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GENTESTS: Gibt es bald nur noch perfekte Kinder?

Die Gegner der Präimplantationsdiagnostik fürchten, bei einem Ja am 5. Juni würden Kinder mit Down-Syndrom «eliminiert». Experten geben Entwarnung.
Aleksandra Mladenovic
Am 5. Juni stimmt das Volk über das Fortpflanzungsgesetz ab. Im Bild: Samenflüssigkeit wird in einer Zentrifuge für eine künstliche Befruchtung aufbereitet. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

Am 5. Juni stimmt das Volk über das Fortpflanzungsgesetz ab. Im Bild: Samenflüssigkeit wird in einer Zentrifuge für eine künstliche Befruchtung aufbereitet. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

Aleksandra Mladenovic

Ein süsses, blondes Baby blickt einem mit seinen mandelförmigen Augen entgegen – daneben steht: «Mich eliminieren?» Mit diesem kräftigen Bild eines Kindes mit Down-Syndrom (Trisomie 21) werben die Gegner der Präimplantationsdiagnostik (PID) auf ihrer Internetseite für ein Nein am 5. Juni. Dann entscheiden die Schweizer Stimmbürger über das revidierte Fortpflanzungsgesetz, welches die Anwendung der PID regelt. Letztes Jahr hatten sich 61,9 Prozent der Stimmbevölkerung für eine Verfassungsänderung ausgesprochen, welche die Grundlage für die Untersuchung künstlich befruchteter Embryos vor der Einpflanzung in den Mutterleib legt. Bei einem Ja am 5. Juni dürfen Paare, die Träger von schweren Erbkrankheiten sind oder auf natürlichem Weg keine Kinder bekommen können, künftig die im Reagenzglas erzeugten Embryonen genetisch auf Krankheiten testen lassen. Ausserdem dürfen dann für die künstliche Befruchtung 12 statt bisher drei Embryonen erzeugt werden.

«Lebenswert, nicht lebenswert»

«Zehntausende von Embryos würden nur dazu erzeugt, um nach ‹lebenswert›, oder ‹nicht lebenswert› eingeteilt zu werden», argumentiert das bürgerliche Gegnerkomitee – Eltern würden unter massiven Druck kommen, nur noch perfekte Kinder auf die Welt zu bringen. Zudem könnten Embryonen, die nicht gefallen, «einfach vernichtet oder zu Forschungszwecken verbraucht werden.» Kämen also keine Kinder mit Down-Syndrom mehr auf die Welt?

Dazu erst einmal ein Blick in die aktuelle Statistik: 2014 sind in der Schweiz 73 Kinder mit Trisomie 21 geboren worden, wie bislang unpublizierte Zahlen aus der Medizinischen Statistik der Krankenhäuser des Bundesamtes für Statistik (BFS) zeigen. Nach einer Verdoppelung innert zehn Jahren scheint die Anzahl zunächst rückläufig (siehe Grafik). Professor Bruno Imthurn, Direktor der Klinik für Reproduktions-Endokrinologie des Universitätsspitals Zürich, erklärt aber, dass man bei derart kleinen Werten nicht einzelne Jahre miteinander vergleichen dürfe: «Die Tendenz ist klar zunehmend.»

Mütter werden immer älter

Dies lasse sich zum Teil damit erklären, dass Frauen immer später gebären. Das Risiko einer Down-Syndrom-Schwangerschaft beträgt laut Eurocat, einem Netzwerk, das Daten zu Fehlbildungen in 21 europäischen Ländern sammelt, mit 25 bis 29 Jahren 0,1 Prozent, mit 40+ Jahren ist es bereits über zehnmal höher. Das Durchschnittsalter der Mütter ist innert zehn Jahren bei der Geburt ihrer Kinder laut BFS um über ein Jahr angestiegen (2003: 30,2 Jahre; 2013: 31,6 Jahre). Imthurn argumentiert allerdings, dass die Downsyndrom-Geburten in diesem Zeitraum gegenüber dem gestiegenen Risiko überproportional stark zugenommen hätten. Daraus interpretiert er: «Es lässt sich also bestimmt nicht folgern, dass der Druck auf die Paare und Frauen zum Schwangerschaftsabbruch zugenommen hätte.»

Viele Schwangerschaftsabbrüche

Dennoch werden in der Tat die meisten Trisomie-21-Schwangerschaften in der Schweiz abgebrochen, wie Berechnungen von Professor Roland Zimmermann, Direktor der Klinik für Geburtshilfe am Universitätsspital Zürich, zeigen. Er hat aufgrund des mit dem Alter steigenden Risikos berechnet, dass es 2014 in der Schweiz mutmasslich 234 Down-Syndrom-Schwangerschaften gegeben hat. Demgegenüber stehen 73 Lebendgeburten – es gab 2014 in der Schweiz also vermutlich weit über 100 Aborte wegen des Chromosomen-Defekts.

Dennoch beruhigt Zimmermann: «Die Präimplantationsdiagnostik wird nur ­einen verschwindend kleinen Teil von Trisomie 21 entdecken.» Schliesslich würden weitaus mehr Paare durch natürliche Befruchtung Eltern als durch künstliche. Und nur dort kommt die PID überhaupt erst zum Tragen. Geschätzte 95 bis 99 Prozent aller Down-Syndrom-Kinder würden heute entweder über den nicht invasiven Bluttest, welcher seit Juli 2015 kassenpflichtig ist, oder aber direkt über einen invasiven Test wie etwa die Fruchtwasserpunktion entdeckt, erklärt Zimmermann.

Ethik und Menschlichkeit

Imthurn sagt zudem, dass es sich bei der PID-Chromosomenuntersuchung von Kinderwunschpaaren um exakt die gleiche Untersuchung handle, wie sie im Rahmen der Pränataldiagnostik ab der 11. Schwangerschaftswoche in der Schweiz bereits seit langem durchgeführt werde. Die Tests seien lediglich vorverlegt. «Die ethische Entscheidung ist für das Paar und die Frau die genau gleiche. Es würde somit insgesamt nicht zu mehr Chromosomenuntersuchungen kommen als heute», ist Imthurn überzeugt. Er erklärt, dass die werdenden Mütter nach einer PID keine Pränataldiagnostik mehr durchführen würden. Die Zahl der Aborte würde nach der Einführung der PID in der Schweiz abnehmen; «die Zahl der Trisomie-21-Kinder würde deswegen kaum beeinflusst», sagt Imthurn und zieht den Vergleich zur EU, wo die PID in 27 von 28 Ländern – teilweise bereits seit Jahrzehnten – zugelassen ist: «Dort konnten weder Missbräuche noch ein erhöhter Druck auf Paare oder Behinderte festgestellt werden.»

Ein Verbot hingegen sei unmenschlich, findet der Direktor der Klinik für Reproduktions-Endokrinologie des Universitätsspitals Zürich: «Man zwingt die Frau bis zur 11. Schwangerschaftswoche zuzuwarten und einen vermeidbaren Schwangerschaftsabbruch zu ertragen.»

Glückliches Leben möglich

Heidi Lauper, Co-Geschäftsführerin von Insieme (Dachverband der Schweizer Behindertenvereine), ist gänzlich anderer Meinung: «Die Medizin geht immer gleich davon aus, dass Behinderung etwas Leidvolles ist.» Betroffene Frauen und Paare würden sich oft für einen Abort entscheiden, weil sie nicht realisierten, dass auch ein Kind mit Down-Syndrom und seine Familie ein glückliches Leben führen könnten. «Es gibt Förder- und Unterstützungsmöglichkeiten für diese Familien», fügt Lauper an. Grundsätzlich sei Insieme nicht gegen die Präimplantationsdiagnostik. «Paare mit erblicher Vorbelastung sollten diese Möglichkeit erhalten. Allerdings geht die Vorlage, über die wir abstimmen, zu weit – alle können praktisch alles testen lassen», sagt Lauper. Das führe zu einer Diskriminierung der Behinderten: «Wie sollen sie in der Gesellschaft willkommen geheissen werden, wenn man sie bereits als Embryo ausschaltet?»

Unsere Infografik.

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