor allem in das Selbstbild der Partei.
Christoph Mörgeli: Bauern, Bürger, Bundesräte. Orell Füssli. 58 Franken.

«Da geht ein eigenwilliger Mann ins Grab, der nie in Reih und Glied marschieren konnte, und der die Grenze, die Originalität und Unabhängigkeit vom Querulieren trennte, gelegentlich aus dem Auge verlor», schrieb die «Zürichsee-Zeitung» nach dem Tod von Fritz Bopp Ende Januar 1935. Tatsächlich hat der Bauernpolitiker zeitlebens angeeckt und ist als komischer Kauz aufgefallen. Zu Fuss soll er von Bülach in die Stadt Zürich marschiert sein, um an den Sitzungen des Kantonsrates teilzunehmen. Damit betonte Bopp seine einfache Herkunft. Er wurde als eines von vier Kindern am 14. Januar 1863 im zürcherischen Dielsdorf geboren. Sein Vater war Bauer und gemäss einer Erinnerungsschrift von Alfred Illi ebenfalls schon als «politischer Querulant» bekannt gewesen. Höhere Bildung blieb Bopp verwehrt. Die Sekundarschule musste Fritzli nach einem Jahr wieder verlassen, weil der Vater nichts von «Schulfuchserei» hielt. Der Bub sollte lieber den Acker bestellen und den Stall ausmisten.

Aufgrund einer Diphterie-Erkrankung im Kindesalter konnte Bopp auf einem Ohr nicht richtig hören, was ihm Hänseleien der Gleichaltrigen einbrachte. «Sein leicht verwundbares Gemüt trug zeitlebens schwer an der Bitterkeit der Jugendjahre», behauptet Biograf Illi. Bopp, der sich auch nach der Schule fürs Lesen und Schreiben interessierte, arbeite eine Zeit lang als Kanzleigehilfe auf einem Notariat. Später soll er Mittellose in Rechtsfragen beraten haben. Er las viel und schrieb Gedichte: Über das Leben als Bauer, seine Mutter und später über den politischen Gegner. Er nahm eine Stelle als Knecht in Bülach an, wo er später durch Hochzeit zu einem eigenen Hof kam. Als Journalist der «Bülach-Dielsdorfer Wochenzeitung» schrieb er gegen das «Dogma» an, «die landwirtschaftlichen Vereine und ihre Presse dürften keine Politik treiben». Er rief die Bauern dazu auf «sich in Zukunft weder von den Liberalen noch von den Demokraten als Stimmvieh benützen zu lassen».

Rücktritt wegen Kommunistin

Tatsächlich waren die Bauern zu dieser Zeit zwar in Genossenschaften und Bauernvereinen gut organisiert. Die Politik überliessen sie aber den traditionellen bürgerlichen Parteien, den Demokraten und dem Freisinn. Auch Bopp war Mitglied der Demokratischen Partei. In den katholischen Gebieten hielten die Bauern zur Konservativen Volkspartei (heute CVP). 1888 entstand die Sozialdemokratische Partei. Nun drängten auch die Bauern nach einer Vertretung ihres Standes. Dies geschah zu einer Zeit als sie durch internationalen Handel und fortschreitender technischer Entwicklung unter Druck gerieten. Zwischen 1880 bis 1910 ging der Anteil Bauern an der aktiven Bevölkerung von 42 Prozent auf 27 Prozent zurück.

Bopp gründete 1907 die Demokratische Bauernpartei des Bezirks Bülach. Zehn Jahre bevor sich die Gründung einer Kantonalen Partei in der Tonhalle anbahnte. Der konservative Avantgardist sass damals seit elf Jahren im Kantonsrat. In den Jahren 1917 und 1918 überschlugen sich die Ereignisse. An den Wahlen vom 8. Juli 1917 gewann die Bauernpartei aus dem Stand 49 der 257 Sitze im Kantonsparlament. Auch die Sozialdemokraten legten stark zu, während der Freisinn die Hälfte seiner Sitze verlor. Den Sieg hatten die neuen Parteien der Einführung der Proporzwahl im Kanton Zürich zu verdanken.

In der Arbeiterschaft gärte es indes. Die Versorgung während des Ersten Weltkrieges war schlecht. Frauen blockierten Marktstände mit überteuerten Preisen. Im Juni 1918 kam es zu einer Hungerdemonstration in der Stadt Zürich. Anführerin war die Sozialistin Rosa Bloch. Die Kantonsregierung lud Bloch und ein paar Mitstreiterinnen ein, um ihr Leid der kantonsrätlichen Notstandskommission zu schildern. Das war zu viel für den Antikommunisten und Frauenstimmrechtsgegner Fritz Bopp. Er trat zurück. «Nimmer lauschen seiner Worte Schwalle, wir in düsterer Regierungshalle», spottete die Satirezeitschrift «Nebelspalter» über seinen Abgang.

Bruch mit der eigenen Partei

Bopp bekämpfte den Sozialismus nun aus dem Nationalrat, dem er seit 1915 angehörte. Am 11. November rief das Oltener Aktionskomitee den Landestreik aus. Tags darauf geisselte Bopp das «gewissenlose Bubenstück». «Lieber unter dieser Kuppel sich begraben lassen, wenn sie darauf die blutige Fahne der Revolution aufpflanzen wollen, als weichen!», rief er in den Saal.

Es blieb nicht bei Worten. Die Armee liess Bauernregimente gegen die streikenden Arbeiter aufbieten und Bürgerwehren aus dem Dunstkreis der Zürcher Bauernpartei und der Berner Bauern- und Bürgerpartei versuchten ein Ausbreiten des Streiks zu verhindern. Die Bauern erkämpften sich mit ihrem – auch blutigen – Einsatz gegen streikende Arbeiter ihren Platz im Bürgerblock.

Nationalrat Bopp soll in Bern in bescheidenen Absteigen logiert haben und die dadurch eingesparten Entschädigungen zurückgezahlt haben. Eine Geschichte, der sich die heutigen SVPler gerne erinnern. Doch auch in der Fraktion der Bauern- und Bürgerparteien, die bei den Wahlen 1919 30 von 189 Sitzen geholt hatten, fühlte Bopp sich immer weniger wohl. «Der Berner Klub treibt zur Zeit eine Politik, die ich des Öfteren nicht mitmachen kann», schrieb er um das Jahr 1922 einem Freund. Gemäss SVP-Historiker Christoph Mörgeli ging es im Streit zwischen ihm und der Partei auch um eine Öffnung in Richtung einer Sozialpolitik für alle Berufsstände. Bopp lehnte das ab. Zwei Jahre später verliess er tatsächlich die Partei, die er mitgegründet hatte. Bei den Nationalratswahlen 1925 wurde er trotzdem auf einer freien Liste wieder gewählt. Doch er konnte bald nicht mehr. Drei Jahre später trat er aus gesundheitlichen Gründen zurück. Offenbar litt er an Depressionen. Er lieferte sich selbst 1932 in eine Nervenanstalt ein, die er aber bald wieder verliess. Am 27. Januar 1935 starb er im Spital Bülach.