Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

GESCHICHTE: «Läck, hend die enand uf de Grind gä»

Mythen seien oft wahrer als die Realität, sagt Christoph Blocher. Ein Gespräch mit dem SVP-Doyen über Heimat, Traditionen und Kunst.
Interview Sermin Faki
Alt Bundesrat Christoph Blocher vor einem seiner Gemälde von Albert Anker. (Bild: Keystone/Christian Schnur)

Alt Bundesrat Christoph Blocher vor einem seiner Gemälde von Albert Anker. (Bild: Keystone/Christian Schnur)

Herr Blocher, am 2. Januar werden Sie in Luzern drei Zentralschweizer Persönlichkeiten würdigen: Niklaus von Flüe, den Politiker Philipp Anton von Segesser und den Maler Robert Zünd. Was beeindruckt Sie an diesen dreien?

Christoph Blocher: Die Nachwirkungen. Im Zentrum steht Niklaus von Flüe, seine Nachwirkungen sind anhaltend. Eigentlich nur wegen des kleinen Satzes: «Machend den zun nit zu wit.»

... der ziemlich sicher erfunden ist.

Blocher: Ob er diesen Satz je so gesagt hat oder nicht – ist nicht entscheidend.

Sollte Geschichte, auf die man ein Weltbild gründet, nicht wenigstens wahr sein?

Blocher: Wahrheit kann bedeutungsvoller sein als Wirklichkeit. Dass es Niklaus von Flüe gegeben hat, ist belegt. Im Gegensatz zu Winkelried und Tell. Aber selbst das spielt keine Rolle. Es sind Mythen. Drin steckt oft eine tiefe Wahrheit. So sagt Gottfried Keller über die Tell-Sage: «Ob sie geschehen, ist hier nicht zu fragen. Die Perle jeder Sage ist ihr Sinn. Der reife Kern von allen Völkersagen ruht hier frisch darin.» In den Mythen ruht – wie oft auch in den Märchen – ein tiefer Sinn, weil sie allgemeine Prinzipien und Lebenswahrheiten ausdrücken. «Machend den zun nit zu wit» ist ein wichtiger Führungsgrundsatz der Schweiz geworden, gleichgültig, ob Bruder Klaus es je genauso gesagt hat oder nicht. Für die Wirtschaft gilt ähnliches: «Schuster, bleib bei deinen Leisten.»

Ein Mythos ist demzufolge gut, wenn er in Ihr Lebensbild passt?

Blocher: Wenn das Lebensbild der Lebenswirklichkeit entspricht, sind die Mythen bedeutsam. Ich hoffe, dass es bei mir so ist! (lacht).

Aber ist es nicht falsch, eine Tradition zu erfinden und darauf ein Selbstverständnis zu bauen, ohne dass die Tradition in der Realität gründet?

Blocher: Haben Sie nicht gerade Weihnachten gefeiert?

Ja, selbstverständlich.

Blocher: Die Realität der Geburt Jesu ist nicht beweisbar. Aber sie entspricht der Wahrheit! Wenn Sie so wollen, ein Mythos. Sie ist viel wahrer als die nachweisbare Realität. Und «Machend den zun nit zu wit» ist für die Schweiz ein ganz wichtiger Führungsgrundsatz.

Warum?

Blocher: Auch in der Schweiz wollten oft die leitenden Leute grösser und wichtiger werden. Gegen diese Versuchung hat die Weisheit von Bruder Klaus geholfen. So auch die Schlacht bei Marignano 1515 – also 30 Jahre später –, als die Schweizer so «gottvergessen auf die Schnurre» bekamen. Diese heilsame Niederlage hat die Grossmachtsträume zurückgebunden. Hinter «den Zun». Vielleicht einer der Schlüssel für eine erfolgreiche Schweiz. Auch das heilsame Nein zum EWR/EU-Beitritt 1992 ist vielleicht darauf zurückzuführen.

In der Zentralschweiz ist Bruder Klaus mehr als dieser Satz.

Blocher: Ja, Niklaus von Flüe war ein grosser Mystiker, spirituell, selig und heilig gesprochen. Ich muss gestehen, dass ich persönlich dazu wenig Zugang habe. Aber wer ihn deswegen bewundert, soll dies tun.

Was verbindet Sie mit dem Politiker Philipp Anton von Segesser?

