FUSSBALL: «Zeit war noch nicht reif für dieses Spiel»

Alt Bundesrat Adolf Ogi (72) war UNO-Sonderberater für Sport im Dienste von Entwicklung und Frieden. Die Uefa hätte die Begegnung Albanien – Serbien verhindern müssen, sagt er und warnt vor Problemen der Fifa mit Russland wegen der WM.

Interview Lukas Scharpf
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Spieler der albanischen Nationalmannschaft (in den weissen Trikots) prügelten sich vor einer Woche mit serbischen Hooligans (verdeckt), die das Spielfeld stürmten. (Bild: EPA/Koca Sulejmanovic)

Spieler der albanischen Nationalmannschaft (in den weissen Trikots) prügelten sich vor einer Woche mit serbischen Hooligans (verdeckt), die das Spielfeld stürmten. (Bild: EPA/Koca Sulejmanovic)

Adolf Ogi, beim Länderspiel zwischen Albanien und Serbien kam es im Stadion zu schweren Zwischenfällen. Eine Drohne zog eine Propaganda-Flagge «Grossalbaniens» ins Stadion. Spieler prügelten sich. Serbische Fans stürmten den Platz, griffen Spieler an und jagten die albanischen Fussballer vom Platz. Sie haben sich nach Ihrer Zeit als Bundesrat dafür eingesetzt, dass der Sport als Kraft für den Frieden wahrgenommen wird. Was lösten die Bilder aus Belgrad in Ihnen aus?

Adolf Ogi: Es ist eine Schande für den Sport und ein Rückschlag für die Region. Ich kenne beide Länder gut aus meiner Zeit als UNO-Gesandter und als Verteidigungsminister, als wir die Schweizer Armee für die Friedensmissionen einsetzten. Dort herrscht zwar kein Krieg mehr, aber es ist ein kalter Friede, der von den Politikern entschieden wurde. Es braucht nur einen Funken, und die Stimmung kippt. Das hat dieses Spiel gezeigt. Ohne eine Versöhnung von unten erreicht man keine Stabilität.

Was hätte man vor dem Spiel anders machen müssen?

Ogi: Nach meiner Beurteilung ist es falsch, dass die Uefa nicht das Fingerspitzengefühl hatte, in der Auslosung zu verhin­dern, dass die beiden Mannschaften aufeinandertreffen. Offenbar hat man Lösungen gefunden, damit Aserbaidschan und Armenien sowie Spanien und Gibraltar nicht in der Qualifikation gegeneinander spielen. Aufgrund der politischen Lagebeurteilung hätte man das hier auch verhindern müssen. Die Zeit war noch nicht reif für ein solches Spiel.

Aber Albanien und Serbien waren nicht direkt miteinander im Krieg. Im Gegensatz zu Kroatien und Serbien, die in der Qualifikation für die WM in Brasilien aufeinandertrafen. Ohne schwere Folgen. Gästefans durften bei diesen Begegnungen jeweils nicht ins Stadion. Wie im Spiel letzte Woche in Belgrad auch nicht. Wäre ein Spielverbot zwischen diesen Mannschaften nicht eine Kapitulation des Sports vor der Politik?

Ogi: Die Situation ist offenbar nicht dieselbe. Es braucht mehr politische Sensibilität von Seiten der Uefa und der Fifa. Fussballstadien eignen sich leider viel zu gut für Demonstrationen. In diesem Zusammenhang erinnere ich an 1990, als Dynamo Zagreb und Roter Stern Belgrad aufeinandertrafen. Es kam zu einer Massenschlägerei, und Historiker haben festgehalten, dass dies möglicherweise der Auftakt für den Krieg in Ex-Jugoslawien war.

Michel Platini von der Uefa und Sepp Blatter von der Fifa sagen jeweils, dass man Sport und Politik nicht vermischen soll.

Ogi: Fussball, und Sport generell, wird oft von der Politik missbraucht – und umgekehrt. Die Politik setzt den Rahmen. Da können die Herren Platini und Blatter sagen, was sie wollen.

Bringen Sie solche Ereignisse von Ihrer Position ab, dass Sport eine Kraft für den Frieden sein kann und sein muss?

Ogi: Ganz und gar nicht. Wenn ich zum Beispiel an Nordafrika denke: Von Ägypten bis Algerien sind alle Länder fussballverrückt. Da könnte man ein richtiges Friedensprojekt aufbauen, wenn sich die Fifa, die Uefa, das Internationale Olympische Komitee (IOC) und die Politik vor allem über die UNO intensiver anstrengen würden. Man kann mit Sport für die Entwicklung und den Frieden viel erreichen. Aber es braucht Leute, die das anstossen. Es braucht Überzeugungsarbeit, Willen und Ausdauer. Aber vor allem Leidenschaft. Ich war sieben Jahre in dieser Position und habe gesehen, was möglich ist. Mein Nachfolger hat offensichtlich andere Prioritäten.

Was ist die Stärke des Sports?

Ogi: Als ich bei der UNO war, verkündete Generalsekretär Kofi Annan den dringenden Appell für eine friedlichere, bessere Welt. Dafür müssen Politik, Wirtschaft, Religion und Wissenschaft zusammenspielen. Aber es fehlt ein Glied: der Sport. Denn die Jugend von heute stellt die Führer von morgen.

Wie meinen Sie das?

Ogi: Sport ist eine Lebensschule. Meiner Meinung nach die beste. Man lernt, sich zu integrieren, mit Niederlagen, Gegnern und Siegen umzugehen. Man muss Schiedsrichterentscheide akzeptieren lernen. Erfahren, wie Charakter und Charisma auf eine rote Karte reagieren. Das sind elementarste Voraussetzungen, um sich im Leben zurechtzufinden. Jedes Kind zwischen 5 und 15 Jahren sollte die Möglichkeit haben, Fehler zu machen, ohne dass das bleibende Auswirkungen auf die Schule oder das spätere Berufsleben hat. Wo kann man das, wenn nicht im Sport?

Mit dieser Sicht sind Sie auch auf viel Skepsis gestossen.

Ogi: In Afrika, Asien und Südamerika, bei Ländern und Gemeinschaften, die von Gewalt betroffen sind, hat man das sehr gut aufgenommen. In der Schweiz hat man darüber gelächelt. Als ich meinen Bericht 2005 mit Roger Federer an meiner Seite der UNO präsentierte, hat das etwas ausgelöst. Die Fifa hat mittlerweile ein Entwicklungsprogramm, das IOC ist jetzt ebenfalls aktiv, und die Uefa setzt Bussengelder für Entwicklungsprojekte ein. Der Sport entfaltet seine Wirkung über die Jugend und den Basissport. Nicht bei Länderspielen. Mit Feuer und Temperament muss man das den Staatsoberhäuptern und Diplomaten leidenschaftlich klarmachen.

Es braucht einen Mann wie Sie an der Spitze.

Ogi: Das sagen Sie. Dazu kann ich nicht Ja oder Nein sagen. Als ich Sonderbe­rater war, gründete ich zusammen mit dem heutigen Präsidenten des Internationalen Roten Kreuzes die «Group of friends for sport» am UNO-Sitz in New York. Das waren jeweils rund 40 bis 60 Botschafter, alles ehemalige Sportler, die wir regelmässig einluden, und ich habe die als Kandersteger mit meinem Englisch von den Projekten und Möglichkeiten überzeugt. Das gab viel Goodwill. Auch für die Schweiz! Ich habe geweibelt, um den Erfolg der Resolution zum Sport für Frieden und Entwicklung zu sichern. Diese Überzeugungsarbeit war vielleicht meine Stärke. Da konnte ich wirken.

Wo haben Sie konkrete Resultate Ihrer Projekte gesehen?

