GENOZID: «Ich erwarte von der Schweiz Rückgrat»

Auch 100 Jahre nach dem Völkermord ist das Verbrechen bei den Armeniern allgegenwärtig. Zudem übt der ehemalige Co-Präsident der Gesellschaft Schweiz- Armenien Kritik am Bundesrat.

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Armenische Frauen und Kinder; die Männer wurden von den türkischen Behörden deportiert. 
Die Aufnahme stammt vom 16. September 1915. (Bild: Keystone)

Armenische Frauen und Kinder; die Männer wurden von den türkischen Behörden deportiert. Die Aufnahme stammt vom 16. September 1915. (Bild: Keystone)

Interview Lukas Leuzinger

Sarkis Shahinian, vor 100 Jahren begann das Massaker an den Armeniern. Was bedeutet das für Sie persönlich?

Sarkis Shahinian: Leben. Nicht überleben. Sein. Nicht sein Leben rechtfertigen. Es gab kein Massaker. Es gab eine präzise Absicht der Täter, das armenische Volk vollständig zu zerstören. Ich bin der Sohn eines Überlebenden des Medz Yeghern (Anmerkung der Redaktion: «Das grosse Verbrechen», armenischer Ausdruck für den Völkermord). Hundert Jahre, wie sie sich so einfach anhören, heissen nichts. Die Wunde blutet und dies auch, weil die heutigen Verantwortlichen in der Türkei nach wie vor diese Evidenz leugnen. Heute wie vor hundert Jahren.

Wie präsent ist die Tragödie heute unter den Armeniern?

Shahinian: Voll und ganz. Wie gestern. Wie morgen, wenn es nicht irgendwie gesühnt wird. Aber wir streben nach Gerechtigkeit und wir werden sie bekommen.

Wie gehen Armenier in der Schweiz mit der Erinnerung an den Völkermord um?

Shahinian: Das ist ein zentraler Begriff. Und doch symbolisch nicht so richtig vertieft. Es gibt keine armenische Familie, die nicht direkt oder indirekt unter dem Völkermord gelitten hat. Diese Erfahrung hat uns zu Boden geworfen. Seelisch und materiell.

Welche Lehren sollten wir heute aus dem schrecklichen Ereignis ziehen?

Shahinian: Was kann man als Lehre aus einer systematischen Vernichtung ziehen? Die Alarmglocken rechtzeitig läuten lassen? Wie? Grossbritannien, Frankreich und Russland haben am 24. Mai 1915 die Türkei öffentlich gewarnt, ihre kriminelle Tätigkeit gegen die Armenier sofort einzustellen, sonst würden sie wegen «Verbrechen gegen die Menschlichkeit» zur Rechenschaft gezogen. Das war übrigens das erste Mal, dass auf internationaler Ebene dieser Begriff verwendet wurde. Und dann? Seither gab es weitere schreckliche Verbrechen: an den Ukrainern bei der durch die Sowjetunion verursachten Hungersnot 1932/33, an den Juden während der Schoah. Später die Gräuel in Guatemala, die Verbrechen in Ruanda, Srebrenica, den Völkermord in Darfur, die Verbrechen des IS im Nordirak und in Syrien gegen die Jesiden und die Christen. Was sollten wir lernen? Was hat unser Bundesrat daraus gelernt, der sich im Rahmen der UNO-Menschenrechtskommission angeblich so stark für die menschliche Würde einsetzen möchte und dann vor der Erpressung durch die heutige Türkei nachgibt?

Was wollen Sie uns damit konkret sagen?

Shahinian: Es gibt mehrere Beispiele dazu. Etwa im Zusammenhang mit dem geplanten Mahnmal für den Völkermord an den Armeniern in Genf. Die Türkei hat damit gedroht, den Sitz der Genfer UNO zu verlegen, falls die Bewilligung zum Bau des Mahnmals auf dem Areal des Ariana-Museums erteilt wird.

