FÜHRUNG: Frauen für die Männerbastion gesucht

Immer mehr hiesige Unternehmen besetzen ihren Verwaltungsrat mit Frauen. Die Gremien sollen aber noch weiblicher werden und dies ohne staatliche Quote.

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Der Arbeitgeberverband will mit einer Broschüre mehr Frauen in Verwaltungsräte hieven. (Bild: Getty)

Der Arbeitgeberverband will mit einer Broschüre mehr Frauen in Verwaltungsräte hieven. (Bild: Getty)

Ernst Meier

«Gemischte Teams bringen eine bessere Leistung», sagte Valentin Vogt, Präsident Schweizerischer Arbeitgeberverband, an der gestrigen Medienkonferenz in Zürich. Zusammen mit fünf Partnern (darunter Kadervermittler und die Uni St. Gallen) hat der Verband eine Auswahl von Frauen zusammengestellt, die sich für eine Aufgabe in einem Verwaltungsrat eignen. Entstanden ist eine Broschüre, die 400 Frauen auflistet.

Die Hälfte davon ist als Verwaltungsrätin bei einem grösseren Schweizer Konzern tätig. Die Namen der 200 Frauen sind zusammen mit der Firma, für die sie im Verwaltungsrat tätig sind, aufgeführt; von «Ackermann Carole, Dr., Allianz Suisse Gruppe» bis zu «Salm Christiane, Dr., Ringier Holding AG». In einem zweiten Teil widmet sich die Broschüre potenziellen Verwaltungsrätinnen für Schweizer Gesellschaften. Die Projektgruppe hat dafür die Profile von weiteren 200 hoch qualifizierten Frauen zusammengestellt. Diese werden mit Foto, einem kurzen Curriculum Vitae und Angaben über ihre Kompetenzen vorgestellt. Keine der Frauen hatte zum Stichtag der Erhebung (31. Januar 2015) ein Verwaltungsratsmandat bei einem hiesigen börsenkotierten Unternehmen.

Führungserfahren, teamfähig

«Sie kommen aus unterschiedlichen Branchen sowie Berufen und repräsentieren einen Querschnitt der Schweizer Wirtschaft», erklärte Valentin Vogt. Die studierten Damen würden zudem eine der Landessprachen sprechen. «Uns war bei der Auswahl kulturelle Verbundenheit wichtig», sagte Vogt. Aus Zentralschweizer Sicht findet man unter den «VR-Top-Shots der Zukunft» Sita Mazumder, Jahrgang 1970, Professorin für Wirtschaft an der Hochschule Luzern, oder Bianca Braun, Jahrgang 1978, Head Internal Audit bei Maxon Motor in Sachseln.

«Der Verwaltungsrat ist verantwortlich für den Ruf und den Erfolg eines Unternehmens», erklärte Projektmitglied Barbara Rigassi. Bei der Zusammenstellung der Kandidatinnen habe man auf drei Kriterien geachtet. «Die Frauen müssen einen soliden Leistungsausweis in einer Führungsfunktion aufweisen», sagte die Gründerin der VR-Vermittlungsagentur Getdiversity. Weiter zählte sie die Kriterien «strategisches Denken» und «Teamfähigkeit» auf. Die künftigen Verwaltungsrätinnen sollen fähig sein, Gesellschaften mit einem Jahresumsatz von mindestens 100 Millionen Franken und mehr als 400 Mitarbeitern zu führen.

Auslöser der Zusammenstellung von 400 Kandidatinnen für VR-Jobs war eine Studie aus dem Jahr 2013, welche der Arbeitgeberverband gemeinsam mit dem Aktionärsberater zCapital (heute zRating) publizierte. Eine Umfrage bei Publikumsgesellschaften hat damals ergeben, dass 84 Prozent der antwortenden VR-Präsidenten, den Frauenanteil in ihrem Gremium erhöhen wollen. In der Tat: Das weibliche Geschlecht erobert zunehmend die oberste Kaderstufe von Firmen. Seit 2010 hat der Frauenanteil um 50 Prozent zugenommen. Heute beträgt er im Schnitt 15 Prozent. «Geht das Wachstum linear weiter, gehen wir von einem Frauenanteil von 23 Prozent im Jahr 2020 aus», sagte Kadervermittler Guido Schilling gestern (siehe auch Grafik). Laut seinen Erhebungen ist aber eine noch optimistischere Entwicklung und ein Anteil von 30 Prozent bis in fünf Jahren möglich. «Bereits jede zweite Anfrage an uns bezieht sich auf die Suche nach einer Verwaltungsrätin», sagt der Kadervermittler. Viele Unternehmen suchen explizit qualifizierte Frauen für ihre Branche. «Diese gibt es. Man muss sie nur finden», ist Guido Schilling überzeugt. Deshalb hätte man nun den Schritt nach vorne gemacht und die Broschüre «Frauen im Verwaltungsrat: 400 Vorschläge für Schweizer Gesellschaften» erstellt.

Bundesrat will Frauenquote

Beobachter sehen beim Vorpreschen der Projektgruppe aber auch noch andere Gründe. Der Bundesrat will im Rahmen der Aktienrechtrevision eine Frauenquote von 30 Prozent für die Verwaltungsräte von börsenkotierten Unternehmen festlegen. Die Wirtschaft stemmt sich dagegen. «Quoten sind unnötig», findet Michael Otte, CEO von zRating. Frauen seien derzeit auch ohne gesetzliche Förderung auf dem Vormarsch. «Gesellschaftliche Hürden, wie die mangelnde Vereinbarkeit von Familie und Beruf, lassen sich nicht mit einer Quote lösen und schon gar nicht mit dem Aktienrecht», findet Otte. Die Gegner verweisen auf die negativen Erfahrungen, die man in Norwegen mit einer Frauenquote gemacht hat. Das Land kennt seit 2003 eine Frauenquote von 40 Prozent für Verwaltungsräte von börsenkotierten Firmen, seit 2008 wird sie mit Zwang durchgesetzt. Die Folge: Mehr als ein Drittel der von der Quote betroffenen Unternehmen verliessen die Börse, um dem «Frauen-Zwang» zu entkommen.

In der Zentralschweiz setzen die meisten börsenkotierten Firmen auf Frauen, eine Quote von 30 Prozent würde aber keine Gesellschaft erfüllen. Beim Zuger Schraubenhändler Bossard sind zwei von sieben Verwaltungsräten weiblichen Geschlechts. Auch Emmi, die Luzerner sowie die Zuger Kantonalbank und Schindler zählen zwei Frauen in der Männerdominanz. In der Geschlechterverteilung völlig rückständig geben sich Komax und Kühne+Nagel, deren Verwaltungsrat weiterhin Herren in dunklen Anzügen vorbehalten ist.

Frauenanteil_2015

Frauenanteil_2015