GEBURTSHILFE: Weshalb es immer mehr Kaiserschnitte gibt

Der Anteil an Kaiserschnitt-Geburten steigt kontinuierlich an. Was genau die Popularität der Schnittgeburt ausmacht, ist umstritten: Dazu sechs Thesen mit den Antworten zweier Fachleute.

Annette Wirthlin Annette Wirthlin Annette Wirthlin
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Ein Arzt untersucht in der Frauenklinik das Baby nach einem Kaiserschnitt. (Bild: Archiv / Neue LZ)

Ein Arzt untersucht in der Frauenklinik das Baby nach einem Kaiserschnitt. (Bild: Archiv / Neue LZ)

Im schweizerischen Durchschnitt gebären derzeit 33,3 Prozent, also ein Drittel aller Frauen, per Kaiserschnitt. Im Spitzenreiterkanton Zug sind es sogar 42,2 Prozent, der Kanton Jura bildet mit 16,7 Prozent das Schlusslicht. Wie immer, wenn die aktuellsten Zahlen zu dieser Thematik publiziert werden, geht an allen Fronten eine zumeist hochemotionale Diskussion los, und die verschiedensten Erklärungen werden herbeigezogen, um den Trend weg vom natürlichen Gebären zu begründen. Hier nehmen zwei Fachpersonen Stellung zu den am häufigsten geäusserten Thesen; Christoph Honegger, Chefarzt der Frauenklinik am Zuger Kantonsspital, und Doris Güttinger, Geschäftsführerin des Schweizerischen Hebammenverbandes.

These 1: Kaiserschnitte sind einfach die sicherere und risikoärmere Art zu gebären für Mutter und Kind.

Hebamme Doris Güttinger widerspricht dem vehement: «Diese These stimmt sicher nicht, obwohl sie oft so aufgestellt wird. Es gibt eine Studie, die gezeigt hat, dass, wenn der geplante Kaiserschnitt zu früh durchgeführt wird, Neugeborene oft Atemprobleme bekommen und deshalb doppelt so oft auf der Intensivstation behandelt werden müssen wie Kinder, die auf dem natürlichen Weg geboren wurden.» Auch für die Mutter sind die Risiken laut der Hebamme bei einem Kaiserschnitt höher als bei einer vaginalen Geburt: «Sie haben fast das doppelt so hohe Risiko für Folgeprobleme nach der Geburt, ein vielfach erhöhtes Risiko für eine Infektion und eine höhere Wahrscheinlichkeit einer Rehospitalisation.»

In Bezug auf die Mütter sieht es Mediziner Christoph Honegger ähnlich: «Für sie ist das Infektrisiko – etwa Wundinfekte oder Infektionen der Gebärmutter – beim Kaiserschnitt doppelt so hoch wie bei der vaginalen Geburt, obwohl man dazu sagen muss, dass die effektiven Zahlen immer noch sehr tief sind; weniger als eine Infektion auf hundert Kaiserschnitte.» Für das Kind ist der Kaiserschnitt aus Honeggers Sicht tatsächlich sicherer – aber nur in gewissen Sonderfällen, namentlich bei Steisslagen oder bei beeinträchtigter Versorgung des Kindes in der Gebärmutter. Denn, das weiss auch der Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe: «Nach Kaiserschnitt-Entbindungen werden beim Kind gehäuft Anpassungsstörungen der Atmung beobachtet.»

These 2: Die Gebärenden sind zunehmend «verweichlicht», sie wollen den Schmerzen einer natürlichen Geburt wenn irgend möglich ausweichen.

Für Doris Güttinger ist klar, dass dem nicht so ist. «Aus einer deutschen Studien weiss man», argumentiert sie, «dass nur 2 Prozent der Frauen sich vor der Geburt für einen Kaiserschnitt entscheiden, 60 Prozent erklären, dass ihnen von ärztlicher Seite dazu geraten wurde.» Aus Sicht des Schweizerischen Hebammenverbandes werden die Frauen beim Treffen des Entscheids oftmals nicht genügend aufgeklärt über die Vor- und Nachteile eines Kaiserschnitts.

Christoph Honegger erlebt die heutigen Gebärenden ebenfalls nicht als wehleidig. Er gibt jedoch zu bedenken: «Es gibt Frauen, die kommen vor lauter Angst in eine ernst zu nehmende Not.» Der Angst vor Schmerzen könne man heute auch ohne Kaiserschnitt gut begegnen, sagt er, und zwar mit einer rückenmarksnahen Regionalanästhesie (PDA). Wobei: «Auch eine PDA ist nicht schmerzlos, sondern nur schmerzarm.»

