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Geld bei Zugverspätungen: Neue Regeln kommen schlecht an

Nur wenige Bahnfahrer profitierten von der neuen Entschädigungsregelung, kritisieren Konsumentenschützer. Nun fordert die SP: Geld soll es auch dann geben, wenn sich kürzere Verspätungen häufen.
Sven Altermatt
Die Entschädigung für Bahnreisende sei ungenügend, kritisieren Konsumentenschützer. (Bild: Keystone)

Die Entschädigung für Bahnreisende sei ungenügend, kritisieren Konsumentenschützer. (Bild: Keystone)

Zeit ist Geld. Wer im Zug eine Verspätung hinnehmen muss, darf diesen Spruch künftig wörtlich nehmen. Neu sollen Passagiere nämlich Anrecht auf eine Entschädigung haben. Bisher hinkte die Schweiz der Europäischen Union hinterher. Heute erhalten Reisende höchstens eine kleine Aufmerksamkeit. Die Verkehrsbetriebe verteilen «Sorry-Bons», Kaffeegutscheine oder Süssigkeiten. Alles freiwillig.

Nun stehen die Zeichen auf Harmonisierung. In der «Verordnung über die Organisation der Bahninfrastruktur» zimmerte der Bundesrat eine Regelung, die sich an jener der EU orientiert. Bei Verspätungen von über einer Stunde am Zielort sollen Reisende mindestens einen Viertel des Billettpreises zurückerhalten, bei Verspätungen von mehr als zwei Stunden die Hälfte.

Die Vernehmlassung zu den neuen Regeln ist erst gerade zu Ende gegangen. Doch schon jetzt ist klar: Konsumentenschützer und Passagiervertreter sind gar nicht zufrieden. Nur die wenigsten profitierten von den neuen Regeln, kritisieren sie unisono. Tatsächlich liegt der Teufel im Detail.

Dass es in der kleinräumigen Schweiz mit ihrem Taktfahrplan selten zu Verspätungen von mehr als einer Stunde kommt und nach einer halben Stunde meist schon der nächste Zug folgt, ist das eine. Das andere ist, dass nur Entschädigungen ab einem Betrag von zehn Franken ausbezahlt werden.

Geld gibt es nur bei langen Reisestrecken

Die Latte liegt damit hoch: Ein Billett muss 40 Franken oder mehr kosten, bevor ein Reisender bei einer Verspätung von ein bis zwei Stunden überhaupt eine Entschädigung bekommt.

Der Verkehrs-Club der Schweiz (VCS) kritisiert:

«In den Genuss von Fahrpreisentschädigungen kommen de facto nur Reisende, die entweder ohne Halbtax oder in der ersten Klasse unterwegs sind.»

Von einer «unbrauchbaren Regel» spricht die Stiftung für Konsumentenschutz.

Die Organisationen verweisen auf die häufigste Reiseart. Wer mit einem Halbtax in der zweiten Klasse unterwegs ist, kommt mit einem einfachen Billett kaum je auf den Mindestbetrag. Nur ganz wenige Fahrten im Fernverkehr kosten mehr als 40 Franken. «Für diesen Preis fahren Halbtax-Berechtigte in der zweiten Klasse knapp 300 Kilometer», rechnet die Interessengemeinschaft öffentlicher Verkehr vor.

Sind die neuen Passagierrechte ein Papiertiger? Dem Bundesrat geht es darum, «den Aufwand für die Transportunternehmen in einem angemessenen Rahmen zu halten». Die Bestimmungen will er als minimalen Rahmen verstanden wissen. Den Bahnen stünde es frei, grosszügigere Lösungen anzubieten, betont das Bundesamt für Verkehr.

Zum Vergleich: Auch in EU-Ländern gibt es ab einer Stunde Verspätung einen Viertel des Billettpreises zurück. Entschädigungen werden jedoch bereits ab vier Euro ausbezahlt, was einem Billett von 16 Euro entspricht. Daran müsse sich die Schweiz orientieren, fordern die Fürsprecher der Konsumenten. Geht es nach ihnen, soll die Limite für Entschädigungen bereits bei fünf Franken angesetzt werden.

