Fussball
Stadionneubau spaltet Lugano – die Gegner sprechen von einem hochspekulativem Immobilienprojekt

Am 28. November stimmt die Stadt über das Sport- und Eventzentrum ab. Prominenter Gegner ist Ex-FDP-Präsident Pelli. Ein modernes Stadion mit einer Kapazität von 10'000 Plätzen sowie eine Mehrzweckhalle sind Kern des Gesamtprojekts.

Gerhard Lob, Lugano
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So könnte das Stadion von Lugano dereinst aussehen.

So könnte das Stadion von Lugano dereinst aussehen.

Visualisierung: Stadt Lugano

Das Klima ist aufgeheizt. «Wir sind die Schande der ganzen Schweiz», ereifert sich dieser Tage Roberto Badaracco, freisinniger Stadtrat von Lugano und Vorsteher des städtischen Kultur- und Sportdepartements. Er meint die total veralteten Sportanlagen der Stadt, deren Symbol das alte Stadion Cornaredo ist. Mit dem neuen Sport- und Eventzentrum, dem Polo sportivo e degli eventi (PSE), soll das infrastrukturelle Defizit beseitigt und zugleich ein modernes Stadtquartier geschaffen werden. Lugano als grösste Tessiner Stadt und einwohnermässig unter den Top Ten der Schweiz will sich so auch als Austragungsort für Events von nationaler Bedeutung positionieren. Im Moment ist das nicht der Fall. Ganz im Gegenteil. Dem Fussball Club Lugano droht ohne neues Stadion gar der Zwangsabstieg aus der Super League.

Doch ähnlich wie beim geplanten Stadion Torfeld Süd in Aarau ist das Projekt umstritten. Im Vorfeld der Abstimmung vom 28. November gehen die Wogen hoch. Die linke Bewegung für Sozialismus (MpS) hatte in Windeseile die nötigen Unterschriften für ein Referendum gegen die Vorlage gesammelt, die Ende März bei nur fünf Gegenstimmen vom Grossen Gemeinderat deutlich angenommen worden war. Die Sozialisten sprechen von einem hochspekulativen Immobilienprojekt. Die Grünen halten das Projekt aus ökologischer Sicht für bedenklich. Die Befürworter hingegen warnen vor einer Ablehnung. «Eine zweite Chance wird es nicht geben», warnt der neue Stadtpräsident Michele Foletti (Lega), der das Erbe des verstorbenen Marco Borradori angetreten hat. «Im Falle eines Neins müssten wir ganz von vorne beginnen», doppelt SP-Stadträtin Cristina Zanini nach.

Die beiden geplanten Wohntürme.

Die beiden geplanten Wohntürme.

Visualisierung: Stadt Lugano

Stadion, Mehrzweckhalle, Hochhäuser, Wohnblocks

Doch was ist eigentlich genau geplant? Ein modernes Stadion mit einer Kapazität von 10'000 Plätzen sowie eine Mehrzweckhalle sind Kern des Gesamtprojekts. Diese beiden Anlagen sind auf 167 Millionen Franken veranschlagt. Dazu kommen noch zwei Hochhäuser direkt am Stadion, eines davon für die Stadtverwaltung, eines fürs Gewerbe, sowie vier Wohnblocks mit je neun Stockwerken. Das Quartier Cornaredo soll zudem dank Grünflächen und Begegnungszonen lebenswerter gemacht werden.

Das Stadion (links), eingebettet in die Landschaft

Das Stadion (links), eingebettet in die Landschaft

Visualisierung: Stadt Lugano

Finanziell gestemmt werden soll die Gesamtinvestition von 374 Millionen Franken über ein Public-private-Partnership-Modell (PPP) mit der Immobiliendienstleisterin HRS Real Estate und der Grossbank Credit Suisse. Demnach unterstehen die Sportanlagen einem Leasing-Vertrag und gehen nur schrittweise ins Eigentum der Stadt über. Anders gesagt: Die Baukosten werden von den privaten Investoren getragen, während sich die Stadt im Gegenzug verpflichtet, über 25 Jahre Räumlichkeiten für 10 Millionen Franken pro Jahr zu mieten. Die Privaten erhalten für ihre Immobilienprojekte – Hochhäuser und Wohnblocks – ein Baurecht für 90 Jahre. Genau diese Querfinanzierung ist der Bewegung für Sozialismus ein Dorn im Auge. Angesichts des hohen Leerwohnungsstands in Lugano sei es unnötig, weiteren Wohnraum zu schaffen: «Es handelt sich um eine nutzlose Immobilienspekulation.»

Der stadtbekannte Fulvio Pelli, einst nationaler FDP-Präsident, leitet ein Bürgerkomitee gegen die Errichtung des Sport- und Eventzentrums.

Der stadtbekannte Fulvio Pelli, einst nationaler FDP-Präsident, leitet ein Bürgerkomitee gegen die Errichtung des Sport- und Eventzentrums.

Goran Basic

Widerstand kommt zudem von einem Bürgerkomitee, das zwar nicht mit dem linken MpS an einem Tisch sitzen will, aber letztlich doch am gleichen Strang zieht. In dieser Gruppe haben zwei stadtbekannte und altgediente Politiker den Lead, darunter Fulvio Pelli, einst nationaler FDP-Präsident und seit April wieder Gemeinderat. Sie wollen, dass nur die neuen Sportanlagen verwirklicht werden, nicht aber die Gebäude für die Verwaltung sowie die Wohnblocks. Dabei ist allerdings bekannt, dass bei Pelli auch Eigeninteressen im Spiel sind, denn gewisse seiner Immobilien, die heute an die Stadtverwaltung vermietet sind, könnten dereinst leer stehen.

Die städtische FDP ist somit gespalten. Die SP hat Stimmfreigabe beschlossen; offensichtlich wollte man der eigenen Stadträtin nicht in den Rücken fallen. Die Lega war früher kritisch, steht aber nun geschlossen hinter dem Projekt. Die CVP unterstützt das Vorhaben ohne Wenn und Aber. Unterstützung gibt es auch von aussen, etwa in Form eines Appells aller Präsidenten der grösseren Tessiner Städte. Das Finanz- und Wirtschaftsdepartement des Kantons hat entschieden, das Sportzentrum mit einem Zuschuss von 18 Millionen Franken zu unterstützen, wenn es von den Luganesi gutgeheissen wird. Und der Ständerat hat im Rahmen des Nationalen Sportanlagenkonzepts einen Zustupf in Höhe von 5 Millionen Franken bewilligt.