GEDENKTAG: «Man weiss, dass das Boot nicht voll war»

Die Schweiz hat im Zweiten Weltkrieg Tausende Flüchtlinge abge­wiesen. Obwohl man von den Massentötungen wusste.

Christoph Reichmuth, Berlin
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Ein Schweizer Soldat und ein deutscher Soldat posieren 1940 an der Grenze zum Jura. (Bild: Keystone)

Ein Schweizer Soldat und ein deutscher Soldat posieren 1940 an der Grenze zum Jura. (Bild: Keystone)

Es war eine mondlose, finstere Nacht, im November 1943. Paul Niedermann, 15 Jahre alt, ein Jude aus Karlsruhe, hat nach monatelanger Flucht quer durch Frankreich die Schweizer Grenze erreicht. Zusammen mit sieben Jugendlichen gelangt er illegal in die Schweiz. Stunden später in jener Nacht wird er aufgegriffen von der Polizei. Niedermann verbringt die erste Nacht im Genfer Kantonalgefängnis. Der junge Mann hat Angst: «Ich wusste ja nicht, was die Schweiz mit mir vorhatte», erinnert sich der heute 85-Jährige, «ich hatte Angst, zurückgeschickt zu werden, in die Hände der Nazis.» Es wäre sein sicherer Tod gewesen.

Doch Niedermann überlebt, kommt in ein Flüchtlingslager für Jugendliche bei Genf, bleibt hier bis zum Kriegsende. Zu diesem Zeitpunkt sind seine Eltern längst tot, 1942 ermordet im KZ Auschwitz.

Schweiz wusste von Juden-Morden

Europa erinnert sich an den 30. Januar 1933, den Tag, als Hitler die Macht ergriff. Am vergangenen Sonntag gedachte man auch der Opfer des Nationalsozialismus. Am 27. Januar 1945 wurde das KZ Auschwitz von den Sowjets befreit. Auch die Schweiz wagt dieser Tage den Blick zurück auf ein dunkles Kapitel der eigenen Geschichte.

Dokumente belegen, dass die Schweiz seit Frühjahr 1942 über die Massentötung der europäischen Juden informiert war. Dennoch ging im August 1942 vom Bundesrat die Order aus, Flüchtlinge an der Schweizer Grenze resolut zurückzuweisen – und nötigenfalls auszuweisen. Jenes Glück, das Paul Niedermann hatte, wurde vielen Juden nicht zuteil.

Grausige Rapporte von 1941

Das Schweizer Fernsehen machte am Sonntag diese Meldung publik, doch neu ist die Erkenntnis nicht. Aram Mattioli, Professor für Geschichte an der Universität Luzern, verweist unter anderem auf den im März 2002 veröffentlichten Bergier-Bericht, in dem die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg akribisch aufgearbeitet worden ist. Die Kommission hat in mehrjähriger Arbeit dokumentiert, dass Informationen über den Massenmord an den Juden bereits ab Ende 1941 an die Schweizer Regierung gelangten.

Vor allem Schweizer Diplomaten, etwa in Köln, Rom und Bukarest, berichteten von den grauenvollen Juden-Deportationen der Nazis. Im Mai 1942 liess der Schweizer Konsul in Köln, Franz-Rudolph von Weiss, dem Chef des militärischen Nachrichtendienstes der Schweiz Fotografien von Leichenbergen erstickter Juden vor Güterwaggons zukommen. Bereits im Dezember 1941 rapportierte von Weiss in einem Schreiben an den Bundesrat Erzählungen eines Bekannten, der das Warschauer Juden-Ghetto besucht hatte: «Leichen von Kindern und auch von Erwachsenen lagen auf der Strasse, von wo sie später von der Müllabfuhr abgeholt wurden. Ich wollte diesen Angaben zuerst selbstverständlich keinen Glauben schenken», so von Weiss. Ein weiterer Bekannter habe ihm später aber von ähnlichen Beobachtungen in den Ghettos von Lods und Minks erzählt. «Die dortigen Juden sterben vor Hunger buchstäblich wie Fliegen.»

«Berichte sind derart grässlich»

Auch Berichte deutscher Deserteure gingen an die offizielle Schweiz. Ein Protokoll eines deutschen Obergefreiten im April 1942 beschreibt eine Massenerschiessung von Juden in Osteuropa. Die Juden hätten ihr eigenes Grab schaufeln müssen, ehe sie sich danach in den Graben hineinlegen mussten «wie Sardinen in der Büchse». «Ein SS-Mann lief dann dem Graben entlang und streute mit einer Maschinenpistole hinein. Ohne Rücksicht darauf, ob alle tot waren, wurde dann die zweite Lage Juden hineingeworfen. Die Prozedur wurde so lange wiederholt, bis der Graben bis zum Rande hinauf angefüllt war.»

Obschon ihm diese Fakten bekannt waren, erteilte der Bundesrat die Weisung, ab August 1942 die Grenzen möglichst dichtzumachen. Die Verfügung des Bundesrates zur Grenzschliessung endet mit der Feststellung, dass «künftig also in vermehrtem Masse Rückweisungen von ausländischen Zivilflüchtlingen stattfinden müssen, auch wenn den davon betroffenen Ausländern daraus ernsthafte Nachteile (Gefahr für Leib und Leben) erwachsen könnten». Knapp zwei Wochen zuvor wurde der Bundesrat vor diesem Schritt in einem Schreiben von Robert Jezler gewarnt. Jezler war Stellvertreter des Chefs der eidgenössischen Fremdenpolizei, Heinrich Rothmund. Er schrieb am 30. Juli 1942: «Die übereinstimmenden und zuverlässigen Berichte über die Art und Weise, wie die Deportationen durchgeführt werden, und über die Zustände in den Judenbezirken im Osten sind derart grässlich, dass man die verzweifelten Versuche der Flüchtlinge, solchem Schicksal zu entrinnen, verstehen muss und eine Rückweisung kaum mehr verantworten kann.»

«Schweiz fürchtete sich»

Weshalb die Schweiz, die sich ihrer humanitären Tradition lobt, derart resolut jüdische Flüchtlinge abwies und damit deren Tod in Kauf nahm, versucht Aram Mattioli zu erklären. «Die Schweiz betrieb im Zweiten Weltkrieg eine restriktive Asylpolitik gegenüber jüdischen Flüchtlingen. Sie stellte eine absolut gefasste Staatsraison, in der das Überleben der Schweiz als Staat alles war, über humanitäre Überlegungen. Heute weiss man, dass das Boot nicht voll war.» Diese Einschätzung teilt auch Mattiolis Kollege Patrick Kury vom Historischen Institut an der Universität Bern. «Die Schweiz fürchtete sich in der damaligen Zeit vor Überfremdung. Seit der Zeit des Ersten Weltkrieges war die oberste Doktrin der Fremdenpolizei, den Ausländeranteil in der Schweiz zu reduzieren. Die Juden galten dabei als unerwünschte Ausländer», so Kury. Ein Blick auf die Statistik zeigt, dass die Schweiz durchaus mehr Flüchtlinge hätte aufnehmen können: Vor dem Ersten Weltkrieg lag der Ausländeranteil in der Schweiz bei rund 14 Prozent, 1941 lag er noch bei 5,1 Prozent – noch nie zuvor war der Ausländeranteil so tief, als die Schweiz die Grenzen dichtmachte. Die Schweiz lockerte ihre restriktive Politik gegenüber Juden erst im Spätherbst 1943. Erst im Juli 1944 wurde die Weisung erteilt, alle an Leib und Leben gefährdeten Zivilpersonen aufzunehmen, also Juden als Flüchtlinge offiziell anzuerkennen. Insgesamt fanden etwa 300 000 Menschen während des Zweiten Weltkrieges Zuflucht in der Schweiz, etwa 30 000 davon waren Juden. Tausende wurden bis Kriegsende weiterhin abgewiesen.

Kritik an Maurer aus Deutschland

Angesichts dieser Tatsache löste Bundespräsident Ueli Maurer diese Woche Befremden aus, als er in einer Botschaft am Sonntag die fehlgeleitete Flüchtlingspolitik der Schweiz mit keinem Wort erwähnte und stattdessen die Schweiz als Land lobte, das im Zweiten Weltkrieg für «viele Bedrohte und Verfolgte zur rettenden Insel» geworden sei. Nicht nur jüdische Organisationen kritisieren Maurer für diese verkürzte Wiedergabe der Realitäten. Auch bei den Historikern Kury und Mattioli stösst Maurer auf Unverständnis. «Ueli Maurer blendet wissentlich oder in Unkenntnis wesentliche Fakten aus. Sein Geschichtsbild ist längst überholt», sagt Kury. Und Mattioli fügt hinzu: «Die Rede von Bundespräsident Maurer war sehr einseitig. Die Rede muss rein wissenschaftlich gesehen als wenig informiert bezeichnet werden.»

Selbst in Deutschland sorgte das Schreiben des Bundespräsidenten zum Holocaust-Gedenktag für Kopfschütteln. «Ich habe mich über die Worte des Schweizer Bundespräsidenten gewundert. Das hat mich und viele meiner Kollegen irritiert», sagt Michael Wildt, Experte für nationalsozialistische Geschichte an der Humboldt-Universität in Berlin. Die Fakten würden ja belegen, dass die Zeit des Zweiten Weltkrieges «kein Ruhmesblatt der Schweizer Geschichte» war.

«Das hat mir das Leben gerettet»

Paul Niedermann lebt heute in der Nähe von Paris, just an diesem Mittwoch war er wieder als Zeitzeuge in einer Schule unterwegs, um von den Gräueltaten zu erzählen. «Man muss die Erinnerung daran wachhalten», sagt er. Der Schweiz ist er dankbar, dass sie ihn damals aufgenommen hat – auch wenn viele andere Juden bei uns keinen Schutz gefunden haben. «Dass ich nicht zurückgeschickt worden bin nach Frankreich, hat mir das Leben gerettet.»

Hinweis

Originaldokumente sind hier einsehbar: www.dodis.ch