GENF: Sprachgewaltig gegen die Autokratie

In Genf treffen sich dieser Tage Menschenrechtler, Diplomaten und Aktivisten zum Gipfel. Unter den politisch Verfolgten, die auf Einladung der UNO sprechen, sind in diesem Jahr besonders viele Journalisten.

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Teilnehmer des UN-Menschenrechtsgipfels in Genf treten zum Gruppenbild an. (Bild: Isabelle Daniel/LZ (Genf, 21. Februar 2017))

Teilnehmer des UN-Menschenrechtsgipfels in Genf treten zum Gruppenbild an. (Bild: Isabelle Daniel/LZ (Genf, 21. Februar 2017))

Can Dündar hält einen Kugelschreiber in die Höhe. «Das ist unsere stärkste Waffe gegen den Autoritarismus», sagt der ehemalige Chefredaktor der türkischen Zeitung «Cumhuriyet». Dündar lebt seit dem vergangenen Jahr im Exil in Deutschland. In seinem Heimatland droht ihm Haft.

Ein Grossteil seiner früheren Kollegen von Cumhuriyet, einst die liberale Stimme der Türkei, sitzt seit Beginn der massiven politischen Säuberungen, die Staatschef Recep Tayyip Erdogan infolge des Putschversuchs vom Juli des vergangenen Jahres einleitete, im Gefängnis. Er glaube nicht, dass der Putschversuch eine Farce gewesen sei. «Hätte er funktioniert, hätten wir jetzt ein Militärregime. Jetzt haben wir einen Polizeistaat. Was ist der Unterschied?»

Dündars Metapher vom Kugelschreiber hat etwas für sich: Die stärkste Waffe wird von autokratischen Herrschern weltweit als Bedrohung wahrgenommen. So nimmt es kaum wunder, dass unter den Aktivisten und politisch Verfolgten, die am 9. Menschenrechtsgipfel in Genf teilnehmen, etliche Journalisten sind.

«Wir wollen ein Russland ohne Putin»

Neben Dündar sprach unter anderem Schanna Nemzowa über ihre Situation. Die Tochter des vor fast genau drei Jahren, am 27. Februar 2014, auf offener Strasse in Moskau erschossenen wichtigsten russischen Oppositionellen, lebt ebenfalls in Deutschland. Auch ihr Medium ist die Sprache. Sie arbeitet aktuell als Journalistin für den staatlichen Auslandsrundfunk «Deutsche Welle».

Nemzowas Botschaft an das internationale Publikum in den Genfer UN-Räumen ist eindeutig – und sie ist eine Wiederholung der Worte ihres Vaters: «Wir wollen ein Russland ohne politische Gefangene. Wir wollen ein Russland ohne Putin.»

Im Fokus des Genfer Menschenrechtsgipfels steht laut Programm die «Rückkehr des Autoritarismus». «In unser Land ist der Autoritarismus nicht zurückgekehrt, er war bereits da», sagt Dündar.

Wie Dündar kommen die meisten Teilnehmer des Gipfels aus Ländern, die sich schon lange im Visier von Menschenrechtlern befinden. Kaum einer der Sprecher lässt es sich indessen nehmen, auf die rechtspopulistischen Tendenzen weltweit zu verweisen.

Mahnende Worte richtete Gastgeber Hillel Neuer, Geschäftsführer der Genfer Nichtregierungsorganisation UN Watch, vor allem an Donald Trump. Der neue US-Präsident hatte die Medien jüngst als «Feinde des Volkes» bezeichnet. Das seien Worte, die man von Autokraten wie Erdogan erwarte, so Neuer. 

 

Isabelle Daniel

 

 

 

Can Dündar, ehemaliger Chefredaktor der türkischen Zeitung «Cumhuriyet» ist politisch verfolgt und spricht am menschenrechtspodium in Genf. (Bild: Markus Schreiber (Archiv AP Photo))

Can Dündar, ehemaliger Chefredaktor der türkischen Zeitung «Cumhuriyet» ist politisch verfolgt und spricht am menschenrechtspodium in Genf. (Bild: Markus Schreiber (Archiv AP Photo))

Der ehemalige Chefredaktor der türkischen Zeitung «Cumhuriyet», Can Dündar, und die Journalistin Schanna Nemzowa bei ihren Vorträgen im UN-Gebäude in Genf.

Der ehemalige Chefredaktor der türkischen Zeitung «Cumhuriyet», Can Dündar, und die Journalistin Schanna Nemzowa bei ihren Vorträgen im UN-Gebäude in Genf.