Blocher: Er war im 19. Jahrhundert der Gegenspieler von Alfred Escher, dem grossen Zürcher liberalen Wirtschaftskapitän. Damit ist Segesser eigentlich nicht auf meiner Seite – aber dann doch wieder. Escher ist im Laufe seines Lebens zum Zentralisten mutiert. Er wollte vorwärtsmachen bei der Gotthardbahn und mit der Industrie, da waren ihm die Kantone im Weg. Ich bewundere seinen wirtschaftlichen Tatendrang – aber nicht seine Geringschätzung der Kantone! Gut, hatten wir noch den Erzföderalisten Segesser, der dagegengehalten hat. Er sagte: Die Schweiz interessiere ihn nur, weil Luzern – sein Heimatkanton – drin liege.

Segesser und Escher ist eine spezielle Beziehung ...

Blocher: ... die haben sich wunderbar gehasst!

Wunderbar?

Blocher: Ja natürlich. Hass ist auch ein Zeichen der Anteilnahme und von Leidenschaft. Das gibts heute unter Politikern ja nur selten. Alles liebt sich – leidenschaftslos. Escher hat den Namen Segesser, mit dem er 34 Jahre lang im Nationalrat sass, nie ausgesprochen, und auch Segesser den Namen Escher nicht. «Läck, hend die enand uf de Grind gä.» Nicht dieses heuchlerische Getue von heute, wo jeder teilnahmslos vom Blatt abliest. Das waren damals leidenschaftliche Auseinandersetzungen. Es ging um etwas!

Wären Sie lieber Politiker im 19. Jahrhundert gewesen?

Blocher: Vielleicht. Es gab leidenschaftliche Dispute zwischen Liberalen und Konservativen. Das Resultat war dann grossartig! Die Bundesverfassungen von 1848 und 1874, Freiheitsrechte und die Ständekammer! Leute wie Escher haben Sachen einfach an die Hand genommen – gehandelt. Er hat sogar als Zürcher Regierungsrat Verträge mit sich selbst als Unternehmer beidseitig unterschrieben. (lacht)

Darauf sind Sie also neidisch!

Blocher: Nein, nein. Ich sehe die Problematik, aber man sieht daran, dass auch das Krumme dann gut kommt, wenn das Motiv stimmt. Es war zum Wohle des Landes. Ohne Escher hätten wir die Gotthardbahn nicht. Ohne Segesser einen zentralschweizerischen Einheitsstaat.

Heute wehrt sich genau die SVP sowohl gegen solche Vetterliwirtschaft als auch gegen Grossprojekte.

Blocher: Gegen Vetterliwirtschaft – weil sie in der Regel im Interesse der «Vettern» und nicht des Landes ist. Das Motiv stimmt nicht! Vielleicht hätte auch ich – wie Segesser – die Gotthardbahn damals falsch beurteilt. Aber es ist ein eindrückliches Werk. Und Escher hat nicht gezaudert. Er hat die Kreditanstalt gegründet, um die Gotthardbahn zu finanzieren. Er hat die Rentenanstalt gegründet und die ETH. Immer vorwärts, immer voran. Drum hat es ja Segesser gebraucht als Gegenpol. Ich bin also ganz für Escher, aber auch für Segesser.

Zwei Herzen, die in Ihrer Brust schlagen?

Blocher: Nein. Des einen Stärke war des anderen Schwäche. Segesser hatte ein Manko in wirtschaftlichen Fragen. Aber Escher hatte eines in Bezug auf den Föderalismus. Als alt Bundesrat kann ich Escher ein Stück weit verstehen. Die Schweiz, das ist mir damals aufgegangen, ist eine «wohlgeordnete Anarchie». Aber das ist gut so. Der Föderalismus pulverisiert die Macht im Staat. Es braucht das stossende und das bremsende Element.

Sie sind eher der Bremser?

Blocher: Ich bin die Synthese aus beidem. Stossend in der Wirtschaft – ich ging als Industrieller voran. Und politisch zurückhaltend ganz nach von Flüe. Und wie Segesser gebe ich viel auf eigenständige Kantone. Er hat immer an seinen Überzeugungen festgehalten. Die CVP sollte sich an ihm ein Beispiel nehmen – und die FDP an Escher.

Warum?

Blocher: Dass es beiden Parteien heute schlecht geht, liegt daran, dass sie über dem Streben nach Macht das moralische Fundament verloren haben. Die CVP hat ihre Positionen in der Gesellschaftspolitik preisgegeben.

Und die SVP?

Blocher: Wir standen vor einer ähnlichen Entscheidung. 1975, als alle bürgerlichen Parteien massiv verloren haben. Doch im Gegensatz zu CVP und FDP, die nach links gerückt sind, haben wir noch konsequenter auf einen liberal-konservativen Kurs gesetzt. Innerhalb der Partei gab das schwere Auseinandersetzungen. Aber eine Partei braucht ein tragfähiges Fundament, das auch dem Gegenwind trotzt. Mein Ziel war nie, die SVP zur stärksten Partei zu machen. Die Devise lautete: Konsequent die Werte der Schweiz vertreten, auch wenn das Gegenteil Mode ist.

So wie Segesser?

Blocher: Segesser ist immer für seine Positionen eingestanden. Wenigstens von seinen Gegnern – den Liberalen – wurde er dafür respektiert, wenn auch nicht geliebt. Aber man muss nicht geliebt werden. Wer einfach nur geliebt werden will, ist nichts wert. Ich kenne niemanden, der Grosses bewegt hat und nicht angefeindet wurde. Viele dieser bedeutenden Persönlichkeiten waren ja auch nicht gerade die umgänglichsten Menschen, sondern oft etwas «kurlig».

Wie der Maler Robert Zünd?

Blocher: Ja, der war sicher etwas «kurlig». Er konnte sich nie von Luzern lösen und war ein Einzelgänger. Aber er war ein Meister der realistischen Landschaftsmalerei.

Wie Albert Anker und Ferdinand Hodler. Was fasziniert Sie am Realismus so sehr?

Blocher: Die Künstler haben in ihren Werken ein Ideal zum Ausdruck gebracht. Wie Anker gesagt hat: «Ich will die Schönheit der Welt zeigen.» Das war auch das Anliegen von Zünd. Seine Landschaften sind immer schön, es herrscht ausnahmslos schönes Wetter. Er wollte das Licht in der Welt zeigen. Darin war er ein Meister.

Zünd zeigt die Welt als ländliches Paradies – und das während der Industrialisierung. Muss sich gute Kunst nicht immer auch mit ihrer Zeit befassen?

Blocher: Die Welt hat immer zwei Seiten. Das Elend und die Schönheit. Anker, Hodler, Zünd fanden, dass letztlich das Schöne überwiegt. «Siehe, die Welt ist nicht verdammt!», schrieb Anker. Jeder hat Sorgen, Misserfolg, schwere Zeiten. Aber verloren sind wir nicht. Diese Botschaft verbreiten Ankers Personenbildnisse, Hodlers Berglandschaften wie auch Zünds gigantische Ährenfelder und Eichenwälder.

Sie veranstalten diese Würdigung nun schon zum fünften Mal. Warum?

Blocher: Weil die Leute Freude haben und ich den Leuten zeigen will, was Wunderbares aus ihrer Region hervorgegangen ist. Und ich will das Interesse für Geschichte wecken. Wir leben leider in einer geschichtslosen Zeit. Die Kinder lernen heute ja die Schweizer Geschichte nicht mehr. Das hat natürlich System. Wer den Menschen ihre Geschichte, ihre Herkunft und ihre Mythen nimmt, macht sie heimatlos. Heimatlose kann man besser führen, zum Beispiel in die EU.

Und mit Ihren Würdigungen geben Sie Gegensteuer?

Blocher: Ja. Politiker sollten nicht nur Gesetzesrevisionen vertreten. Wir dürfen auch den Unterbau nicht vergessen – das Fundament. Aus der Schweizer Landschaft gehen so viele bedeutende Persönlichkeiten hervor, die ich gern vorstellen will. Wie sich gezeigt hat, war das bis jetzt ein voller Erfolg. Die Leute sind wie trockene Schwämme, die das Wasser aufsaugen.

Wie ist das, König Midas zu sein? Wenn alles, was man anfasst, zu Gold wird?

Blocher: Ich fühle mich weder als König, noch habe ich das Gefühl, es werde mir alles zu Gold. Im Rückblick ist vieles erfolgreich gewesen, das stimmt. Aber ich realisiere das gar nicht. Ich stehe nie am Ende einer Aufgabe, sondern stets am Anfang einer neuen! Aber wissen Sie, Zünd hat auch nicht interessiert, ob er erfolgreich ist. Er wollte einfach malen. Und als Bruder Klaus entschlafen ist, hat er auch nie gedacht, dass ein bedeutendes Sätzlein wie «Machend den zun nit zu wit» die Eidgenossenschaft in heiklen Situationen retten wird.

Hinweis

Am 2. Januar wird Christoph Blocher in Luzern drei Zentralschweizer Persönlichkeiten ehren. Im Zentrum des Anlasses steht Niklaus von der Flüe. Zudem wird Blocher über den Luzerner Politiker Philipp Anton von Segesser und den Maler Robert Zünd sprechen. Der Anlass findet in der Messe Allmend statt. Er beginnt um 10.30 Uhr.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.