GELDSEGEN: Grosszügige Pharmaindustrie: 153 Millionen Franken für Ärzte und Spitäler

Über 150 Millionen Franken bezahlten Pharmakonzerne vergangenes Jahr an Fachleute und Organisationen des Gesundheitswesens. Wer wofür Geld bekam, ist nicht immer ganz klar.

Lukas Leuzinger
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Pharmaunternehmen schütten jährlich 14 Millionen Franken an Fachpersonen – meist Ärzte – aus. (Bild: Christian Beutler/KEY)

Pharmaunternehmen schütten jährlich 14 Millionen Franken an Fachpersonen – meist Ärzte – aus. (Bild: Christian Beutler/KEY)

Lukas Leuzinger

Beratungshonorare, Kursgebühren, Reisekosten, Hotelübernachtungen: Für all das erhalten Ärzte Geld von Pharmaunternehmen. Auch Spitäler, medizinische Fachgesellschaften oder Patientenorganisationen werden unterstützt, sei es für konkrete Leistungen, sei es in Form von Spenden. Vergangenes Jahr gaben Pharmakonzerne in der Schweiz auf diese Weise insgesamt 153 Millionen Franken aus, wie der Branchenverband Scienceindustries auf seiner Webseite schreibt. Zum Vergleich: In der Schweiz werden pro Jahr rund 10 Milliarden Franken für Medikamente ausgegeben, was 13 Prozent der gesamten Gesundheitskosten entspricht.

Der grösste Teil der Zahlungen, nämlich 90 Millionen, floss an Organisationen; knapp 50 Millionen gaben die Unternehmen für Forschung und Entwicklung aus, ohne genaue Angabe der Empfänger. Mit 14 Millionen deutlich weniger erhielten Fachpersonen – im Wesentlichen Ärzte. Es ist das zweite Mal, dass Scienceindustries diese Zahlen veröffentlicht. Gegenüber 2015 ist die Gesamtsumme um über 10 Prozent gestiegen.

Beschränkte Transparenz

Der Anstoss zur Offenlegung kam von aussen. In den USA wurden mit dem «sunshine act» 2010 die Pharmafirmen dazu verpflichtet, jegliche Zahlungen an Ärzte, Spitäler und andere Akteure im Gesundheitsbereich öffentlich zu machen. Damit sollte die Transparenz für Patienten gestärkt und Korruption vorgebeugt werden. Um einer ähnlich strengen Regulierung in der Europäischen Union zuvorzukommen, beschloss der Verband der europäischen Pharmaunternehmen EFPIA von sich aus, entsprechende Zahlungen grundsätzlich öffentlich zu machen. Die Schweizer Branchenverbände zogen mit; rund 50 Unternehmen verpflichteten sich 2013 mit dem «Pharma-Kooperations-Kodex» zur Transparenz.

Die so geschaffene Transparenz ist allerdings eine beschränkte. Denn die Empfänger müssen der Offenlegung zustimmen. Eine Auswertung der Berichte von zehn der grössten Pharmaunternehmen in der Schweiz zeigt: Ein Drittel der Ärzte, die Geld erhalten, wollen nicht, dass dies öffentlich gemacht wird. Bei den Organisationen sind es deutlich weniger (etwas mehr als 15 Prozent).

Hinzu kommt, dass selbst bei den Zahlungen, die transparent sind, eine unübersichtliche Situation herrscht. Denn jedes Unternehmen veröffentlicht seine Beiträge separat auf seiner Webseite. «Wenn man beispielsweise wissen will, von welchen Firmen der eigene Hausarzt Geld oder geldwerte Leistungen wie Medikamentenmuster erhält, muss man die Berichte von über 50 Firmen einzeln durchforsten», kritisiert Margrit Kessler, die Präsidentin der Patientenschutzorganisation SPO. «Wirklich transparent ist das nicht.»

Für den Gesundheitsökonomen Heinz Locher ist die unzureichende Transparenz bezeichnend. «Es fehlt bei den meisten Akteuren im Gesundheitswesen das Problembewusstsein», stellt er fest. Zahlungen von Pharmafirmen an Ärzte und Spitäler sind seiner Ansicht nach generell heikel, weil sie die Unabhängigkeit der Empfänger beeinträchtigen könnten. «Es ist fraglich, ob ein Arzt ein Medikament gleich kritisch beurteilt, wenn er von der Herstellerfirma finanzielle Zuwendungen erhält.» Für Margrit Kessler sind Zahlungen von Pharmafirmen nur gerechtfertigt, «wenn sie an eine Leistung gebunden sind». Zudem sollte ein Arzt nie von einer einzelnen Firma abhängig sein. «Ansonsten besteht das Risiko, dass der Arzt nicht das Medikament verschreibt, welches das beste für den Patienten ist, sondern das Produkt der Firma, mit der er zusammenarbeitet.»

Ärzte verweisen auf Richtlinien

Aus Sicht des Ärzteverbands FMH liegt die Zusammenarbeit zwischen Pharmaindustrie und Medizin hingegen «im Interesse einer guten Gesundheitsversorgung». Der Wahrung der Unabhängigkeit der Ärzte sollen unter anderem Richtlinien dienen, welche die Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) in Zusammenarbeit mit der FMH erstellt hat. Darin steht etwa, dass Referentenhonorare angemessen sein sollen und dass Ärzte oder ihre Arbeitgeber mindestens einen Drittel der Kosten für Weiterbildungen selbst bezahlen sollen.