Ein Grossteil der Ängste habe jedoch weniger mit den Schmerzen selber zu tun, sondern mit den allfälligen Spätfolgen: etwa Beckenbodenverletzungen, Beeinträchtigungen der Kontinenz oder des Sexuallebens. «Diese Probleme können nach einer vaginalen Geburt tatsächlich auftreten, und es gibt keine Garantie, dass der Geburtsverlauf problemlos wird und nichts passiert. Würde ich einer ängstlichen Frau diesbezüglich eine falsche Sicherheit vorgaukeln und sie von ihrem Wunsch nach einem Kaiserschnitt abbringen wollen, würde das zwangsläufig zu Frustrationen führen.»

Auch Güttinger bestreitet nicht, dass es bei der vaginalen Geburt Risiken gibt. Sie betont aber, dass Inkontinenz keine Folge der vaginalen Geburt, sondern eine Spätfolge der Schwangerschaft im Allgemeinen sei und somit auch nach einem Kaiserschnitt auftreten könne.

These 3: Die Indikation für einen Kaiserschnitt wird immer weiter ausgedehnt, also man hält ihn schneller für medizinisch angezeigt als früher.

Doris Güttinger bejaht dies und verweist dabei auf die unlängst publizierte Antwort des Bundesrates auf das von einer Genfer SP-Ständerätin eingereichte Postulat «Zunahme von Kaiserschnitt-Geburten». «Auch der Bundesrat führt die Gründe für die hohen Kaiserschnitt-Raten auf die Ausdehnung der Indikation zurück und fordert Fachgesellschaften und Spitäler dazu auf», so Güttinger, «die aktuell angewendeten Indikationen kritisch zu überprüfen.»

Auch Christoph Honegger sagt: «Diese These hat was.» Er beobachtet, dass zunehmend Kaiserschnitt-Empfehlungen abgegeben werden – dies jedoch nicht aus geburtshilflichen Gründen, sondern aus anderweitig medizinischen Gründen, durch Spezialisten anderer Fachgebiete. Als Beispiele nennt er die Diskushernie oder den erhöhten Augendruck (Risiken bei zu starkem Pressen). «Wenn ein Spezialarzt gegenüber einer Schwangeren einmal seine Vorbehalte erwähnt hat, entsteht eine Verunsicherung, die man fast nicht mehr wegbringt.» So würde man dann auf der Geburtsabteilung auch lieber einmal mehr von einer natürlichen Geburt absehen, sagt Honegger, um dem voruntersuchenden Kollegen nicht in den Rücken zu fallen. «Wir verstehen schliesslich zu wenig von Augenleiden.»

Für Güttinger sind solche sogenannten Nebendiagnosen nicht der Grund für die Zunahme der Kaiserschnitt-Rate, denn diese habe es schon immer gegeben, und es sei unter den Fachleuten unumstritten, in solchen Situationen in Absprache mit der Frau einen Kaiserschnitt zu planen. «Bei mir erweckt diese Argumentation den Eindruck, dass der Schwarze Peter einfach einem anderen zugeschoben wird.» Für Güttinger ist die Art und Weise der Kommunikation ausschlaggebend: «Wenn man einer Schwangeren sagt, dass das Wohlergehen des Kindes nach dem errechneten Geburtstermin statistisch gesehen abnimmt, willigt eine Frau, die von der Schwangerschaft sowieso langsam genug hat, sicher relativ schnell ein, einen geplanten Kaiserschnitt durchführen zu lassen. Das Problem dabei ist, dass sie sich in diesem Moment der Nachteile dieses Entscheids nicht vollumfänglich bewusst ist.»

Honegger erwähnt noch eine weitere Situation, in der heute womöglich schneller auf den Kaiserschnitt zurückgegriffen wird: «Beim zweiten Kind ist die Schwelle zum Kaiserschnitt tiefer, wenn schon das erste auf diesem Weg auf die Welt kam, weil die Narbe an der Gebärmutter Probleme machen könnte bei einer normalen Geburt. Und da die Geburtenzahlen derzeit leicht am Steigen sind, steigt auch die Zahl der Zweitgebärenden.» Dem setzt Güttinger entgegen: «Gerade weil nach einem Kaiserschnitt die Risiken bei Folgegeburten erhöht sind, müsste der Entscheid für einen Kaiserschnitt beim ersten Kind umso sorgfältiger getroffen werden.»

