GENF: «Die Kriege haben sich verändert»

Immer mehr Konflikte stellen das Rote Kreuz vor gänzlich neue Herausforderungen. Die Vizepräsidentin möchte deshalb das humanitäre Völkerrecht aktualisieren.

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Pflegt Kontakte vor Ort: Christine Beerli, Vizepräsidentin des Roten Kreuzes, im Sommer 2009 in Kenia. (Bild: IKRK)

Pflegt Kontakte vor Ort: Christine Beerli, Vizepräsidentin des Roten Kreuzes, im Sommer 2009 in Kenia. (Bild: IKRK)

Täglich erreichen uns Schreckensmeldungen aus Krisengebieten. Und dies, obwohl es auf der Welt «offiziell» keinen offenen kriegerischen Konflikt zwischen zwei Staaten gibt. Die letzten Jahre zeigen, dass gewaltsame Auseinandersetzungen häufiger zwischen bewaffneten Gruppierungen innerhalb von Landesgrenzen stattfinden. Dieser Trend erschwert nicht nur Vermittlungsbemühungen der internationalen Staatengemeinschaft. Auch das Rote Kreuz steht häufiger vor diffusen Fronten und muss um die Sicherheit seiner Mitarbeiter fürchten. Derzeit beispielsweise in Mali.

Das Rote Kreuz ist in Mali aktiv. Was können Ihre Mitarbeiter ausrichten – mitten im derzeitigen Konflikt?

Christine Beerli: Wir sind schon längere Zeit in Mali. Die Unruhen mit den aufständischen Tuareg wurden durch Dürreperioden und Lebensmittelknappheit verschärft. Als die Auseinandersetzungen eskalierten und die französischen Truppen eingriffen, mussten wir unsere Hilfe also nicht «aus dem Nichts» organisieren. Wir konnten seit Jahren das Vertrauen der Bevölkerung aufbauen. Im Norden des Landes, wo die Gefechte und Bombardierungen stattfinden, haben sich die meisten Hilfsorganisationen zurückgezogen. Da unser Personal gut vernetzt ist, können wir bleiben.

Was machen Ihre Mitarbeiter dort?

Beerli: Wir haben medizinisches Personal wie etwa Chirurgen und Anästhesisten im Einsatz, um Verletzte zu versorgen, bereiten aber auch Nahrungsmittelhilfen vor und kümmern uns um Vertriebene.

Die Franzosen geben spärlich Auskunft über Opferzahlen. Wie gross ist der Andrang in Ihren Spitälern?

Beerli: Wir verzeichnen aktuell keinen riesigen Strom von Verletzten. Es sind ein paar hundert. Wir gehen aber davon aus, dass diese Zahl zunehmen wird. Darum planen wir, das Team im Norden zu verstärken.

Wie sicher sind Ihre Leute?

Beerli: Die Lage ist angespannt, und es ist eine schwierige Gratwanderung. Einerseits müssen wir dringend zur Not leidenden Bevölkerung, andrerseits gilt es, die Sicherheit der Mitarbeitenden nie aus den Augen zu verlieren. Derzeit sind rund 100 Leute in Mali im Einsatz.

Mali, Syrien, Afghanistan. Die Konflikte haben gemein, dass sich etliche bewaffnete Gruppierungen mit verschiedensten Interessen daran beteiligen. Inwiefern beeinflusst das die Arbeit des Roten Kreuzes?

Beerli: Um unabhängig, neutral und unparteiisch agieren zu können, müssen wir mit sämtlichen Gruppierungen einen strukturierten Dialog führen. Vernachlässigen wir eine Partei oder kennen sie nicht, kann das fatale Folgen haben.

Zum Beispiel?

Beerli: In Syrien etwa ist die Opposition zersplittert. Erst kürzlich wurde ein Hilfskonvoi in der Stadt Homs beschossen. Zwar hatten wir mit diversen Gruppierungen und der Armee vereinbart, dass unsere Fahrzeuge schadlos passieren dürfen, offenbar kam die Botschaft aber nicht überall an. Erschwerend kommt dazu, dass viele Gruppen nicht diszipliniert und hierarchisch organisiert sind.

Welchen Einfluss hat das auf Ihre Arbeit?