Ogi: Zum Beispiel in Medellín. Der Ort in Kolumbien galt als die gefährlichste Stadt der Welt. Wir haben mit einer deutschen Universität ein Projekt auf die Beine gestellt, ein Fussballturnier. In jeder Mannschaft mussten mindestens zwei Mädchen spielen, und das erste Goal musste von einem Mädchen erzielt werden. Am Schluss zählte nicht nur das Resultat allein, sondern auch das Verhalten wurde mit berücksichtigt. Ich war eine ganze Woche vor Ort. Leute, die sich in der Nacht beschossen, brachten am nächsten Morgen ihre Kinder zu diesen Spielen. Am Anfang brauchte es noch Polizisten und Militär für den Schutz der Veranstaltung. Aber am Schluss war das nicht mehr nötig. Ich bin ja ein Mann aus dem Winter und der Kälte, aber da wurde es mir warm ums Herz. Zwei Jahre später traf ich den Bürgermeister von Medellín wieder, am WEF in Davos. Er erzählte mir, dass seine Stadt viel friedlicher geworden sei und nicht mehr nach jeder Nacht Todesopfer zu beklagen seien.

Und gleichzeitig steckt bei emotionalen Partien mit nationalistischem Rahmen ein ungeheures Gewaltpotenzial im Fussball.

Ogi: Man darf den Fussball nicht nur verurteilen. Es braucht einen enormen Willen, um sich von der Politik zu entfernen und einfach nur zu spielen. Es finden jeden Tag Tausende Spiele auf der ganzen Welt statt, ohne dass etwas passiert. Der Fussball hätte eine enorme Kraft, etwas zu bewirken. Aber das wird zu wenig genutzt. Was in Belgrad passiert ist, war fatal und sehr schlecht für den Sport – vor allem den Fussball. Ich hoffe, die Uefa wird harte Strafen aussprechen.

Kann sich der Sport überhaupt ganz von der Politik lösen?

Ogi: Schwierig. Die Sportverbände können nicht sagen, sie brauchen die Politik nicht. Denn diese setzt den Rahmen für die Spiele. Im Moment setzt man auf globaler Ebene auf grosse Figuren, die Projekte von null auf hundert aus dem Boden stampfen. Nehmen wir Wladimir Putin und die Spiele in Sotschi. In Sotschi gab es praktisch nichts. Aber Putin trat an das IOC heran und sagte: Ich bezahle, ich baue, ich garantiere, und es klappt. Das IOC vertraute auf sein Wort. Ich war in Sotschi. Das waren hervorragende Spiele. Aber das IOC schaffte sich ein neues Problem. Wegen der explodierenden Kosten und der Auflagen wollen weder Norwegen, Schweden, Deutschland, Österreich noch die Schweiz Olympische Winterspiele. Die Vergabe der Spiele an Sotschi war ein Eigentor für das IOC. Ich hoffe und bin überzeugt, dass IOC-Präsident Bach einen Weg aus diesem Dilemma im Dezember am Kongress in Monte Carlo finden wird. Ein Vorschlag wäre die Vergabe von Winterspielen ab 2026 an ein ganzes Land und nicht nur an eine einzelne Stadt.

Im Zusammenhang mit dem Ukraine-Konflikt wird Wladimir Putin stark kritisiert. 2018 wird die WM in Russland stattfinden. Ein Problem?

Ogi: Sepp Blatter sollte nach Moskau gehen und die problematische Situation für die Fifa erklären. Stellen Sie sich vor, wenn eine russische Beteiligung beim Abschuss des Zivilflugzeugs über der Ostukraine bestätigt wird. Mit 298 Toten, die grosse Mehrheit Holländer. Selbst wenn die Mithilfe nur passiv war. Dann glaube ich, dass die holländische Nationalmannschaft nicht an diese WM fahren wird. Das sind enorme Probleme für die Fifa. Blatter muss das antizipieren und sein Möglichstes tun. Putin braucht ja den Sport.

Vor grossen Turnieren spricht man immer wieder über Boykotte. Bringt das etwas?

Ogi: Die meisten Leute sagen Nein, weil letztlich nur die Sportler bestraft werden. Das stimmt grundsätzlich. Aber man muss sich nur die grossen Boykottspiele anschauen. 1980 in Moskau und 1984 in Los Angeles. Das blieb sicher nicht ohne Wirkung. Die Boykotte waren Thema Nummer eins dieser Spiele.