Das heisst, Sie sind nicht zufrieden mit dem Verhalten der offiziellen Schweiz im Bezug auf den Völkermord?

Shahinian: Wenn wir über den Nationalrat und die Judikative sprechen, bin ich zufrieden. Wenn wir allerdings über das Aussenministerium und seinen Vorsitzenden sprechen, dann ganz und gar nicht. Die Art und Weise, wie sich Bundesrat Didier Burkhalter in der Sache des 100. Jahrestags des Völkermordes an den Armeniern benommen hat, laufen den Prinzipien einer Schweiz, die sich für Menschenrechte engagiert, völlig entgegen. Man kann nicht unsere schweizerischen Prinzipien durch ein solch opportunistisches Verhalten in Frage stellen.

Aber muss die Schweiz als neutrales Land nicht auch die Position der Türkei respektieren?

Shahinian: Es kann nicht sein, dass man sich im Fall eines Völkermords auf das Prinzip der Neutralität beruft. Völkermord ist das schwerste Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Ich erwarte von der Schweiz, dass sie Rückgrat zeigt, auch und vor allem gegenüber der Erpressung durch einen Staat, der seine Hausaufgaben in Sachen Vergangenheitsbewältigung nicht gemacht hat.

Wie ist indes heute das Verhältnis zwischen Armenien und der Türkei?

Shahinian: Gespannt. Die Türkei konnte ihren Hass gegen die Armenier nie rückgängig machen. Das zeigt die institutionelle Leugnung des Völkermordes. Das Abkommen, das 2009 in Zürich zwischen den Aussenministern Armeniens und der Türkei unterzeichnet wurde, haben daran nichts geändert, weil die Türkei in ihren Absichten von Anfang an nicht ehrlich war. Die Türkei muss sich ein für allemal von den Verantwortlichen von 1915, die bis heute wie Helden verehrt werden, distanzieren und eine vertiefte Analyse ihrer Rolle im Völkermord durchführen.

Gegenwärtig wird der Fall des türkischen Politikers Dogu Perinçek vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) behandelt, der vom Bundesgericht verurteilt wurde, weil er den Völkermord geleugnet haben soll. Was würde es bedeuten, wenn das Gericht die Position der Schweiz stützen würde?

Shahinian: Es würde bedeuten, dass die Menschenrechte noch ein wichtiger Wert für Europa sind und dass Prinzipien wie menschliche Würde noch einen Sinn haben. Die vorsätzliche Leugnung des Völkermordes an den Armeniern darf nicht vom Prinzip der Meinungsfreiheit geschützt werden denn diese Äusserungen wurden nicht im Sinne einer wissenschaftlichen Debatte gemacht, sondern nur, um eine bestimmte Gruppe, die Armenier, zu erniedrigen und zu diskriminieren. Das war die Schlussfolgerung, welche das Bundesgericht auch zweimal – 2007 und 2010 – gezogen hatte.

Hinweis

Sarkis Shahinian (1964) ist Architekt und Übersetzer. Von 2001 bis 2011 war er Co-Präsident der Gesell­schaft Schweiz-Armenien (GSA). Seit 2011 ist er ihr Ehrenpräsident. Shahinian lebt heute in Schmitten im Kanton Freiburg.

Sarkis Shahinian (1964) ist Architekt und Übersetzer. Von 2001 bis 2011 war er Co-Präsident der Gesellschaft Schweiz-Armenien (GSA). Seit 2011 ist er ihr Ehrenpräsident. Shahinian lebt heute in Schmitten im Kanton Freiburg. (Bild: PD)

Sarkis Shahinian (1964) ist Architekt und Übersetzer. Von 2001 bis 2011 war er Co-Präsident der Gesellschaft Schweiz-Armenien (GSA). Seit 2011 ist er ihr Ehrenpräsident. Shahinian lebt heute in Schmitten im Kanton Freiburg. (Bild: PD)