Fall Salez

Fünf Monate nach der Amoktat: Jetzt handeln die Regionalbahnen

Feuerlöscher, Lehrvideos und Co. – Fünf Monate nach dem Brandanschlag in einer Regionalbahn in Salez SG ändern die Bahnbetreiber die Rollmaterial-Bestellungen.

Antonio Fumagalli
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Die Amoktat von Salez im vergangenen August führt dazu, dass die Regionalbahnen ihr Sicherheitsdispositiv anpassen.

Die Amoktat von Salez im vergangenen August führt dazu, dass die Regionalbahnen ihr Sicherheitsdispositiv anpassen.

newspictures.ch

Der Fall sorgte weit über die Landesgrenzen hinaus für Schlagzeilen: Am 13. August entzündete ein 27-jähriger Schweizer in einem gut besetzten Regionalzug der Südostbahn (SOB) eine brennbare Flüssigkeit und griff mit einem Messer wahllos Passagiere an.

Die Bilanz war tragisch: Drei Personen – der Täter inklusive – kamen bei der Amoktat ums Leben, vier weitere wurden zum Teil schwer verletzt. Eine noch grössere Opferzahl konnte nur dank des beherzten Eingreifens von Unbeteiligten und der geistesgegenwärtigen Reaktion des Lokführers, der den Zug zur nahe gelegenen Haltestelle Salez-Sennwald steuerte, verhindert werden.

Aviatik als Vorbild

Ein knappes halbes Jahr später zeigt eine Umfrage der «Nordwestschweiz»: Mehrere Schweizer Bahnunternehmen haben aufgrund des tragischen Vorfalls Massnahmen getroffen, welche die Sicherheit von Personal und Passagieren erhöhen sollen. Am grössten war der Handlungsdruck naturgemäss bei der direktbetroffenen Südostbahn. Eine ins Leben gerufene Arbeitsgruppe hat einen Katalog von Massnahmen ausgearbeitet, die bereits implementiert oder zumindest in die Wege geleitet sind.

So hat die SOB die Brandfall-Signalisierung im Fahrgastraum verbessert und mit farblichen Anpassungen dafür gesorgt, dass die Feuerlöscher einfacher als solche erkennbar sind. Ein Informationsblatt in der Nähe der Türen soll dafür sorgen, dass die Passagiere im Notfall richtig handeln. Dazu prüft die SOB das Anbringen von Löschdecken in den Bahnwagen und gar ein Lehrfilm über das «Verhalten im Brandfall» könnte bald über die Bildschirme flimmern – genau wie vor jedem Start im Flugzeug.

Einsatzbilder nach dem Brandanschlag von Salez:

Noch am Samstag führten Beamte eine Hausdurchsuchung beim Täter durch. - Im Bild: Kriminaltechniker im Einsatz im Zug, in dem es am Samstag zur Tat kam.
12 Bilder
Nach der Attacke im Zug bei Salez befinden sich noch immer fünf Personen im Spital.
Attacke von Salez
Im Zug im St. Galler Rheintal hatte ein 27-jähriger Schweizer sechs Zugpassagiere, darunter ein 6-jähriges Kind, mit einem Messer und brennbarer Flüssigkeit angegriffen.
Mehrere Opfer wurden schwerst verletzt.
Ein Opfer und der Täter schwebsten in Lebensgefahr.
Die Attacke ereignete sich am Samstag gegen 14.20 Uhr kurz vor dem Bahnhof Salez auf der Strecke zwischen Buchs und Sennwald
Ein Video zeigt, wie der mit einem Messer bewaffnete Beschuldigte, ein 27-jähriger Schweizer, eine brennbare Flüssigkeit ausschüttet. Durch das Entzünden der Flüssigkeit und durch das Messer wurden fünf Passagiere sowie der Beschuldigte selber verletzt.
Der Zug wurde wegen des Zwischenfalls in Salez gestoppt.
Das "Ereignis", wie die Polizei den Zwischenfall in ihrer Mitteilung umschreibt, hatte am Samstag einen Grosseinsatz von Rettungs- und Sicherheitskräften ausgelöst.
Arbeiter säubern am Bahnhof in Salez den Bahnsteig.

Noch am Samstag führten Beamte eine Hausdurchsuchung beim Täter durch. - Im Bild: Kriminaltechniker im Einsatz im Zug, in dem es am Samstag zur Tat kam.

TeleM1

Die Erkenntnisse aus dem Fall Salez haben die SOB zudem veranlasst, die Bestellung des neuen Rollmaterials anzupassen. Im neuen Voralpen-Express werden die Feuerlöscher näher bei den Türen platziert. Und der Bildschirm soll die Passagiere im Ernstfall präziser instruieren.

Schneller die Polizei am Draht

Die SOB ist jedoch bei weitem nicht das einzige Transportunternehmen, das sein Sicherheitsdispositiv nach Salez angepasst hat. Die SBB haben die Einsatzleitzentrale der Transportpolizei personell verstärkt und die Abläufe bei der Alarmierung von Polizei, Feuerwehr und Sanität optimiert. «Wir überprüfen laufend die Sicherheitslage in der Schweiz und reagieren situativ auf mögliche Veränderungen wie beispielsweise bei Grossevents, Extrazügen oder Ereignissen im Ausland», heisst es bei den Bundesbahnen.

Die BLS optimiert die Videoüberwachung in den Zügen, indem ältere und störungsanfälligere Kameras durch neue ersetzt werden. Bei den 60 neuen Zügen, die ab 2021 ausgeliefert werden, soll der Innenraum «noch heller und übersichtlicher gebaut werden», so die Medienstelle. Damit erhöhe man das Sicherheitsgefühl der Reisenden. Der Regionalverkehr Bern–Solothurn (RBS) seinerseits rüstet die 14 neuen Züge standardmässig mit einer automatischen Brandbekämpfungsanlage und einem Notruf-Knopf aus, mit dem man direkt die Betriebsleitzentrale erreichen kann.

Neue Zugbegleiter sind Tabu

Laut ertönte im August der Ruf nach dem konsequenten Einsatz von Zugpersonal auch im Regionalverkehr – so, wie es früher der Fall war. «Für mich ist klar: Es braucht wieder in jedem Regionalzug einen Zugbegleiter», sagte etwa Hans-Ruedi Schürch, Präsident des Lokomotivpersonalverbandes LPV-SEV.

Von solch einschneidenden Massnahmen haben die angefragten Transportunternehmen nun aber abgesehen. Der Einsatz von Zugbegleitern sei «im Rahmen der Sicherheitsgespräche erörtert» worden, sagt Thurbo-Mediensprecher Werner Fritschi stellvertretend. Das Zugpersonal sei aber in erster Linie für die Kontrolle der Fahrausweise verantwortlich, zudem könnten «Übergriffe mit grosser krimineller Energie dadurch auch nicht verhindert werden».

Die Rhätische Bahn fährt hingegen weiterhin einen anderen Kurs. Bei ihr sind unabhängig vom Fall Salez mehr als die Hälfte aller Züge begleitet. Mediensprecherin Yvonne Dünser: «Dies sorgt für ein gutes Sicherheitsgefühl unserer Fahrgäste.»