GESCHICHTE: Bundesgeld für Schlachtfeiern

50 000 Franken für Marignano, 200 000 Franken für Morgarten: Mit so viel Geld unterstützt der Bund zwei Schlachtjubiläen. Die SP ist befremdet.

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Trachtenleute im Jahr 2014 anlässlich der 699-Jahr-Feier der Schlacht bei Morgarten auf dem Weg zur Schlachtkapelle in Schornen ZG. (Bild: Keystone/Sigi Tischler)

Trachtenleute im Jahr 2014 anlässlich der 699-Jahr-Feier der Schlacht bei Morgarten auf dem Weg zur Schlachtkapelle in Schornen ZG. (Bild: Keystone/Sigi Tischler)

Kari Kälin

700 Jahre Morgarten, 500 Jahre Marignano, 200 Jahre Wiener Kongress, 70 Jahre Ende des Zweiten Weltkrieges: 2015 ist ein Jahr der Jubiläen mit zahlreichen Gedenkfeiern. Der Bundesrat will dabei keine «obrigkeitliche Erinnerungskultur» schaffen und Erinnerungsanlässe nur punktuell unterstützen, wie er letzte Woche in der Antwort auf eine Interpellation festhielt.

Ganz aus dem Spiel nimmt sich der Bund jedoch nicht. So unterstützt das Verteidigungsdepartement (VBS) die Gedenkfeierlichkeiten zur Schlacht in Marignano (heute Melegnano) mit 50 000 Franken. Das ist kein Zufall. Die Stiftung Pro Marignano, welche die Feierlichkeiten organisiert, pflegt seit Jahren gute Kontakte zu Verteidigungsminister Ueli Maurer. Dieser wiederum sitzt als einziger amtierender Bundesrat im Ehrenpatronat des Jubiläumsanlasses.

Das Bundesamt für Kultur seinerseits steuert 200 000 Franken für ein Freilichttheater bei, das im Sommer im Rahmen zum Morgartenjubiläum aufgeführt wird. Zudem finden, auch zum Wiener Kongress, Ausstellungen im Schweizerischen Nationalmuseum statt.

Debakel mit 10 000 Toten

Die SP befürchtet, dass die SVP aus Morgarten und Marignano im Wahljahr politisches Kapital schlägt und sie diese Jubiläen als Sinnbild für eine unabhängige, neutrale, souveräne Schweiz propagandistisch ausschlachtet. Entsprechend schlecht kommt die finanzielle Unterstützung des Bundes an. Die Erinnerung an diese Ereignisse liefere keine Antworten auf heutige Herausforderungen, sagt Jacqueline Fehr, SP-Vizepräsidentin und Zürcher Nationalrätin. Und: «Es ist befremdlich, dass ein Verteidigungsminister Geld für das Feiern einer Niederlage ausgibt.»

In der Tat erlitten die Eidgenossen am 13. und 14. September 1515 bei der Schlacht von Marignano gegen die Franzosen eine Niederlage mit 10 000 Toten. Im kollektiven Gedächtnis markiert das Debakel jedoch den Beginn der schweizerischen Neutralität. Anders als Fehr erkennt der Nidwaldner SVP-Nationalrat und Historiker Peter Keller in Marignano noch heute eine tiefere Bedeutung für die Schweiz: «Unsere Neutralitätstradition speist sich aus dem Mythos Marignano: sich nicht in fremde Händel mischen, aussenpolitisch Zurückhaltung üben und dafür gute Dienste leisten.» Damit sei die kleine Schweiz gut gefahren.

Friedenslinde am Löwenplatz?

Jacqueline Fehr hingegen hofft, dass solche Deutungen nicht die Oberhand nehmen. In einem Papier der SP heisst es denn auch, man solle die 500-Jahr-Feier schlicht ignorieren.

Stattdessen möchten die Sozialdemokraten viel lieber öffentlichkeitswirksam ans Ende des Zweiten Weltkrieges erinnern, das sich am 8. Mai zum 70. Mal jährt. Man könne dabei all jenen danken, die den Nationalsozialismus und Faschismus besiegt und jene Institutionen errichtet hätten, auf denen die moderne europäische Friedensordnung beruhe, forderte Jacqueline Fehr in einem Vorstoss. Der Bundesrat sicherte zu, allenfalls bei einem nationalen oder internationalen Gedenkanlass mitzuwirken. Selber plant er indes keine besonderen Aktionen.

Ganz anders die SP. An möglichst vielen Orten in der Schweiz sollen am 8. Mai Friedenslinden gepflanzt werden. Zu diesem Zweck haben SP-Politiker in zahlreichen Städten und Kantonen Vorstösse lanciert. Der Luzerner Kantonsrat David Roth etwa könnte sich vorstellen, am Löwenplatz auf der Insel bei den Parkplätzen einen Baum zu pflanzen. Er hofft, dass das Parlament seinen Vorstoss gutheissen wird.

Berset spricht zu Marignano

Jacqueline Fehr erwartet derweil vom Bundesrat, dass er Kantone und Städte ermuntert, von sich aus Friedenslinden zu pflanzen. «Die Landesregierung sollte als Initiator in Erscheinung treten», sagt sie und denkt dabei vor allem an Parteikollege Alain Berset. «Ich würde es begrüssen, wenn er einer solchen Aktion beiwohnen würde.» Als Nächstes muss sich der Kulturminister jedoch ausgerechnet mit Marignano befassen. Am 26. März wird er zur Eröffnung einer Ausstellung im Landesmuseum Zürich eine Rede halten.

Stiftung reagiert gelassen

Und die Stiftung Pro Marignano? Sie reagiert gelassen auf den Streit um die richtige Erinnerungskultur. Fulcieri Silvio Kistler (75), Vizepräsident und Projektleiter des Jubiläums, spricht von einer «republikanischen Gedenkfeier», bei der es darum gehe, die Bedeutung der Schlacht von Marignano aus heutiger Sicht zu würdigen. Umso mehr freut er sich über den Zustupf von Ueli Maurer. Und im Kanton Tessin werde der Anlass auch von linken Politikern unterstützt, ergänzt der ehemalige Kadermitarbeiter der Bank UBS.