Beerli: Bei vielen Gruppen ist oft nicht klar, wer welche Befehle erteilt und kennt. Wir können nicht davon ausgehen, dass Männer an einer Strassensperre wissen, dass wir von jemand anderem freies Geleit zugesichert bekommen haben. Zudem ändern die Gruppierungen ihre Absichten teilweise von einem Tag auf den anderen. Organisierte, staatliche Armeen sind für uns berechenbarer.

Früher war ein Fahrzeug des Roten Kreuzes anerkannt neutral – der Beschuss ein Tabu. Haben sich die Regeln im Krieg geändert?

Beerli:Ja, das haben sie. Kriege sind heute oft asymmetrisch. Das heisst, eine staatliche, hochgerüstete Armee bekämpft Rebellen, die unkonventionelle Taktiken anwenden. Da kann es durchaus sein, dass von beiden Seiten medizinisches Personal umgebracht wird, um gezielt der Zivilbevölkerung zu schaden. Künftig werden zudem unbemannte Drohnen und Cyberware Konflikte mitprägen. Wir müssen uns darüber Gedanken machen, ob das geltende humanitäre Völkerrecht noch zeitgemäss ist und den neuartigen Konflikten genügend Rechnung trägt.

Immer wieder kommt die Idee auf, die Schweizer Armee, als Vertreterin eines neutralen Staates, könnte den Schutz der Mitarbeiter des Roten Kreuzes übernehmen.

Beerli: Das sind ehrenwerte Überlegungen. Wir lehnen aber bewaffnete Schutztruppen nach wie vor kategorisch ab.

Warum?

Beerli: Stellen Sie sich Schweizer Truppen vor, die in Mogadischu ein Spital beschützen. Für die Soldaten wäre das ein Himmelfahrtskommando. Das gilt im Übrigen häufig auch für UNO-Truppen. Soldaten werden als solche wahrgenommen und bieten deshalb immer eine Angriffsfläche. Wir hingegen brauchen Akzeptanz. Wenn wir sie nicht haben, ziehen wir uns zurück.

Sie sprechen UNO-Truppen an. Warum schliessen Sie den Schutz Ihrer Mitarbeiter durch Blauhelme aus?

Beerli:Die UNO wird in den betroffenen Ländern oft als Partei wahrgenommen. Damit wäre die für uns wichtige Neutralität und Unparteilichkeit korrumpiert. Die UNO hat selbst humanitäre Hilfsorganisationen. Immer wieder kommt es zu Situationen, in welchen diese Organisationen nicht ins Land gelassen werden. In Syrien etwa toleriert die Assad-Regierung die direkte Tätigkeit von UNO-Hilfswerken im Landesinnern nicht. Das gleiche ist aktuell auch in Mali der Fall. So ist es wichtig, dass das Rote Kreuz sich aus dem politischen Diskurs heraushält.

Mittlerweile gibt es Armeen, die selber humanitäre und medizinische Tätigkeiten entwickeln. Ist das lobenswert oder problematisch?

Beerli:Diese Tendenz verstärkt sich tatsächlich, ja. Dahinter steckt die Idee, die Herzen der Bevölkerung zu gewinnen. Wir können das nicht verhindern, aber es erschwert eigentlich unsere Arbeit. Es gab immer wieder Situationen, in welchen die humanitäre Hilfe als Tarnung für Informationsbeschaffung missbraucht wurde. Dabei schickte man etwa «Wasserbauingenieure» aufs Feld, die im Grunde für den Nachrichtendienst tätig waren. So kam einer unserer Ingenieure zu Tode. Man dachte, er sei ein Spitzel, das war fatal. Deswegen ist es immens wichtig, dass die Abgrenzung zwischen Militär und humanitärer Hilfe klar ist.

Blickt man auf die Liste Ihrer Geldgeber, fällt auf, dass die USA mit Abstand den grössten Teil beisteuert. Trotzdem sitzen nur Schweizer im obersten Gremium. Warum?

Beerli: Auch das hat mit der Neutralität und Unparteilichkeit zu tun. Wir sind zu 82 Prozent von Regierungen finanziert. Zum ersten Mal haben wir einen beachtlichen Betrag von China und Russland erhalten. Der grösste Brocken kommt von den USA. Hätten wir ein internationales Gremium, würde es wohl auf der Hand liegen, dass unsere grössten Geldgeber proportional vertreten wären. Dies wiederum würde aber unseren Bemühungen schaden, neutral zu sein.