SP will Geld bei wiederholten Verspätungen

Einen neuen Vorschlag bringen die Sozialdemokraten ins Spiel. Die Partei von Verkehrsministerin Simonetta Sommaruga verlangt eine zusätzliche Regelung. Entschädigungen soll es auch dann geben, wenn Reisende wiederholt mit Verspätungen von mehr als einer Viertelstunde konfrontiert sind.

Edith Graf-Litscher, Nationalrätin (SP/TG). (Bild: Keystone)

Edith Graf-Litscher, Nationalrätin (SP/TG). (Bild: Keystone)

Damit werde man den hiesigen Verhältnissen besser gerecht, findet SP-Nationalrätin Edith Graf-Litscher. «In der Schweiz sind massive Verspätungen sehr selten. Was viele Reisende wirklich ärgert, sind kürzere Verspätungen, die sich über einen gewissen Zeitraum anhäufen.» Wichtig sei eine stabile Betriebslage.

Über ein entsprechendes System verfügen einige europäische Staaten. Im digitalen Zeitalter sei ein solches dank Apps und Online-Anträgen pro­blemlos umsetzbar, ist Graf-Litscher überzeugt. Die Präsidentin der nationalrätlichen Verkehrskommission verweist auf Belgien; ein Land, das grössenmässig mit der Schweiz vergleichbar ist. Bahnfahrer haben dort Anspruch auf eine Entschädigung, wenn sie innert sechs Monaten 20 Verspätungen von mehr als 15 Minuten oder zehn Verspätungen von mehr als 30 Minuten nachweisen können.

Die Reisenden könnten im Netz oder an einem Schalter die betroffenen Fahrten in einem Formular eintragen, heisst es bei der belgischen Eisenbahngesellschaft SNCB. Ihre Billette sollten sie aufbewahren und im Fall der Fälle vorweisen können.

Auch Abo-Besitzer werden für angehäufte Verspätungen entschädigt. Teils werden ihre Fahrten digital erfasst, teils können sie diese auf Vertrauensbasis selbst deklarieren. Als Basis für die Entschädigungen wird der Tageswert eines Abo verwendet – ein ähnlicher Mechanismus ist auch in der Schweiz denkbar (siehe Zweittext unten).

Das Verkehrsdepartement wertet derzeit die Stellungnahmen aus der Vernehmlassung aus. Danach entscheidet der Bundesrat, wie die neuen Passagierrechte definitiv ausgestaltet werden. Die Regeln sollen im Sommer 2020 in Kraft treten.

Auch GA-Besitzer werden entschädigt

Wie werden Besitzer von Generalabos oder anderen Abos entschädigt? Sie sollen eine «angemessene Entschädigung» verlangen können, wenn sie wiederholt von Ausfällen oder Verspätungen betroffen sind, hält der Bundesrat dazu lediglich fest. Der Ball liegt deshalb bei den Verkehrsbetrieben. Eine Arbeitsgruppe ihrer Tariforganisation CH-Direct hat die Stossrichtung vorgespurt. Demnach soll bei einer Verspätung von mehr als 60 Minuten am Zielort der Tageswert eines Abos als Ansatz verwendet werden. Der Besitzer eines Zweitklass-GA (3860 Franken) würde demnach beispielsweise einen Tagesansatz von 10.55 Franken erhalten.

Der Ansatz pro Geltungstag soll auch für Strecken- und Verbundabos verbindlich sein. Als Mindestbetrag für eine Auszahlung sind ebenfalls zehn Franken vorgesehen. Um Missbrauch vorzubeugen, soll eine Obergrenze von fünf Prozent des Abowertes festgelegt werden. Reisende müssten lediglich glaubhaft machen können, dass sie von einer Verspätung betroffen waren, erklärt der Bund. Laut der Branchen-Arbeitsgruppe soll ein «weicher Nachweis» reichen, etwa eine Kaufquittung vom Ankunftsort. Die Verkehrsunternehmen wollen eine zentrale Anlaufstelle für die Kunden schaffen. (lob)

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