These 4: Die Ärzte raten den Frauen vermehrt zu Kaiserschnitten, weil ihnen das höhere Einnahmen generiert.

Laut Doris Güttinger ist dies traurige Realität. Sie sagt: «Die bessere Entschädigung bei einem Kaiserschnitt im Vergleich zur Spontangeburt kann ein zusätzlicher Anreiz sein, mehr Kaiserschnitte durchzuführen.»

«Persönliche Bereicherungen kommen vor, seit es die Menschheit gibt», sagt auch Christoph Honegger unumwunden. Und davon seien Ärzte nicht per se ausgenommen, auch wenn er persönlich keinen solchen kenne. Er hoffe natürlich, dass sich alle seine Berufskollegen ethisch korrekt verhalten.

Punkto Kosten gibt er Folgendes zu bedenken: Die in den Spitälern anfallenden Kosten und der von der Gebärenden zu bezahlende Preis seien nicht ein und dasselbe. Wenn eine Normalgeburt rund 5000 Franken und ein Kaiserschnitt 8000 Franken koste, sei der Personal- und Zeitaufwand im Einzelfall nicht berücksichtigt. «Für eine normale Geburt kann locker eine 18-stündige Gebärsaalbelegung nötig sein, bei einem Kaiserschnitt ist im Idealfall in 20 Minuten alles vorbei.» Dies sei im Tarifsystem nicht richtig abgebildet, findet Honegger. «Man müsste die normale Geburt besser vergüten» – was übrigens auch Güttinger unterschreiben würde.

These 5: Es gibt in der Schweiz immer mehr einkommensstarke Schichten, die sich den «Luxus» Kaiserschnitt auch leisten können.

Dass die steigende Kaiserschnitt-Rate «ein gewisses gesellschaftliches Phänomen» darstellt, das im weitesten Sinne damit zu tun hat, sich «nicht ausliefern zu wollen», ist für Christoph Honegger unbestritten. Als «Luxus» möchte er den Kaiserschnitt jedoch nicht bezeichnet wissen – wenn schon als «wertvolle medizinische Errungenschaft». Er sagt: «Ein geplanter Kaiserschnitt ist eine extrem sichere OP geworden, aber von der Zahlungskraft der Patientin ist er sicher nicht abhängig.» Was man vielleicht sagen könne, sei, dass höher gebildete Frauen sich tendenziell mehr Gedanken machten und mehr Bedenken äusserten. «Aber auch dort gibt es immer Frauen, die hoch motiviert sind, sich auf ein natürliches Gebären vorzubereiten». Auch die Tatsache, dass Mütter heute durchschnittlich älter sind als auch schon, habe eher einen Einfluss auf die Kaiserschnitt-Rate als das Portemonnaie. Doris Güttinger nimmt zu dieser These nicht explizit Stellung und stimmt den Aussagen von Christoph Honegger zu.

These 6: Unsere zeitlich ausgelastete Gesellschaft hat ein steigendes Bedürfnis nach Planbarkeit – so auch beim Gebären.

Für Doris Güttinger ist dies klar einer der Gründe, weshalb immer mehr Kaiserschnitt-Geburten durchgeführt werden. Honegger differenziert: Auf Seiten der Frauen sei der Aspekt der Planbarkeit durchaus vorhanden. «Pärchen, bei denen beide Karriere gemacht haben und die jetzt sozusagen das ‹Projekt Kind› angehen, wollen auch hier oftmals planen und mitgestalten können.» Im Kanton Zug sei das möglicherweise noch ausgeprägter als im Jura. Auf Seiten der öffentlichen Spitäler, und bei einem solchen ist Honegger tätig, sei dies jedoch entschieden kein Thema: «Wir sind rund um die Uhr bereit, Geburten durchzuführen, auf welche Art auch immer.»

Dazu bemerkt Güttinger: «Ich gehe davon aus, dass vor allem die Klientel von Privatkliniken dazu tendiert, die Geburt per Kaiserschnitt zu planen, die Zahlen belegen dies ja auch. Darum freut es uns sehr, wenn öffentliche Spitäler eine vergleichsweise tiefe Kaiserschnitt-Rate ausweisen und so die natürlichen Geburten fördern.»