Interview Léa Wertheimer

Humanitäre Hilfe mit Schweizer Wurzeln

ROTES KREUZ lea. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) feiert heuer sein 150-jähriges Bestehen. Es wurde 1863 vom Schweizer Henri Dunant in Genf gegründet, wo sich nach wie vor der IKRK-Hauptsitz befindet. Rechtliche Grundlage der Arbeit des IKRK bilden die Genfer Konventionen. Darin hat sich die internationale Gemeinschaft zu humanitären Grundsätzen in bewaffneten Konflikten verpflichtet – also quasi Regeln für den Krieg aufgestellt. Die Organisation hat unter anderem den Auftrag, die Einhaltung dieser Regeln zu überwachen. Sie soll Verwundeten und Zivilisten Schutz und Hilfe gewähren. Dreimal wurde dem Komitee der Friedensnobelpreis verliehen (1917, 1944 und 1963). Der Gründer Henry Dunant erhielt 1901 den ersten Friedensnobelpreis. Für das IKRK sind weltweit 12 000 Personen im Einsatz, davon sind rund 500 Schweizer. Die Organisation verfügt über ein Budget von rund 1,2 Milliarden Franken jährlich. Davon werden 82 Prozent von Staaten zur Verfügung gestellt. Das rote Kreuz auf weissem Grund gilt in der Genfer Konvention als Schutzzeichen. In kriegerischen Auseinandersetzungen kennzeichnet es die neutralen Mitarbeiter. Insbesondere in islamischen Regionen wird das Kreuz durch einen roten Halbmond ersetzt, um christliche Assoziation Kreuz zu verhindern.

Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts gab es keine systematische Krankenpflege in Kriegen. Im Jahre 1859 reiste Henry Dunant nach Italien. Dabei wurde er in der Nähe des kleinen Ortes Solferino Zeuge einer Schlacht, in deren Verlauf an einem einzigen Tag rund 6000 Soldaten getötet und etwa 25 000 verwundet wurden. Die völlig unzureichende medizinische Versorgung entsetzten ihn dermassen, dass er sich mehrere Tage lang der Versorgung der Verwundeten widmete. Unter dem Eindruck dieser Erlebnisse schrieb er ein Buch, das er 1862 unter dem Titel «Eine Erinnerung an Solferino» auf eigene Kosten veröffentlichte und an führende Persönlichkeiten aus Politik und Militär in ganz Europa verschickte. Darin regte er die Bildung von freiwilligen Hilfsorganisationen an, die sich in Friedenszeiten auf Hilfe für Verwundete im Krieg vorbereiten sollten. Damit war die Grundlage für das spätere Rote Kreuz geschaffen.Henry Dunant (1828–1910), Gründer des Roten Kreuzes.

Forum für Sicherheitsthemen

LUZERN lea. Die Vizepräsidentin des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz, Christine Beerli, referierte am Montag beim Sicherheitspolitischen Forum Zentralschweiz. Seit November 2012 leitet Paul Jä- ger die Geschicke des Forums, das sich üblicherweise Sicherheitsthemen auf die Fahne schreibt. «Das passt dennoch ausgesprochen gut zusammen», sagt Jäger. Denn auch die Schweizer Armee leiste humanitäre Arbeit, so Jäger, der stellvertretender Kommandant des Flugplatzes Emmen ist. «Die Luftwaffe zum Beispiel flog nach dem verheerenden Erdbeben in Sumatra Helikoptereinsätze und hat damit auch das IKRK unterstützt.»

Einst für den Kanton Bern im Ständerat

CHRISTINE BEERLI lea. Die Vizepräsidentin des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz ist 1953 in Biel geboren. Sie startete ihre politische Karriere als FDP-Politikerin im Stadtrat von Biel. Von 1991 bis 2003 vertrat sie die Interessen des Kantons Bern im Ständerat. 2003 kandidierte sie für einen Sitz im Bundesrat und unterlag schliesslich Hans-Rudolf Merz. Christine Beerli ist Rechtsanwältin. Sie war von 2003 bis im Herbst 2007 Direktorin des Departements Technik und Informatik der Berner Fachhochschule. Seit dem 1. Januar 2008 ist sie eine von zwei Vizepräsidenten des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz.