GEOTHERMIE: Luzern ist nicht St. Gallen

Bis im Herbst will die Firma Geo-Energie Suisse klären, wo im Kanton Luzern ein Kraftwerk entstehen soll. Mit St. Gallen sei der Standort nicht vergleichbar.

Kari Kälin
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Das Bohren in die Tiefe birgt Risiken: hier der Bohrer des St. Galler Geothermie-Projekts, der am Samstagmorgen ein Erdbeben auslöste. (Bild: Keystone/Gian Ehrenzeller)

Das Bohren in die Tiefe birgt Risiken: hier der Bohrer des St. Galler Geothermie-Projekts, der am Samstagmorgen ein Erdbeben auslöste. (Bild: Keystone/Gian Ehrenzeller)

Der Bund will den Atomausstieg unter anderem dank der Geothermie schaffen. Am letzten Samstag hat das Vertrauen in diese alternative Energieform, die aus Erdwärme gewonnen wird, jedoch arg gelitten. Ein Geothermie-Projekt in St. Gallen hat ein Erdbeben mit der Stärke 3,6 auf der Richterskala ausgelöst. Wegen eines ähnlichen Projekts hatte die Erde 2006 schon in Basel gebebt. Die Basler Geothermie-Pläne wurden in der Folge begraben.

Peter Meier ist Geschäftsführer der Zürcher Firma Geo-Energie Suisse AG. In Avenches VD, in der Haute-Sorne JU, in Etzwilen TG und im Raum Luzern Nord will er in den nächsten Jahren Geothermie-Kraftwerke bauen. Der Abgesang auf die Geothermie, den nun einige Politiker anstimmen, ist für Meier kein Grund, den Kopf in den Sand zu stecken. «Das Thema Geothermie ist zu wichtig, als dass man es nach dem Vorfall in St. Gallen ad Acta legen könnte», sagt er. Bei den erneuerbaren Energien spiele die Geothermie eine wichtige Rolle. «Diese Technik wird wieder an Akzeptanz gewinnen», sagt Meier.

100 Millionen Franken Investitionen

Ungeachtet der aktuellen medialen Erschütterungen treibt die Geo-Energie Suisse AG deshalb auch das Pilotprojekt im Raum Luzern Nord voran. Bis im Herbst will Meier entscheiden, an welchem Standort ein Geothermie-Kraftwerk entstehen soll. In Frage kommt zum Beispiel Sursee. «In Luzern Nord sind einige Standorte im Rennen», sagt er. Matchentscheidend sei zuerst die Raumplanung. Denn wegen der Lärmemissionen dürfe ein Kraftwerk nicht zu nahe an eine Wohnsiedlung zu liegen kommen.

Das Kraftwerk in Luzern soll Strom für rund 6000 Haushalte liefern. Dafür muss 3,5 bis 4,5 Kilometer in die Tiefe gebohrt werden. Insgesamt rechnet Meier mit Kosten von 80 bis 100 Millionen Franken. Frühestens 2017 werden die Bohrungen aufgenommen. Ab 2020 könnte das Geothermie-Werk dann in Betrieb genommen werden. Der Kanton Luzern hat kürzlich die gesetzlichen Grundlagen für eine finanzielle Unterstützung solcher Projekte geschaffen. Und von einem Geothermie-Moratorium will die Regierung trotz des Erdbebens in St. Gallen nichts wissen (siehe Ausgabe von gestern).

Doch wie will Meier die Skeptiker überzeugen? Und drohen in Luzern ebenfalls Erdbeben und andere Erschütterungen, sollte das Projekt gestartet werden? «Der Raum Luzern Nord ist grundsätzlich sehr gut für die Geothermie geeignet», sagt Meier. Das hätten geologische Untersuchungen ergeben. Der Standort sei auch nicht mit St. Gallen zu vergleichen. Dort kam es zum Erdbeben, weil Wasser ins Bohrloch gepumpt werden musste, um das austretende Gas zurückzubinden. Der Grund für diesen Vorfall liegt in der Bodenbeschaffenheit. In St. Gallen bohrten sich die Spezialisten durch Kalkstein, aus dem Gas austritt. In Luzern Nord findet man Granit vor. «In diesem Gestein gibt es keine Probleme mit dem Gas», sagt Meier.

Dass die Bohrungen auch in Luzern Nord kleinere Erdbeben auslösen werden, ist jedoch klar. «Wir stoppen die Wasserinjektion bei einer Stärke zwei auf der Richterskala, so haben wir noch eine Sicherheitsmarge», so Meier. Das Ziel laute, Schäden zu vermeiden. Dank einer Bohrtechnik, mit der sich der Druck auf viele kleine, bereits vorhandene Risse im Gestein verteile, werde die Erdbebengefahr deutlich verringert. Erst ab einer Stärke von 2,5 könne es zu kleineren Rissen bei Gebäuden kommen.

Vorzeigeprojekt in Deutschland

Dass Geothermie-Projekte durchaus von Erfolg gekrönt sein können, zeigt das Beispiel Unterhaching. Die Gemeinde mit seinen 24 000 Einwohnern liegt südlich der Stadt München. Das Kraftwerk ist seit Oktober 2007 in Betrieb, liefert Wärme für 5500 Haushalte und gehört zu 100 Prozent der Gemeinde Unterhaching. Den Strom verkauft das Werk einem regionalen Energielieferanten. «Während der Bohrungen hatten wir nie Probleme mit Erderschütterungen», sagt Erwin Knapek (70), der von 1996 bis 2008 als Bürgermeister von Unterhaching amtete und heute im Aufsichtsrat des Geothermie-Kraftwerks sitzt. Man habe ein einziges Mal Erschütterungen mit der Stärke 2 auf der Richterskala registriert. «Es handelt sich um ein Vorzeigeprojekt. Technisch läuft alles gut», sagt Knapek.

Grüne reden von «Fass ohne Boden»

Ein bisschen anders sieht es bei den Finanzen aus. Das ganze Projekt verschlang rund 90 Millionen Euro. Allein die Bohrkosten beliefen sich auf 20 Millionen Euro. Noch im Jahr 2001 waren sie auf 7,5 Millionen Euro geschätzt worden. Diese Summe stellte die Gemeinde Unterhaching für die Bohrungen als Eigenkapital zur Verfügung – zu wenig. Allein im Jahr 2013 musste Unterhaching deshalb 4 Millionen Euro ins Projekt stecken. Die Grünen werfen Knapek vor, ein «Fass ohne Boden» hinterlassen zu haben, wie der «Münchner Merkur» berichtete. Knapek räumt zwar ein, dass man für die Bohrungen das Eigenkapital hätte aufstocken müssen. Das Kraftwerk erziele aber Betriebsgewinne in der Höhe von 0,5 bis 2,5 Millionen Euro. Ab Mitte der 2020er-Jahre werde sich die Investition auch finanziell lohnen und die Gemeinde «dann richtig Geld verdienen».

Übrigens: Als grösste Hürde für ein Geothermie-Kraftwerk in der Schweiz betrachtet Peter Meier von der Geo-Energie Suisse AG die Finanzierung. Angesichts des politischen Gezänks in Unterhaching könnte er mit dieser Einschätzung nicht ganz falsch liegen.