GENERATIONEN: Jung und Alt helfen sich gerne

Die Solidarität zwischen erwachsenen Kindern und Eltern ist in der Schweiz intakt. Unter anderem, weil sie einander auf freiwilliger Basis helfen.

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Peter Häusermann (65) spielt bei sich zu Hause in Immensee mit seinen Enkelsohn Tim (3). (Bild: Philipp Schmidli)

Peter Häusermann (65) spielt bei sich zu Hause in Immensee mit seinen Enkelsohn Tim (3). (Bild: Philipp Schmidli)

Jung finanziert Alt – zum Beispiel bei der Krankenkasse und der Altersvorsorge. Auf das konkrete Familienleben hat diese Tatsache, die regelmässig heftige politische Kontroversen auslöst, indes keine negativen Auswirkungen. «Die empirische Forschung zeigt: Die Beziehung erwachsener Kinder zu ihren Eltern ist in der Schweiz so gut wie noch nie», sagt François Höpflinger, emeritierter Professor für Soziologie an der Universität Zürich. Auch im europäischen Vergleich stehe die Schweiz gut da.

Dass die Generationensolidarität intakt ist, legt auch eine aktuelle Erhebung des Bundesamtes für Statistik nahe, für die 17 288 Personen befragt wurden. So finden zum Beispiel 64 Prozent der Männer und 55 Prozent der Frauen, Eltern sollten ihre erwachsenen Kinder bei finanziellen Schwierigkeiten unterstützen. 62 Prozent der Männer und 52 Prozent der Frauen sind überzeugt, dass umgekehrt auch erwachsene Kinder ihren Eltern bei Geldnöten beistehen sollen. Am geringsten fällt die Zustimmung für solche Hilfeleistungen bei den 45- bis 64-Jährigen aus (siehe Grafik). Es handelt sich dabei um die sogenannte «Sandwich»-Generation, die ihr Portemonnaie gleichzeitig für die Eltern und die Kinder öffnen müsste. François Höpflinger überrascht dies nicht. «Normative Vorstellungen befürwortet man dann, wenn man selber nicht davon betroffen ist», sagt er.

Tessiner an der Spitze

Mit Abstand am meisten Unterstützung findet das Postulat nach gegenseitiger finanzieller Unterstützung bei den Tessinern. Für den Alterssoziologen François Höpflinger ist klar, dass der Südkanton in dieser Frage die kulturellen Normen Italiens übernimmt. Dort ist die Vorstellung, dass man sich bei finanziellen Problemen innerhalb der Familie aus der Patsche hilft, stärker verbreitet als in der Schweiz. Laut Höpflinger bedeutet das aber nicht, dass sich Eltern und Kinder im Süden besser verstehen. Ein sozialer Zwang zur Unterstützung könne das Klima auch belasten. «Die Generationenbeziehungen sind vor allem dann gut, wenn die gegenseitige Hilfe auf freiwilliger Basis geschieht», sagt Höpflinger.

Man pocht auf Unabhängigkeit

Im Bereich der Pflege lassen die Daten des Bundesamtes für Statistik auf den ersten Blick den Schluss zu, dass es mit der Solidarität nicht weit her ist. Nur ein Drittel der Männer und ein Viertel der Frauen sind der Ansicht, dass Kinder ihre pflegebedürftigen Eltern bei sich aufnehmen sollten. Für Höpflinger ist dies jedoch kein Indiz für einen Generationenkonflikt. «In der Schweiz herrscht die Vorstellung, dass jede Generation für sich selber sorgt und die Alterspflege eine staatliche Aufgabe ist», sagt er. Dieses Muster habe sich bereits im 16. Jahrhundert abgezeichnet, als erste Bürgerheime errichtet wurden. «Dass mehrere Generationen im gleichen Haushalt wohnen, ist in der Schweiz gesellschaftlich nicht akzeptiert.»

Interessanterweise sehen ausgerechnet die 65- bis 80-Jährigen, die am ehesten auf Pflege angewiesen ist, ihre Kinder am wenigsten in der Pflicht. Nur 16 Prozent finden, der Nachwuchs solle sich in diesem Fall um sie kümmern. François Höpflinger erstaunt dies nicht: «Einerseits wollen sie ihren Kindern nicht zur Last fallen. Andererseits wollen sie auch ihre Unabhängigkeit bewahren.»

In südeuropäischen Ländern präsentiert sich ein anderes Bild. In Italien etwa sind die Kinder sogar von Gesetzes wegen verpflichtet, ihre Eltern zu pflegen. Dies führt aber nicht zu einem besseren Verständnis zwischen Jung und Alt. Im Gegenteil. «In der Schweiz und in skandinavischen Ländern, in denen sich primär der Staat um die Alterspflege kümmert, sind die Generationenbeziehungen besser», sagt Höpflinger. Kleine Alltagsdienstleistungen würden auf freiwilliger Basis gerne ausgeführt – so etwa das Ausfüllen der Steuererklärung oder das Organisieren der Spitex.

Hütedienst für 2 Milliarden Franken

Umgekehrt engagieren sich Grosseltern in nordischen Staaten und auch in der Schweiz häufiger bei der Betreuung ihrer Enkelkinder als Grosseltern in südlichen Ländern. In der Schweiz hüten fast ein Viertel der Grosseltern regelmässig ihre Enkelkinder. «Diese Entlastung ist für erwerbstätige Eltern sehr wichtig», sagt Höpflinger. Für die Grosseltern biete die Betreuung viele Chancen. «Sie können die Beziehung zu ihren Kindern stärken und haben intensiven Kontakt mit ihren Enkeln, ohne dass sie für sie die Verantwortung tragen müssen», so Höpflinger. «Und sie bleiben jung im Geist.» Übrigens: Gemäss Berechnungen des privaten Forschungsinstituts Büro Bass in Bern beträgt der Wert des grosselterlichen Hütedienstes jährlich rund 2 Milliarden Franken – Alt erspart Jung also Krippenkosten.

Kari Kälin

Die Grossväter holen auf

24 Prozent der Grosseltern hüten regelmässig die Töchter und Söhne ihrer Kinder. In einer aktuellen Erhebung zum Thema Familien und Generationen hat das Bundesamt für Statistik (BFS) dabei Unterschiede zwischen Grossmüttern und Grossvätern herausgefunden. Wenn das jüngste Enkelkind jünger als 6-jährig ist, engagieren sich Grossmütter (29 Prozent) deutlich stärker als die Grossväter (15 Prozent). Wenn die Enkelkinder zwischen 6 und 12 Jahre alt sind, leisten Grossmütter und Grossväter hingegen praktisch genau gleich viel Betreuungsarbeit. «Es findet eine Aufwertung der Grossväter statt», sagt der Zürcher Alterssoziologe François Höpflinger. Sie würden häufig etwas nachholen, was sie bei ihren eigenen Kindern verpasst hätten.

Von einer Gratisbetreuung profitieren 27 Prozent der Eltern. 20 Prozent wählen eine Mischform zwischen bezahlter und unbezahlter externer Betreuung. 21 Prozent nutzen ausschliesslich Hütedienste, für die sie zahlen müssen. 32 Prozent der Eltern schliesslich erziehen ihren Nachwuchs ohne externe Betreuung.

Stadt-Land-Graben

Grosse Unterschiede in der Betreuung existieren zwischen urbanen und ländlichen Gebieten. Der Anteil der Familien, die in Grossstädten überhaupt keine familienexternen Betreuungsangebote nutzen (22 Prozent), liegt viel tiefer als in ländlichen Regionen (34 Prozent).